H/C - jemanden tragen - fürs Team
Aug. 19th, 2017 01:12 pmTeam:Aschenputtel
Challenge: H/C – jemanden tragen/stützen – fürs Team
Fandom: Crows Zero
Titel: Scherben und Asche
Inhalt: Tamao bringt Tokio nach Hause, nachdem er verdroschen wurde.
Anmerkung: Ich habe endlich eine Art Chronologie! I II III IV Tokio und Tamao haben sich demnach gerade gestritten und alles ist furchtbar und dann wird man auch noch verprügelt, hach, man hat es schon nicht leicht…
Scherben und Asche
Tamao bringt ihn tatsächlich nach Hause. Schwankend, zitternd, hustend, an der Wand abstützend - „Gehts?“ - „Halts Maul.“- kommen sie tatsächlich irgendwann in den etwas ruhigeren Straßen mit den etwas größeren und schöneren Häusern an.
Die Tankstelle, die Tamao zu seinem Stützpunkt auserkoren hat, oder gar die Suzuran wären viel näher gewesen und sie hätten sich nicht so abkämpfen müssen, um den Hügel hinaufzustolpern. Aber Tokio wollte zum ersten Mal in seinem Leben lieber nach Hause als zu Tamao, denn zuhause gibt es ein Bett, auf das er sich werfen und eine Tür, die er Tamao vor der Nase zuschlagen kann, damit er ihn nicht mehr angucken muss. Er will allein sein. Sich schämen und sich hassen, für das, was passiert ist.
Was er zugelassen hat.
Sein Kiefer pocht an allen möglichen Stellen und Tokio vermutet, dass er sich ein paar Rippen angeknackst hat. Wahrscheinlich sollte er zum Arzt gehen. Die Narbe an seinem Hinterkopf zerrt unter dem Verband und er weiß, dass er irgendwo blutet, weil er in der Spiegelung des Schaufensters der Pachinko-Halle gesehen hat, dass sein Hemd rot beschmiert ist.
Tokio schließt die Augen, ohne es zu wollen und fällt noch etwas schwerer gegen Tamao. Er muss heim, er muss durchhalten, seine Finger und Füße noch ein bisschen weiter quälen...
„Pause“, sagt Tamao da. Es ist keine Frage und Tokio antwortet nicht darauf, denn ihm wird schwindlig und schwarz vor Augen, obwohl er sie längst geschlossen hat. Sein Kopf kippt zur Seite, und Tokio fragt sich, ob er gerade wieder in Ohnmacht fällt - Nicht hier, nicht jetzt, nicht schon wieder vor ihm! - doch dann spürt er Tamaos Hände an seiner Hüfte und seinem Rücken. Er setzt ihn sanft zwischen das Gestrüpp und dem scharfen, knirschenden Kies auf dem Seitenweg ab, direkt in den Schatten eines Getränkeautomaten.
Endlich schafft Tokio es, die Augen wieder zu öffnen, einen winzigen Spalt nur, doch es reicht, um Tamao zu erkennen. Der wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn. Vielleicht spürt er endlich den fiesen, langen Kratzer über seiner Braue, der beständig Blut in seine Augen träufelt, doch so, wie Tokio ihn kennt, stören ihn wahrscheinlich bloß seine langen, ungekämmten Haare und der Schweiß.
Tamao stopft seine dreckigen Hände in die Hosentaschen und runzelt die Stirn.
„Scheiße.“
So ziemlich, denkt Tokio. Er sagt nichts und lehnt stattdessen den Kopf an das kühle Metall des Automaten. Es fühlt sich himmlisch an, zumindest bis sich Tamao ganz dicht vor ihn beugt und ihn mit seinen Haaren an der Wange und am Mund kitzelt. Er kniet zwischen seinen Beinen und stopft seine Finger in Tokios Hosentaschen, wühlt und rupft an seinem Gürtel herum und wenn Tokio seinen Nacken von der schönen kalten Wand neben ihm lösen könnte, würde er Tamao weg schubsen.
So stöhnt er nur und dreht den Kopf, bis er seine Stirn an den Automaten lehnen kann.
„Was zum...“
„Geld“, murmelt Tamao und schon sind seine Finger wieder verschwunden, genau wie die paar Hundert-Yen-Münzen, die Tokio in der Tasche hatte.
„Sag doch einfach was.“
„Ging schneller.“
Das Geld klimpert, der Automat röhrt und bevor das laute Poltern der Flaschen im Inneren Tokios Trommelfell ganz zerfetzen kann, zieht er die Knie an und verbirgt den Kopf dahinter.
Hoffentlich sieht sie so keiner, denkt er, aber es verirrt sich selten nur jemand von der Schule bis hierher und wenn er sich jetzt schon um so was Sorgen macht, geht es ihm schlechter als er angenommen hat.
Und dann schwappen die Wörter wieder hoch in sein Hirn.
Nutte. Konkubine. Schwanzlutscher.
So an sich sind das alles keine Begriffe, die Tokio irgendetwas ausmachen. Er selbst hat Leuten bestimmt schon schlimmeres an den Kopf geknallt und an normalen Tagen, wenn er nicht gerade von ein paar Halbstarken zusammengeschlagen worden wäre, dann hätte er gelacht und sie schon längst wieder vergessen.
Aber jetzt sitzt er nun mal hier, seine Schläfe und sein Bauch pochen mit jedem Herzschlag schmerzhaft mit und als Tamao sich ganz dicht neben ihn setzt und ihm eine Flasche eiskalten Lycheeeistee in die Hände drückt, zuckt er heftig zusammen.
Seit die Schule wieder angefangen hat, ist jeden Tag etwas mehr von Tokios Leben in tausend Scherben zerbrochen. Es wäre leicht, Genji die Schuld an allem zu geben, denn Genji ist greifbarer und kann leichter geohrfeigt werden als der erste April.
Doch das würde nichts ändern. Tokio weiß, dass er selbst schuld ist. Er ist krank geworden. Er hat Tamao belogen und ihn abgelenkt. Er hat sie die Suzuran gekostet und jetzt schafft er es nicht einmal, sich in Ruhe zurückzuziehen und Tamao nicht im Weg zu stehen. Er ruiniert seinen Ruf und Tamao merkt es nicht einmal.
„Ich hab keine Ahnung, wer die waren.“ Tamao schlürft abwechselnd Milchkaffee aus der Dose und Calpico und schüttelt sich nach jedem Schluck. Er redet so, als wären Tokio und er immer noch die besten Freunde und es reißt Tamao fast das Herz aus der Brust. Er hat solche Sehnsucht nach ihm, aber er kann dem unmöglich nachgehen, nicht jetzt, wo Tamao vielleicht gehört hat, was die Typen gesagt haben, und wo sie sich doch sowieso so schlimm gestritten haben. „Aber die werden nicht nochmal Ärger machen.“
„Hm.“
„Kann ich was sagen?“
Tokio zieht die Knie an und verbirgt den Kopf dahinter. Er hat keine Ahnung, wie er reagieren soll. Tamao Serizawa ist niemand, der um Erlaubnis für irgendetwas fragt und dass er jetzt damit anfängt, kann ja nur bedeuten, dass er Tokio für ein schreckhaftes Kaninchen hält, was bei der kleinsten Überraschung tot umfallen wird.
Kann dieser Tag eigentlich noch schlimmer werden, denkt Tokio, doch er nickt natürlich.
„Es tut mir Leid, dass ich dazwischen gegangen bin, als du Washio verprügeln wolltest.“
Das ist das allerletzte, mit dem Tokio gerechnet hätte. Er hebt den Kopf und starrt Tamao an, doch der guckt angestrengt geradeaus und dreht die Getränkedosen in seinen Händen hin und her.
„W-was?“
„Du hast gesagt...“ Tamao unterbricht sich und schüttelt den Kopf. Er tritt gegen den Asphaltrand der Straße vor ihnen und murmelt Flüche, die Tokio kaum versteht. „Du hast gesagt, ich halte dich für schwach“, sagt er schließlich und sieht aus, als hätte er sich gerade selbst einen verfaulten Fisch aus der Kehle gezogen.
Einen kurzen Moment lang, in dem er seine geprellten Rippen und malträtierten Zähne besonders genau spürt, glaubt Tokio, dass Tamao sich über ihn lustig machen will.
„Hattest ja anscheinend recht“, faucht er und macht Anstalten, aufzustehen, doch Tamao greift nach seiner Hand und hält ihn zurück.
„Red doch keinen Scheiß. Das vorhin zählt nicht, das waren zehn gegen einen.“
Seine Augen huschen hin und her, über das Blut und die blauen Flecke in Tokios Gesicht und er sieht mit einem Mal sehr unsicher aus. Er zieht an seinem Arm, als habe er Angst, dass Tokio wirklich weglaufen würde.
„Ich hätte dir vertrauen sollen. Wenn du sagst, dass du gesund bist, dann glaub ich dir.“
Tokio sagt nichts, aber Tamao ist auch noch lang nicht fertig.
„Ich weiß nur nicht, was ich machen soll. Ich kann nicht zusehen, wenn dir jemand aufs Maul hauen will, das konnte ich noch nie und noch weniger, seit...seit...“ Er deutet auf Tokios Verband und schaut über seinen Kopf hinweg auf den Automaten. „Keiner darf dich anpacken. Ist einfach so. Das versteht sogar Genji, der Penner.“
Ein leiseres, welterschütternderes Geständnis hat ihm noch nie jemand gemacht. Was antwortet man auf so etwas? Tokio fällt nicht ein Wort ein, nicht einmal ein Laut wie „Oh“ oder „Hm“ also schweigt er und schaut Tamao aus seinem Versteck hinter seinen eigenen Armen an.
Wegen solcher Sachen, die nie jemand hört, und die doch alle in Tamaos Augen und Tokios Lächeln sehen können, kommen Gerüchte auf. Das weiß er und Tamao muss das auch wissen. Er ist laut und ungeduldig, aber nicht bescheuert.
„Es tut mir leid“, sagt Tokio schließlich. Tamao blinzelt ein paar Mal, so als habe er vergessen, dass Tokio sprechen kann.
„Was tut dir leid?“
Tokio schluckt. „Der ganze Sommer.“
„Das war nicht deine Schuld, nichts davon, du kannst nichts dafür, dass...“
Es reicht, findet Tokio. Er setzt sich auf, ballt die Fäuste und schreit Tamao ins Gesicht, kein Wort nur ein langgezogenes „AAAAHHHHH!“, bis Tamao zurückzuckt und endlich die Klappe hält.
„Natürlich tut es mir leid!“ Tokio hört ein Ticken in seinem Kopf, so als wäre das Geschwür schon wieder da, hervorgekrochen aus den Untiefen seines Hirns, angelockt von all der Angst und Scham, die sich in jeder Ritze seines Schädels breit machen. Er hat nur noch fünf Minuten, fünf Sekunden, fünf Herzschläge Zeit.
„Ich hab dich so oft angelogen, ich kann es schon gar nicht mehr zählen! Ich bin nicht gesund.“ Ihm steigen Tränen in die Augen, vielleicht vor Angst, vielleicht weil er keine Luft mehr bekommt, vielleicht aus ganz anderen Gründen, die er nicht kennt. „Ich war nicht da, als du mich gebraucht hast, und ich hab dich nicht vor Genji gewarnt und ich hab nicht auf dich aufgepasst und...“
Schmerz schießt durch seinen Hinterkopf, als hätte ihm jemand mit einer Bierflasche eins überzogen und Tokio kippt nach vorne, gegen Tamao, klammert sich in seinem Hemd fest und heult und keucht und winselt.
Es ist erbärmlich, doch er hat keine Zeit darüber nachzudenken, das Ticken wird lauter und wenn er nicht jetzt sofort alles gesteht, wird es ihn verschlingen, denn der Schatten des Dings ist mächtig genug dafür. Er starrt auf den Asphalt zwischen Tamaos Oberschenkeln und schreit alles heraus, was ihm durch den Kopf schießt.
„Ich hab dir gesagt, dass ich auf deiner Seite stehe, dass Genji kein Thema mehr für mich ist… ich dachte, ich sage die Wahrheit, aber ich bin mir nicht mehr sicher, es tut mir leid, ich weiß nicht, was ich denken soll, wenn ich ihn anschaue, wenn ich dich anschaue… ich kann nicht mehr klar denken, und ich weiß nicht, was davon von dem Ding in meinem Kopf kommt und was davon ich bin und ich weiß nicht, wovor ich mehr Angst habe…“
„T-Tokio...“
Ein Ruck geht durch seinen Körper und plötzlich hat Tokio den Mund voller Haare, weil Tamao sich auf ihn wirft und ihn so fest es geht an sich presst. Seine Rippen fangen an zu brennen, aber Tokio ignoriert es und schließt die Arme um Tamao, fühlt ihn beben, so als würde ihm jeder Atemzug wehtun.
„Scheiße“, keucht er. „Scheiße, man, halts Maul, ich fang sonst an zu heulen.“
„Aber...“
„Halt den Rand!“
Und Tokio tut ihm wenigstens diesen kleinen Gefallen.
So bleiben sie sitzen, zwischen Scherben und Zigarettenstummeln am Straßenrand, und das leise Gluckern des Automaten ist gerade laut genug, dass es Tamaos Schluchzen überdecken kann. Tokio macht die Augen zu.
Schlimmer kann es nicht mehr werden, denkt er und einen Atemzug später, als er spürt, wie Tamaos Brust sich gegen seine drückt und er seine Wange auf seinem schmerzenden Hals fühlt, fällt ihm auf, dass er recht hat.
Schlimmer kann es nicht mehr werden.
Nur noch besser.
Challenge: H/C – jemanden tragen/stützen – fürs Team
Fandom: Crows Zero
Titel: Scherben und Asche
Inhalt: Tamao bringt Tokio nach Hause, nachdem er verdroschen wurde.
Anmerkung: Ich habe endlich eine Art Chronologie! I II III IV Tokio und Tamao haben sich demnach gerade gestritten und alles ist furchtbar und dann wird man auch noch verprügelt, hach, man hat es schon nicht leicht…
Scherben und Asche
Tamao bringt ihn tatsächlich nach Hause. Schwankend, zitternd, hustend, an der Wand abstützend - „Gehts?“ - „Halts Maul.“- kommen sie tatsächlich irgendwann in den etwas ruhigeren Straßen mit den etwas größeren und schöneren Häusern an.
Die Tankstelle, die Tamao zu seinem Stützpunkt auserkoren hat, oder gar die Suzuran wären viel näher gewesen und sie hätten sich nicht so abkämpfen müssen, um den Hügel hinaufzustolpern. Aber Tokio wollte zum ersten Mal in seinem Leben lieber nach Hause als zu Tamao, denn zuhause gibt es ein Bett, auf das er sich werfen und eine Tür, die er Tamao vor der Nase zuschlagen kann, damit er ihn nicht mehr angucken muss. Er will allein sein. Sich schämen und sich hassen, für das, was passiert ist.
Was er zugelassen hat.
Sein Kiefer pocht an allen möglichen Stellen und Tokio vermutet, dass er sich ein paar Rippen angeknackst hat. Wahrscheinlich sollte er zum Arzt gehen. Die Narbe an seinem Hinterkopf zerrt unter dem Verband und er weiß, dass er irgendwo blutet, weil er in der Spiegelung des Schaufensters der Pachinko-Halle gesehen hat, dass sein Hemd rot beschmiert ist.
Tokio schließt die Augen, ohne es zu wollen und fällt noch etwas schwerer gegen Tamao. Er muss heim, er muss durchhalten, seine Finger und Füße noch ein bisschen weiter quälen...
„Pause“, sagt Tamao da. Es ist keine Frage und Tokio antwortet nicht darauf, denn ihm wird schwindlig und schwarz vor Augen, obwohl er sie längst geschlossen hat. Sein Kopf kippt zur Seite, und Tokio fragt sich, ob er gerade wieder in Ohnmacht fällt - Nicht hier, nicht jetzt, nicht schon wieder vor ihm! - doch dann spürt er Tamaos Hände an seiner Hüfte und seinem Rücken. Er setzt ihn sanft zwischen das Gestrüpp und dem scharfen, knirschenden Kies auf dem Seitenweg ab, direkt in den Schatten eines Getränkeautomaten.
Endlich schafft Tokio es, die Augen wieder zu öffnen, einen winzigen Spalt nur, doch es reicht, um Tamao zu erkennen. Der wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn. Vielleicht spürt er endlich den fiesen, langen Kratzer über seiner Braue, der beständig Blut in seine Augen träufelt, doch so, wie Tokio ihn kennt, stören ihn wahrscheinlich bloß seine langen, ungekämmten Haare und der Schweiß.
Tamao stopft seine dreckigen Hände in die Hosentaschen und runzelt die Stirn.
„Scheiße.“
So ziemlich, denkt Tokio. Er sagt nichts und lehnt stattdessen den Kopf an das kühle Metall des Automaten. Es fühlt sich himmlisch an, zumindest bis sich Tamao ganz dicht vor ihn beugt und ihn mit seinen Haaren an der Wange und am Mund kitzelt. Er kniet zwischen seinen Beinen und stopft seine Finger in Tokios Hosentaschen, wühlt und rupft an seinem Gürtel herum und wenn Tokio seinen Nacken von der schönen kalten Wand neben ihm lösen könnte, würde er Tamao weg schubsen.
So stöhnt er nur und dreht den Kopf, bis er seine Stirn an den Automaten lehnen kann.
„Was zum...“
„Geld“, murmelt Tamao und schon sind seine Finger wieder verschwunden, genau wie die paar Hundert-Yen-Münzen, die Tokio in der Tasche hatte.
„Sag doch einfach was.“
„Ging schneller.“
Das Geld klimpert, der Automat röhrt und bevor das laute Poltern der Flaschen im Inneren Tokios Trommelfell ganz zerfetzen kann, zieht er die Knie an und verbirgt den Kopf dahinter.
Hoffentlich sieht sie so keiner, denkt er, aber es verirrt sich selten nur jemand von der Schule bis hierher und wenn er sich jetzt schon um so was Sorgen macht, geht es ihm schlechter als er angenommen hat.
Und dann schwappen die Wörter wieder hoch in sein Hirn.
Nutte. Konkubine. Schwanzlutscher.
So an sich sind das alles keine Begriffe, die Tokio irgendetwas ausmachen. Er selbst hat Leuten bestimmt schon schlimmeres an den Kopf geknallt und an normalen Tagen, wenn er nicht gerade von ein paar Halbstarken zusammengeschlagen worden wäre, dann hätte er gelacht und sie schon längst wieder vergessen.
Aber jetzt sitzt er nun mal hier, seine Schläfe und sein Bauch pochen mit jedem Herzschlag schmerzhaft mit und als Tamao sich ganz dicht neben ihn setzt und ihm eine Flasche eiskalten Lycheeeistee in die Hände drückt, zuckt er heftig zusammen.
Seit die Schule wieder angefangen hat, ist jeden Tag etwas mehr von Tokios Leben in tausend Scherben zerbrochen. Es wäre leicht, Genji die Schuld an allem zu geben, denn Genji ist greifbarer und kann leichter geohrfeigt werden als der erste April.
Doch das würde nichts ändern. Tokio weiß, dass er selbst schuld ist. Er ist krank geworden. Er hat Tamao belogen und ihn abgelenkt. Er hat sie die Suzuran gekostet und jetzt schafft er es nicht einmal, sich in Ruhe zurückzuziehen und Tamao nicht im Weg zu stehen. Er ruiniert seinen Ruf und Tamao merkt es nicht einmal.
„Ich hab keine Ahnung, wer die waren.“ Tamao schlürft abwechselnd Milchkaffee aus der Dose und Calpico und schüttelt sich nach jedem Schluck. Er redet so, als wären Tokio und er immer noch die besten Freunde und es reißt Tamao fast das Herz aus der Brust. Er hat solche Sehnsucht nach ihm, aber er kann dem unmöglich nachgehen, nicht jetzt, wo Tamao vielleicht gehört hat, was die Typen gesagt haben, und wo sie sich doch sowieso so schlimm gestritten haben. „Aber die werden nicht nochmal Ärger machen.“
„Hm.“
„Kann ich was sagen?“
Tokio zieht die Knie an und verbirgt den Kopf dahinter. Er hat keine Ahnung, wie er reagieren soll. Tamao Serizawa ist niemand, der um Erlaubnis für irgendetwas fragt und dass er jetzt damit anfängt, kann ja nur bedeuten, dass er Tokio für ein schreckhaftes Kaninchen hält, was bei der kleinsten Überraschung tot umfallen wird.
Kann dieser Tag eigentlich noch schlimmer werden, denkt Tokio, doch er nickt natürlich.
„Es tut mir Leid, dass ich dazwischen gegangen bin, als du Washio verprügeln wolltest.“
Das ist das allerletzte, mit dem Tokio gerechnet hätte. Er hebt den Kopf und starrt Tamao an, doch der guckt angestrengt geradeaus und dreht die Getränkedosen in seinen Händen hin und her.
„W-was?“
„Du hast gesagt...“ Tamao unterbricht sich und schüttelt den Kopf. Er tritt gegen den Asphaltrand der Straße vor ihnen und murmelt Flüche, die Tokio kaum versteht. „Du hast gesagt, ich halte dich für schwach“, sagt er schließlich und sieht aus, als hätte er sich gerade selbst einen verfaulten Fisch aus der Kehle gezogen.
Einen kurzen Moment lang, in dem er seine geprellten Rippen und malträtierten Zähne besonders genau spürt, glaubt Tokio, dass Tamao sich über ihn lustig machen will.
„Hattest ja anscheinend recht“, faucht er und macht Anstalten, aufzustehen, doch Tamao greift nach seiner Hand und hält ihn zurück.
„Red doch keinen Scheiß. Das vorhin zählt nicht, das waren zehn gegen einen.“
Seine Augen huschen hin und her, über das Blut und die blauen Flecke in Tokios Gesicht und er sieht mit einem Mal sehr unsicher aus. Er zieht an seinem Arm, als habe er Angst, dass Tokio wirklich weglaufen würde.
„Ich hätte dir vertrauen sollen. Wenn du sagst, dass du gesund bist, dann glaub ich dir.“
Tokio sagt nichts, aber Tamao ist auch noch lang nicht fertig.
„Ich weiß nur nicht, was ich machen soll. Ich kann nicht zusehen, wenn dir jemand aufs Maul hauen will, das konnte ich noch nie und noch weniger, seit...seit...“ Er deutet auf Tokios Verband und schaut über seinen Kopf hinweg auf den Automaten. „Keiner darf dich anpacken. Ist einfach so. Das versteht sogar Genji, der Penner.“
Ein leiseres, welterschütternderes Geständnis hat ihm noch nie jemand gemacht. Was antwortet man auf so etwas? Tokio fällt nicht ein Wort ein, nicht einmal ein Laut wie „Oh“ oder „Hm“ also schweigt er und schaut Tamao aus seinem Versteck hinter seinen eigenen Armen an.
Wegen solcher Sachen, die nie jemand hört, und die doch alle in Tamaos Augen und Tokios Lächeln sehen können, kommen Gerüchte auf. Das weiß er und Tamao muss das auch wissen. Er ist laut und ungeduldig, aber nicht bescheuert.
„Es tut mir leid“, sagt Tokio schließlich. Tamao blinzelt ein paar Mal, so als habe er vergessen, dass Tokio sprechen kann.
„Was tut dir leid?“
Tokio schluckt. „Der ganze Sommer.“
„Das war nicht deine Schuld, nichts davon, du kannst nichts dafür, dass...“
Es reicht, findet Tokio. Er setzt sich auf, ballt die Fäuste und schreit Tamao ins Gesicht, kein Wort nur ein langgezogenes „AAAAHHHHH!“, bis Tamao zurückzuckt und endlich die Klappe hält.
„Natürlich tut es mir leid!“ Tokio hört ein Ticken in seinem Kopf, so als wäre das Geschwür schon wieder da, hervorgekrochen aus den Untiefen seines Hirns, angelockt von all der Angst und Scham, die sich in jeder Ritze seines Schädels breit machen. Er hat nur noch fünf Minuten, fünf Sekunden, fünf Herzschläge Zeit.
„Ich hab dich so oft angelogen, ich kann es schon gar nicht mehr zählen! Ich bin nicht gesund.“ Ihm steigen Tränen in die Augen, vielleicht vor Angst, vielleicht weil er keine Luft mehr bekommt, vielleicht aus ganz anderen Gründen, die er nicht kennt. „Ich war nicht da, als du mich gebraucht hast, und ich hab dich nicht vor Genji gewarnt und ich hab nicht auf dich aufgepasst und...“
Schmerz schießt durch seinen Hinterkopf, als hätte ihm jemand mit einer Bierflasche eins überzogen und Tokio kippt nach vorne, gegen Tamao, klammert sich in seinem Hemd fest und heult und keucht und winselt.
Es ist erbärmlich, doch er hat keine Zeit darüber nachzudenken, das Ticken wird lauter und wenn er nicht jetzt sofort alles gesteht, wird es ihn verschlingen, denn der Schatten des Dings ist mächtig genug dafür. Er starrt auf den Asphalt zwischen Tamaos Oberschenkeln und schreit alles heraus, was ihm durch den Kopf schießt.
„Ich hab dir gesagt, dass ich auf deiner Seite stehe, dass Genji kein Thema mehr für mich ist… ich dachte, ich sage die Wahrheit, aber ich bin mir nicht mehr sicher, es tut mir leid, ich weiß nicht, was ich denken soll, wenn ich ihn anschaue, wenn ich dich anschaue… ich kann nicht mehr klar denken, und ich weiß nicht, was davon von dem Ding in meinem Kopf kommt und was davon ich bin und ich weiß nicht, wovor ich mehr Angst habe…“
„T-Tokio...“
Ein Ruck geht durch seinen Körper und plötzlich hat Tokio den Mund voller Haare, weil Tamao sich auf ihn wirft und ihn so fest es geht an sich presst. Seine Rippen fangen an zu brennen, aber Tokio ignoriert es und schließt die Arme um Tamao, fühlt ihn beben, so als würde ihm jeder Atemzug wehtun.
„Scheiße“, keucht er. „Scheiße, man, halts Maul, ich fang sonst an zu heulen.“
„Aber...“
„Halt den Rand!“
Und Tokio tut ihm wenigstens diesen kleinen Gefallen.
So bleiben sie sitzen, zwischen Scherben und Zigarettenstummeln am Straßenrand, und das leise Gluckern des Automaten ist gerade laut genug, dass es Tamaos Schluchzen überdecken kann. Tokio macht die Augen zu.
Schlimmer kann es nicht mehr werden, denkt er und einen Atemzug später, als er spürt, wie Tamaos Brust sich gegen seine drückt und er seine Wange auf seinem schmerzenden Hals fühlt, fällt ihm auf, dass er recht hat.
Schlimmer kann es nicht mehr werden.
Nur noch besser.
no subject
Date: 2017-08-19 12:04 pm (UTC)TOTALLY COHERENT REVIEW. Es tut mir leid. Eines Tages werde ich dir vielleicht wieder Kommentare mit Zeichensetzung und so schreiben. ... Vielleicht.
an der Wand abstützend - „Gehts?“ - „Halts Maul.“- kommen sie tatsächlich
I am OUTTA HERE, wir können nämlich direkt beim ersten Satz damit anfangen, wie wundervoll ich deine Sprache bei diesem Pairing finde; da sitzt und passt einfach alles, was soll das, can you maybe not??
(All die malerischen innerstädtischen Japanschmankerl machen es so lebendig? Ich kann es nicht richtig beschreiben, deshalb steht es hier doof in Klammern.)
Er kniet zwischen seinen Beinen und stopft seine Finger in Tokios Hosentaschen
Ich liebe dieses Bild, weil es so rowdyhaft und gleichzeitig vertraut ist?? Und dann: "Sag doch einfach was." Tokio ey, wende deine klugen Ratschläge mal lieber auf deine komplette Beziehung mit diesem Kerl an und lass ihn Kleingeld suchen, so lang er will.
Das Geld klimpert, der Automat röhrt und bevor das laute Poltern der Flaschen im Inneren Tokios Trommelfell ganz zerfetzen kann
Ich kopiere das nur hierhin, weil es so wunderschön ist.
Aber jetzt sitzt er nun mal hier, seine Schläfe und sein Bauch pochen mit jedem Herzschlag schmerzhaft mit und als Tamao sich ganz dicht neben ihn setzt und ihm eine Flasche eiskalten Lycheeeistee in die Hände drückt, zuckt er heftig zusammen.
1) Tamao ist der beste.
2) Lycheeeistee ist das beste (3 e!!)
3) WIE WUNDERSCHÖN LEBENDIG IST DIESER SATZ!!!
kann leichter geohrfeigt werden als der erste April
Den Vergleich habe ich nicht verstanden und weil wir ja alles googlen müssen, was wir nicht auf Anhieb verstehen, habe ich es natürlich gegooglet und bloß lauter Artikel dazu bekommen, dass Podolski am 1. April 2009 Ballack geohrfeigt hat. ... Ich bin jetzt nicht wirklich schlauer, aber es passt zu Genji, deshalb wollte ich es teilen.
Tokio weiß, dass er selbst schuld ist. Er ist krank geworden.
TOKIO WEISS HOFFENTLICH AUCH, DASS ZWISCHEN DIESEN BEIDEN UMSTÄNDEN KEIN ZUSAMMENHANG BESTEHT UND TAMAO WIRD IHM HOFFENTLICH SO SANFT WIE MÖGLICH EINPRÜGELN, DASS ES NICHT TOKIOS SCHULD IST, DASS ER KRANK GEWORDEN IST, AAARGGGGHHHHHH.
als hätte er sich gerade selbst einen verfaulten Fisch aus der Kehle gezogen.
SOLCHE! VERGLEICHE! MACHEN! MICH! SCHWACH! HOW! DO! YOU! COME! UP! WITH! THAT!
„Keiner darf dich anpacken. Ist einfach so. Das versteht sogar Genji, der Penner.“
All meine Tränen. Und unqualifizierten Kommentare.
„Ich war nicht da, als du mich gebraucht hast, und ich hab dich nicht vor Genji gewarnt und ich hab nicht auf dich aufgepasst und...“
OH GOTT WAS FÜR EIN SCHLIMMER TAG FÜR GESTÄNDNISSE IST DAS, und dazwischen diese ganzen wunderschönen Beschreibungen von Tokios fürchterlichen Schmerzen und ajfhskdfhslkfjskdf ich liebe diese Stelle, also ich liebe die ganze Fic, aber BESONDERS DIESE STELLE!!!
„Scheiße“, keucht er. „Scheiße, man, halts Maul, ich fang sonst an zu heulen.“
Eine wunderschöne Reaktion, und außerdem: same.
UND ALLES IST SCHLIMM UND ALLES TUT WEH UND DU HAST GERADE NOCH SO DIE KURVE GEKRIEGT ZU EIN BISSCHEN HOFFNUNG (und immerhin einer Umarmung) UND ICH BIN SEHR GLÜCKLICH ABER AUCH SEHR TRAURIG und ich liebe deine Crows-Zero-Fics so hart, Alter ;_____; ♥
no subject
Date: 2017-08-20 04:51 pm (UTC)Es ist unglaublich gut! *__*
Ich vermisse die Zeit, in der ich selbst so wuchtig geschrieben habe (ich taste mich gerade erst wieder daran und es wird, aber trotzdem *g*) und ich geneiße es jedesmal, wenn du so schreibst und ich mich an den Worten und Bildern laben und ein klein bisschen reiben kann. Hach~
Und es ist alles so furchtbar und ausweglos und düster und ich liebe es *hust*. Ich sollte das nicht ständig betonen, aber dann würde ich lügen. xD Ich meine - noch kann man daraus ein einigermaßen happy ending machen. So rein theoretisch. Und ach...die beiden haben so viele Gefühle und sie können sie nur am besten ausdrücken, indem sie sich Schimpfwörter an den Kopf werden und dann grobe körperlich werden. Die armen beiden Kampfhäschen. ;_;
<3 <3