Angst - ungenügend - fürs Team
Jul. 23rd, 2017 05:39 pmTeam: Aschenputtel
Challenge: Angst – nicht gut genug – fürs Team
Fandom: Original, die Mutantenkinder
Titel: Nicht gut genug
Inhalt: Cookie steckt immer noch körperlos zwischen den Dimensionen und Sean hält es nicht mehr aus.
Anmerkung: Schließt an das hier an. Ich hab sie ein Jahr lang so stehen lassen, die Ärmsten.
Nicht gut genug
„Was soll ich spielen?“
„Die da.“
„Welche?“
„Die dritte von links.“
„Mein links oder dein links?“
„Susi, jetzt zum zehnten Mal, mein links!“
„Okay.“
Susi zieht völlig übertrieben die Karte aus dem Fächer auf ihren Fingern und schmeißt sie auf den kleinen Stapel zwischen ihnen, der in sehr prekärer Lage auf Seans Bettdecke liegt.
„Zwei ziehen? Schon wieder?“ Sean stöhnt und wirft der Wand über Susis Schulter einen gemeinen Blick zu.
„Ist einfach nicht dein Tag, hm?“, sagt die Wand mit Cookies Stimme. „Ihr könnt es nicht sehen, aber ich gebe mir gerade selbst ein HighFive, weil ich so toll bin.“
„Schön, wenn wenigstens einer Spaß hat“, murmelt Sean über Susis Gackern hinweg und zieht erneut zwei völlig verblasste Spielkarten vom Stapel.
Es ist eine Woche her, dass Cookie versucht hat, wieder nach Hause zu kommen und es nur in Einzelteilen geschafft hat.
Seine Stimme ist angekommen, genau wie die Funktion seiner Augen, seiner Ohren und seines Mundes, doch von seinem Körper fehlt jede Spur. Er kann sich nicht bewegen und klebt in Seans Zimmerecke wie ein Kühlschrankmagnet, doch er klagt weder über Hunger noch über Durst und verspürt auch keinerlei Kopfschmerzen, obwohl er einerseits in Seans Zimmer starrt und andererseits immer noch die weite Graslandschaft überblickt, die auf keinen Fall die Tundra ist.
Es ist eine Woche her und das ist alles, was sie herausfinden konnten.
Seans Geduld ist dünn wie Eis im Juli und er wird mit jedem Tag zorniger.
Er sollte es nicht sein. Er sollte dankbar sein, dass die anderen helfen, wo sie nur können.
Takuya hatte sich in der ersten Nacht mit seinem Laptop und Google Earth in Seans Zimmer gesetzt und Cookie gefragt, wann die Sonne aufgeht, ihm Bilder von Steppen und Grasland gezeigt und Cookie hatte alles brav beantwortet, während Sean in der anderen Zimmerecke auf seinen Händen saß und versuchte, die Eiswut in seinen Fingern unter Kontrolle zu bekommen.
Sie blieben den ganzen Tag und die Nacht wach, aber kamen natürlich keinen Schritt weiter und als Cookie dann irgendwann nichts mehr sagte, geriet Sean dermaßen in Panik, dass Takuya sich nur mit einer blitzschnellen Feuerwand vor Seans Zimmerlawine schützen konnte.
„Sean!“
„Es tut mir Leid! Cookie, Cookie, bitte, mach den Mund auf...“
„Bin eingeschlafen“, sagte Cookie. Ein körperloses Gähnen geisterte durch den Raum in Seans fassungsloses Gesicht. „‘Tschuldigung.“
„Fick dich, Alter“, stöhnte Takuya und damit war der erste Tag rum und alles nötige gesagt.
In dem Stil ging es weiter, mit Dodo, die Cookie durch autogenes Training versuchte zu entlocken, wie viel er noch von seinem Körper spürte (gar nichts), Marike, die Takuyas Idee aufgriff und Daten sammelte, auch wenn sie alle nicht genau wussten, zu welchem Zweck und Billy, der ab und zu auftauchte und die dämlichsten Komödien auf seinem Laptop abspielte, damit Cookie irgendwas zu tun hatte.
Es ist ein Hinhalten, das ist Sean klar und so abartig es ist, für alle anderen hat sich ein Alltag um die unsichtbare Stimme in seinem Zimmer herum eingependelt. Sean weiß nicht, wie man mit ständiger Panik, die jeden Gedanken bestimmt, leben soll. Er schläft nur, wenn er vor lauter Erschöpfung umfällt und jedes Mal, wenn er das Zimmer verlässt, hat er Angst davor, wieder hineinzugehen und starrt die Tür an, bis er vergisst, wovor genau er sich eigentlich so sehr fürchtet.
Vor Cookies Stimme, die immer behutsam und lieb ist.
Davor, dass sie nicht mehr da ist.
Und am meisten hat er Angst davor, dass er sich über die Ruhe freuen würde. Wenn nicht jedes Mal „Hey, Sean“ ertönen würde, wenn er die Tür aufstößt, wenn er nicht jedes Mal um die Augen wissen müsste, die sich bei jeder Bewegung in seinen Rücken bohren (die ihm beim Schafen zusehen könnten oder beim Umziehen, oh Gott…). Er weiß, dass es Cookies Augen sind, er weiß, dass er Cookie vertrauen muss und kann, er weiß das alles, und trotzdem zieht sich ihm die Kehle zu, wenn er an sein Bett denkt.
Es ist lächerlich und egoistisch. Cookies Welt ist auf die Größe seines Sichtfeldes zusammengeschrumpft und alles, woran Sean denken kann ist seine angekratzte Privatsphäre. Er sollte sich schämen und weiß Gott, das tut er auch.
Die ganze Situation übersteigt seine Kräfte. Das übersteigt ihrer aller Kräfte und er ist Schuld daran.
Er kann so nicht weitermachen.
„Susi? Du bist dran.“
„Nein, Sean ist dran.“
„Susi, er hat doch gerade zwei Karten gezogen, das heißt, du bist dran.“
Es sollte witzig sein, denkt Sean, dass Susi den Mund verzieht und gegen die Wand klopft, als würde Cookie irgendetwas davon spüren, doch ihm wird dabei eher schlecht.
„Schrei mich nicht an!“, faucht Susi.
„Ich schreie doch gar nicht!“, schreit Cookie, und lacht. „Aber du musst eine Karte spielen.“
Sean schließt einen Moment lang die Augen. Fast kann er Cookies Gesicht vor sich sehen, seine dunkle Haut, das ständig zu lange Haar, sein breites, perlenweißes Grinsen, die Falte zwischen seinen Brauen, wenn er frustriert und ungeduldig ist und natürlich seinen weichen, tiefen, treuen Blick, den Sean mehr als alles andere vermisst.
Wenn seine Erinnerung alles ist, was er je wieder von Cookie sehen wird… Sean will nicht weiterdenken.
„Susi,“, sagt er dann und fängt fast an zu flennen, kaum, dass er den Mund aufmacht. „Geh bitte.“
„Was?“ Susi verschränkt die Arme vor der Brust und schiebt die Unterlippe vor. Sie lässt sie sogar ein bisschen zittern. „Ich hab nichts falsch gemacht!“
„Geh einfach.“ Sean schließt die Augen und presst die Hände samt Spielkarten vor sein Gesicht.
Er braucht Ruhe, er braucht Platz, er braucht eine Eisscholle und Einsamkeit, er braucht einen Plan, wie er Cookie wiederholen kann, er braucht…
Er zuckt zusammen, als Susi aufspringt, zur Tür stampft und sie so heftig aufreißt, dass der Spiegel zittert.
„Sucht euch doch wen anders für euer doofes langweiliges Spiel!“, schreit sie, und dann kracht die Tür zu und Susi zetert den Flur entlang bis sie sie nicht mehr hören können.
Im Zimmer fängt es an zu schneien und Sean tut so, als würde er es nicht merken. Cookie sagt gar nichts, doch er ist natürlich immer noch da.
„Hab ich was falsch gemacht?“
„Nein. Natürlich nicht. Ich...“
Sean weiß nicht, was er sagen soll. Es gibt keine rationale Erklärung für seinen Ausbruch, die nicht vollkommen egoistisch klingt und es tut ihm alles so sehr leid, aber er kann nicht mehr. Er stirbt vor Sorge und wenn die Schneewehen in seinem Zimmer irgendeinen Rückschluss auf seinen Gemütszustand zulassen – und das tun sie seit jeher – dann ist er kurz davor durchzudrehen.
So schlecht ging es ihm nicht einmal in Berlin.
Vielleicht weil er in Berlin nicht seinen besten Freund auf dem Gewissen hatte.
Marike hatte ihn am dritten Abend beiseite genommen und ihm lange in die Augen gesehen.
„Es ist nicht deine Schuld, Sean“, sagte sie, langsam und vorsichtig und Sean wurde da zum ersten Mal bewusst, wie gefährlich sein Eis für das Wasser in Marike sein könnte. „Ohne dich wäre Cookie möglicherweise erfroren.“
„Das weißt du nicht.“ Sean wollte nicht getröstet werden. Er wollte, dass ihn jemand anschrie, so wie er es nach diesem gigantischen Fehler verdient hatte.
„Du hast das Beste aus der Situation gemacht.“
„Mein Bestes reicht nicht“, sagte Sean.
Daraufhin hatte Marike nichts mehr gesagt. Es gab darauf auch nichts zu sagen, Sean wusste, dass er recht hatte und die folgenden Tage, in denen er merkte, wie wenig er für Cookie tun konnte, bewiesen ihm das immer wieder.
Und jetzt sitzt er hier, zitternd, voll Übelkeit, mit einem schlechten Gewissen, weil er Susi angeschrien hat und weil er nicht weiß, wie er das alles jemals wieder grade biegen soll.
„Es tut mir leid“, sagt Cookie da. Wie immer klingt er ruhig, leise, demütig fast. Er starrt seit einer Woche nur gerade aus und er ist immer noch der wundervollste, sanfteste Mensch, den Sean je getroffen hat. Irgendeiner muss in dieser Situation wahnsinnig werden und Sean übernimmt diese Rolle wie immer freiwillig und mit Bravour. „Ich weiß, wie wichtig es für dich ist, allein zu sein. Und es tut mir Leid, dass ich dir in die Quere komme, weil ich hier festhänge und nichts machen kann.“
„Oh Gott, du...“
Es reicht. Sean beugt den Kopf nach vorn und fängt an zu weinen. Der ganze Stress, die ganze Angst und Scham der letzten Tage fließt aus ihm heraus und tropft mit Rotz und Wasser auf seine Hände. Eiszapfen wachsen in Sekundenschnelle von der Decke bis zum Boden, was Sean nicht sieht, aber er fühlt es, als würde jemand an seinen Haaren ziehen.
„Komm her, komm her, ich fleh dich an, komm wieder zu mir...“ Er bettelt. So weit ist es schon gekommen, aber Sean ist am Ende seiner Kräfte angelangt, er fleht und winselt um Gnade, weil er es keine Sekunde länger ertragen kann, dass der einzige Mensch, den er jemals wollte, seinetwegen kaum mehr als ein Hirngespinst ist und dass er anfängt ihn zu hassen, weil er sich in ihn und seine Sicherheit drängt.
„Sean… ich...“ Cookies Stimme zittert vor Entsetzen. „Ich will zu dir, okay, das musst du mir glauben, ich will so sehr...“
„Ich glaub dir ja!“ Sean schreit und presst seine starr gefrorenen Finger gegen die Augen. Er kann das Eis knirschen hören, der Schneesturm im Wasserglas seines Zimmers nimmt weiter zu und er muss sich dringend in den Griff bekommen, wenn er nicht das ganze Grundstück in Schutt und Frost legen will.
Aber wofür, fragt die Dunkelheit in ihm. Was sollte er noch schützen wollen, wenn Cookie nicht einmal mehr aus Glas sondern nur aus Luftströmen besteht, die aus fremden Dimensionen zu ihnen hinübertreiben.
„Sean… bitte, hör auf zu weinen, ich dreh durch, wenn ich dich nicht in den Arm nehmen kann. Ich bin bald wieder da, bestimmt...“
„Ich vermisse dich.“ Sean versteht sich selbst kaum, sein Atem trieft vor Tränen und er bekommt keine Luft mehr. „Ich vermisse dich so sehr.“
Cookie fängt an zu schluchzen, und das nur zu hören, bringt Sean fast um den Verstand.
Flehen reicht nicht.
Betteln reicht nicht.
Wünschen und Wollen reicht nicht.
Sie sind am Ende.
Drei Tage später taucht Cookie wieder auf: splitterfasernackt, abgemagert und fiebrig liegt er mitten in der Nacht plötzlich neben Sean.
Er klammert sich an ihn und weint und weint und weint.
Challenge: Angst – nicht gut genug – fürs Team
Fandom: Original, die Mutantenkinder
Titel: Nicht gut genug
Inhalt: Cookie steckt immer noch körperlos zwischen den Dimensionen und Sean hält es nicht mehr aus.
Anmerkung: Schließt an das hier an. Ich hab sie ein Jahr lang so stehen lassen, die Ärmsten.
Nicht gut genug
„Was soll ich spielen?“
„Die da.“
„Welche?“
„Die dritte von links.“
„Mein links oder dein links?“
„Susi, jetzt zum zehnten Mal, mein links!“
„Okay.“
Susi zieht völlig übertrieben die Karte aus dem Fächer auf ihren Fingern und schmeißt sie auf den kleinen Stapel zwischen ihnen, der in sehr prekärer Lage auf Seans Bettdecke liegt.
„Zwei ziehen? Schon wieder?“ Sean stöhnt und wirft der Wand über Susis Schulter einen gemeinen Blick zu.
„Ist einfach nicht dein Tag, hm?“, sagt die Wand mit Cookies Stimme. „Ihr könnt es nicht sehen, aber ich gebe mir gerade selbst ein HighFive, weil ich so toll bin.“
„Schön, wenn wenigstens einer Spaß hat“, murmelt Sean über Susis Gackern hinweg und zieht erneut zwei völlig verblasste Spielkarten vom Stapel.
Es ist eine Woche her, dass Cookie versucht hat, wieder nach Hause zu kommen und es nur in Einzelteilen geschafft hat.
Seine Stimme ist angekommen, genau wie die Funktion seiner Augen, seiner Ohren und seines Mundes, doch von seinem Körper fehlt jede Spur. Er kann sich nicht bewegen und klebt in Seans Zimmerecke wie ein Kühlschrankmagnet, doch er klagt weder über Hunger noch über Durst und verspürt auch keinerlei Kopfschmerzen, obwohl er einerseits in Seans Zimmer starrt und andererseits immer noch die weite Graslandschaft überblickt, die auf keinen Fall die Tundra ist.
Es ist eine Woche her und das ist alles, was sie herausfinden konnten.
Seans Geduld ist dünn wie Eis im Juli und er wird mit jedem Tag zorniger.
Er sollte es nicht sein. Er sollte dankbar sein, dass die anderen helfen, wo sie nur können.
Takuya hatte sich in der ersten Nacht mit seinem Laptop und Google Earth in Seans Zimmer gesetzt und Cookie gefragt, wann die Sonne aufgeht, ihm Bilder von Steppen und Grasland gezeigt und Cookie hatte alles brav beantwortet, während Sean in der anderen Zimmerecke auf seinen Händen saß und versuchte, die Eiswut in seinen Fingern unter Kontrolle zu bekommen.
Sie blieben den ganzen Tag und die Nacht wach, aber kamen natürlich keinen Schritt weiter und als Cookie dann irgendwann nichts mehr sagte, geriet Sean dermaßen in Panik, dass Takuya sich nur mit einer blitzschnellen Feuerwand vor Seans Zimmerlawine schützen konnte.
„Sean!“
„Es tut mir Leid! Cookie, Cookie, bitte, mach den Mund auf...“
„Bin eingeschlafen“, sagte Cookie. Ein körperloses Gähnen geisterte durch den Raum in Seans fassungsloses Gesicht. „‘Tschuldigung.“
„Fick dich, Alter“, stöhnte Takuya und damit war der erste Tag rum und alles nötige gesagt.
In dem Stil ging es weiter, mit Dodo, die Cookie durch autogenes Training versuchte zu entlocken, wie viel er noch von seinem Körper spürte (gar nichts), Marike, die Takuyas Idee aufgriff und Daten sammelte, auch wenn sie alle nicht genau wussten, zu welchem Zweck und Billy, der ab und zu auftauchte und die dämlichsten Komödien auf seinem Laptop abspielte, damit Cookie irgendwas zu tun hatte.
Es ist ein Hinhalten, das ist Sean klar und so abartig es ist, für alle anderen hat sich ein Alltag um die unsichtbare Stimme in seinem Zimmer herum eingependelt. Sean weiß nicht, wie man mit ständiger Panik, die jeden Gedanken bestimmt, leben soll. Er schläft nur, wenn er vor lauter Erschöpfung umfällt und jedes Mal, wenn er das Zimmer verlässt, hat er Angst davor, wieder hineinzugehen und starrt die Tür an, bis er vergisst, wovor genau er sich eigentlich so sehr fürchtet.
Vor Cookies Stimme, die immer behutsam und lieb ist.
Davor, dass sie nicht mehr da ist.
Und am meisten hat er Angst davor, dass er sich über die Ruhe freuen würde. Wenn nicht jedes Mal „Hey, Sean“ ertönen würde, wenn er die Tür aufstößt, wenn er nicht jedes Mal um die Augen wissen müsste, die sich bei jeder Bewegung in seinen Rücken bohren (die ihm beim Schafen zusehen könnten oder beim Umziehen, oh Gott…). Er weiß, dass es Cookies Augen sind, er weiß, dass er Cookie vertrauen muss und kann, er weiß das alles, und trotzdem zieht sich ihm die Kehle zu, wenn er an sein Bett denkt.
Es ist lächerlich und egoistisch. Cookies Welt ist auf die Größe seines Sichtfeldes zusammengeschrumpft und alles, woran Sean denken kann ist seine angekratzte Privatsphäre. Er sollte sich schämen und weiß Gott, das tut er auch.
Die ganze Situation übersteigt seine Kräfte. Das übersteigt ihrer aller Kräfte und er ist Schuld daran.
Er kann so nicht weitermachen.
„Susi? Du bist dran.“
„Nein, Sean ist dran.“
„Susi, er hat doch gerade zwei Karten gezogen, das heißt, du bist dran.“
Es sollte witzig sein, denkt Sean, dass Susi den Mund verzieht und gegen die Wand klopft, als würde Cookie irgendetwas davon spüren, doch ihm wird dabei eher schlecht.
„Schrei mich nicht an!“, faucht Susi.
„Ich schreie doch gar nicht!“, schreit Cookie, und lacht. „Aber du musst eine Karte spielen.“
Sean schließt einen Moment lang die Augen. Fast kann er Cookies Gesicht vor sich sehen, seine dunkle Haut, das ständig zu lange Haar, sein breites, perlenweißes Grinsen, die Falte zwischen seinen Brauen, wenn er frustriert und ungeduldig ist und natürlich seinen weichen, tiefen, treuen Blick, den Sean mehr als alles andere vermisst.
Wenn seine Erinnerung alles ist, was er je wieder von Cookie sehen wird… Sean will nicht weiterdenken.
„Susi,“, sagt er dann und fängt fast an zu flennen, kaum, dass er den Mund aufmacht. „Geh bitte.“
„Was?“ Susi verschränkt die Arme vor der Brust und schiebt die Unterlippe vor. Sie lässt sie sogar ein bisschen zittern. „Ich hab nichts falsch gemacht!“
„Geh einfach.“ Sean schließt die Augen und presst die Hände samt Spielkarten vor sein Gesicht.
Er braucht Ruhe, er braucht Platz, er braucht eine Eisscholle und Einsamkeit, er braucht einen Plan, wie er Cookie wiederholen kann, er braucht…
Er zuckt zusammen, als Susi aufspringt, zur Tür stampft und sie so heftig aufreißt, dass der Spiegel zittert.
„Sucht euch doch wen anders für euer doofes langweiliges Spiel!“, schreit sie, und dann kracht die Tür zu und Susi zetert den Flur entlang bis sie sie nicht mehr hören können.
Im Zimmer fängt es an zu schneien und Sean tut so, als würde er es nicht merken. Cookie sagt gar nichts, doch er ist natürlich immer noch da.
„Hab ich was falsch gemacht?“
„Nein. Natürlich nicht. Ich...“
Sean weiß nicht, was er sagen soll. Es gibt keine rationale Erklärung für seinen Ausbruch, die nicht vollkommen egoistisch klingt und es tut ihm alles so sehr leid, aber er kann nicht mehr. Er stirbt vor Sorge und wenn die Schneewehen in seinem Zimmer irgendeinen Rückschluss auf seinen Gemütszustand zulassen – und das tun sie seit jeher – dann ist er kurz davor durchzudrehen.
So schlecht ging es ihm nicht einmal in Berlin.
Vielleicht weil er in Berlin nicht seinen besten Freund auf dem Gewissen hatte.
Marike hatte ihn am dritten Abend beiseite genommen und ihm lange in die Augen gesehen.
„Es ist nicht deine Schuld, Sean“, sagte sie, langsam und vorsichtig und Sean wurde da zum ersten Mal bewusst, wie gefährlich sein Eis für das Wasser in Marike sein könnte. „Ohne dich wäre Cookie möglicherweise erfroren.“
„Das weißt du nicht.“ Sean wollte nicht getröstet werden. Er wollte, dass ihn jemand anschrie, so wie er es nach diesem gigantischen Fehler verdient hatte.
„Du hast das Beste aus der Situation gemacht.“
„Mein Bestes reicht nicht“, sagte Sean.
Daraufhin hatte Marike nichts mehr gesagt. Es gab darauf auch nichts zu sagen, Sean wusste, dass er recht hatte und die folgenden Tage, in denen er merkte, wie wenig er für Cookie tun konnte, bewiesen ihm das immer wieder.
Und jetzt sitzt er hier, zitternd, voll Übelkeit, mit einem schlechten Gewissen, weil er Susi angeschrien hat und weil er nicht weiß, wie er das alles jemals wieder grade biegen soll.
„Es tut mir leid“, sagt Cookie da. Wie immer klingt er ruhig, leise, demütig fast. Er starrt seit einer Woche nur gerade aus und er ist immer noch der wundervollste, sanfteste Mensch, den Sean je getroffen hat. Irgendeiner muss in dieser Situation wahnsinnig werden und Sean übernimmt diese Rolle wie immer freiwillig und mit Bravour. „Ich weiß, wie wichtig es für dich ist, allein zu sein. Und es tut mir Leid, dass ich dir in die Quere komme, weil ich hier festhänge und nichts machen kann.“
„Oh Gott, du...“
Es reicht. Sean beugt den Kopf nach vorn und fängt an zu weinen. Der ganze Stress, die ganze Angst und Scham der letzten Tage fließt aus ihm heraus und tropft mit Rotz und Wasser auf seine Hände. Eiszapfen wachsen in Sekundenschnelle von der Decke bis zum Boden, was Sean nicht sieht, aber er fühlt es, als würde jemand an seinen Haaren ziehen.
„Komm her, komm her, ich fleh dich an, komm wieder zu mir...“ Er bettelt. So weit ist es schon gekommen, aber Sean ist am Ende seiner Kräfte angelangt, er fleht und winselt um Gnade, weil er es keine Sekunde länger ertragen kann, dass der einzige Mensch, den er jemals wollte, seinetwegen kaum mehr als ein Hirngespinst ist und dass er anfängt ihn zu hassen, weil er sich in ihn und seine Sicherheit drängt.
„Sean… ich...“ Cookies Stimme zittert vor Entsetzen. „Ich will zu dir, okay, das musst du mir glauben, ich will so sehr...“
„Ich glaub dir ja!“ Sean schreit und presst seine starr gefrorenen Finger gegen die Augen. Er kann das Eis knirschen hören, der Schneesturm im Wasserglas seines Zimmers nimmt weiter zu und er muss sich dringend in den Griff bekommen, wenn er nicht das ganze Grundstück in Schutt und Frost legen will.
Aber wofür, fragt die Dunkelheit in ihm. Was sollte er noch schützen wollen, wenn Cookie nicht einmal mehr aus Glas sondern nur aus Luftströmen besteht, die aus fremden Dimensionen zu ihnen hinübertreiben.
„Sean… bitte, hör auf zu weinen, ich dreh durch, wenn ich dich nicht in den Arm nehmen kann. Ich bin bald wieder da, bestimmt...“
„Ich vermisse dich.“ Sean versteht sich selbst kaum, sein Atem trieft vor Tränen und er bekommt keine Luft mehr. „Ich vermisse dich so sehr.“
Cookie fängt an zu schluchzen, und das nur zu hören, bringt Sean fast um den Verstand.
Flehen reicht nicht.
Betteln reicht nicht.
Wünschen und Wollen reicht nicht.
Sie sind am Ende.
Drei Tage später taucht Cookie wieder auf: splitterfasernackt, abgemagert und fiebrig liegt er mitten in der Nacht plötzlich neben Sean.
Er klammert sich an ihn und weint und weint und weint.
no subject
Date: 2017-07-23 05:00 pm (UTC)Und Du hast Cookie gerettet, OMG, danke! <333
Ich mag die Mutantenkinder sehr, obwohl ich mich sonst mit Originalen nicht so leicht tue. Und die Idee mit dem unwillkürlichen Teleportieren und was Du aus dem Steckenbleiben gemacht hast, das finde ich immer noch genial.
no subject
Date: 2017-08-04 03:25 pm (UTC)Das ist SO ein wunderschöner Kommentar, was für ein Kompliment, vielen vielen Dank! <333 Ich liebe die Mutantenkinder auch sehr und freu mich, dass sie dir gefallen! (Wenn ich jetzt noch Muse hätte, auch mal was mit Plot zu schreiben, haha...)
no subject
Date: 2017-07-24 08:42 pm (UTC)Oh mein Gott, für einen Moment lang hatte ich wirklich Angst, dass du ihn, sie, mich da noch weiter hängen lässt. Aber er ist wieder da und das ist alles was zählt.
Aber Gott, bist du fies, es bricht einem fast das Herz. *sniff*
no subject
Date: 2017-08-04 03:27 pm (UTC)Ich bemühe mich, mal etwas Fröhliches zu ihnen zu schreiben, VERSPROCHEN! ;^;
no subject
Date: 2017-07-26 09:12 pm (UTC)no subject
Date: 2017-08-04 03:28 pm (UTC)(EVA ICH HAB GESEHEN DASS DU DES TEUFELS MASKERADE WIEDER LIEST. ES WÄR ALSO DRINGEND GERATEN, DASS DAZU MAL NE FANFIC KOMMT. NE. FÜR DEN WELTFRIEDEN UND SO. WEIL DAS IST JA GRAD RECHERCE DIE DU BETREIBST NE.)
no subject
Date: 2017-08-04 03:48 pm (UTC)Jedenfalls lese ich das jetzt zu Recherchezwecken. Nicht zum Vergnügen. Jawohl.