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Team: Aschenputtel
Prompt: "Ich kann nie mehr zurück" (Angst, für mich)
Original: Uhrwerkträume
Charaktere: Kasimir Ennart, Mirel Firn
Wörter: 799
Inhalt: Mirel wird aus dem Ensemble gekickt, Ennart versteckt sich vor seiner Familie


Regen, Oktober 1907

Als Mirel Firn sieben Jahre alt war, sagte ihre Großmutter zu ihr: „Nach den Tränen kommt die Wut.“
Sie sagte es in demselben lakonischen Tonfall in dem sie alles zu sagen pflegte, nachdem Mirel zwei Tage lang geweint hatte, nur um am Ende die Fotografie ihrer Eltern (die einzige Erinnerung, während die beiden mit ihrer Musik die Welt bereisten) aus dem Fenster zu werfen.
Der Satze sollte Mirel begleiten und immer wieder fand sie ihn als Wahrheit bestätigt. Als die anderen Mädchen in ihrer Klasse nicht mit ihr spielen wollten. Als man sie an dem ersten Konservatorium, an dem sie sich bewarb, ablehnte. Als ihre Großmutter starb. Als ihr Vater verschwand. Als die zauberhafte Karlotta Ehrwit sie zu ihrer Hochzeitsfeier einlud.
„Nach den Tränen kommt die Wut“, denkt Mirel Firn jetzt, während sie auf dem Holzboden der Ensemble-Garderobe des Regener Opernhauses sitzt und weint und fügt hinzu: „wenn nur die Wut jetzt schon da wäre.“
Mit dem Saum ihres Kleides wischt sie sich durch das Gesicht. Sie legt den Kopf in den Nacken.
Auf der Bühne werden die ersten Takte der Ouvertüre gespielt und Mirel wird noch einmal von Tränen geschüttelt.
Als die ersten Töne von Tojan dem Tenor erklingen richtet sie sich endlich auf. Sie betrachtet ihr Spiegelbild, rot und verquollen sieht sie aus. Wie eine traurige Kröte, denkt sie, und streckt sich selbst die Zunge entgegen.
Aus dem Augenwinkel bemerkt sie eine Bewegung hinter sich.
„Verzeihung!“
In der Tür zur Garderobe steht ein junger Mann. Zwanzig Jahre alt, vielleicht, von mittlerer Statur, die kastanienbraunen Haare sind ordentlich zur Seite gekämmt. Er trägt weder Hut noch Handschuhe, ist aber ansonsten in Abendgarderobe gekleidet.
Mirel zieht die Nase hoch.
„Haben Sie sich verlaufen?“, fragt sie. Erst jetzt erkennt sie den Neffen von Luzie Feder.
„Ich denke schon…“
Sein Blick kreist durch die Garderobe, über die zwei Schminktische, zu den Polstermöbeln und wieder zu Mirel zurück.
„Was suchen Sie denn, Herr Feder?“
„Ennart“, korrigiert er.
Mirel verzieht das Gesicht. Natürlich. Denselben Dialog hatten sie schon einmal gehabt.
„Verzeihung. Herr Ennart. Was suchen Sie denn?“
Ennart schließt für einen kurzen Moment die Augen.
„Ein Versteck“, sagt er dann und schließt im selben Moment die Garderobentür hinter sich.
„Vor wem verstecken Sie sich denn?“
Beinah lächelt Mirel, als sie diese Frage stellt.
„Es sind doch jetzt alle auf der Bühne. Oder im Publikum.“
Ennart winkt ab.
„Sollten Sie da nicht auch sein?“, weicht er ihrer Frage aus.
Sofort verschwindet das Lächeln wieder von Mirels Lippen. Sie holt Luft, für den Bruchteil einer Sekunde glaubt sie, sich noch eine schlagfertige Antwort ausdenken zu können. Dann brechen die Tränen wieder hervor und ehe Mirel sich versieht findet sie sich zurück auf dem Fußboden.
Ein Arm legt sich um ihre Schulter, und der Geruch von Zigarettenrauch und einem ihr unvertrauten Rasierwasser umfängt sie. Mirel schnieft und schüttelt den Kopf. Sie wischt sich die Tränen aus den Augen.
„Sie haben mich rausgeworfen“, sagt sie.
„Einfach so. Eine Stunde vor der Premiere kommt der Direktor zu mir und sagt, ich werde nicht gebraucht. Hat man schon jemals etwas so unprofessionelles gehört?“
Ennart antwortet, indem er sie fester in den Arm nimmt. Mirel lässt ihren Kopf gegen seine Brust sinken.
Sie lauscht seinem Herzschlag, seinem Atem, und merkt, wie sie allmählich ruhiger wird.
„Und vor was verstecken Sie sich?“, flüstert sie in seinen Kragen.
Ennart streicht Mirel über das Haar und die Schultern, aber er sieht sie nicht an. Sein Blick geht starr aus dem Fenster.
„Vor was verstecken Sie sich?“, fragt Mirel noch einmal, indem sie sich aus seiner Umarmung löst.
„Vor meinem Onkel“, bringt Ennart endlich hervor.
Mirel gibt ein leises „Oh“ von sich. Sie steht auf, zieht eine Reisetasche aus einem Schrank und beginnt ihre Habseligkeiten da hinein zu stopfen.
„Und warum verstecken Sie sich vor Ihrem Onkel?“, fragt sie während dessen und beiläufig über die Schulter.
Ennart steht langsam auf. Er öffnet das Fenster und zündet sich, auf dem Fensterbrett Platz nehmend, eine Zigarette an.
„Ich habe ihn seit zehn Monaten nicht gesehen.“
Mirel hält im Packen inne. Für die meisten Menschen wäre das ein Grund, ihren Verwandten um den Hals zu fallen, stellt sie fest.
Ennart zieht an seiner Zigarette. Er bläst den Rauch in die Dunkelheit hinaus. Er rollt die Zigarettenspitze am äußeren Fenstersims entlang, dass die Glut in einem perfekten Rund stehen bleibt.
„Es ist kompliziert“, sagt er schließlich, und dass er, ganz ehrlich, nicht darüber reden möchte.
„Wie Sie meinen.“
Mirel stopft einen letzten Schal in ihre Tasche. Dann greift sie nach ihrem Mantel.
„Hätten Sie Lust mich nach Hause zu begleiten?“
Mit einem Schnippsen fliegt Ennarts Zigarette auf die Straße hinunter. Er fragt, was Mirel sich denn davon erhoffen würde.
„Nicht viel“, erwidert Mirel. Sie lächelt.
„Aber ich habe keine Lust mich allein zu betrinken.“

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