[identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/ posting in [community profile] 120_minuten
Team: Aschenputtel
Prompt: In jedem Universum (romantik - für mich)
Wörter: 750
Original: Uhrwerkträume
Charaktere: Sidean Feder, Emmit Unruh (Luzie Feder und Kasimir Ennart)
Inhalt: Luzie beobachtet Emmit und Sidean wie sie über Zeitwahrnehmung und Einsamkeit diskutieren.



Blenstett, April 1891

Es ist ein Sonntag Nachmittag im April. Ein Tag, der mehr Herbst als Frühling ist. Dichte Regenschauer werden von einem unerbittlichen Wind durch die Stadt gepeitscht. Die wenigen Passanten laufen mit gebeugtem Nacken, hochgeschlagenem Kragen, sich an ihre Regenschirme krallend über die Straßen.

Im Wohnzimmer des Uhrmachermeisters Unruh dagegen herrscht eine gemütliche Stimmung. Vor einem prasselnden Kaminfeuer sind Unruhs Tochter und sein Assistent Sidean Feder in eine Diskussion vertieft.

Auf dem Teppich sitzen Luzie Feder und Unruhs Enkel Kasimir zusammen und bauen Häuser und Burgen aus Bauklötzen. Hin und wieder wirft sie einen Blick zu ihrem Bruder und Emmit hinüber, wie die sich gemeinsam über Skizzen beugen, sich dieses zeigen und jenes erklären.
Plötzlich springt Emmit auf.

„Es stimmt einfach nicht“, verkündet sie, läuft, sich die Schläfen reibend, einmal um Sideans Sessel herum, nur um dann wieder an ihrer Seite des Teetisches Platz zu nehmen.

„Ich verstehe nicht, wie Sie mit Ihrer Argumentation zu dem Schluss kommen können, dass es einen einzigen Rhythmus gibt um diese Welt zu beschreiben.“

Sidean Feder verschränkt die Arme vor seiner Brust. Er schüttelt den Kopf, ein halbes Lächeln auf den Lippen.

„Unser Handwerk wäre reichlich überflüssig, wenn es keinen einheitlichen Rhythmus gäbe, der den Lauf der Zeit beschreibt“, sagt er.

„Vielleicht ist es das ja.“

„Die Eisenbahngesellschaft würde widersprechen.“

„Wenn das so ist. Die Eisenbahngesellschaft ist schließlich, wie wir wissen, die Maßgebende Instanz wenn es um Existenzfragen geht.“

Mit beiden Händen auf der Tischplatte lehnt Emmit sich zu Sidean vor.

„Sagen Sie ehrlich, finden Sie der Bedarf unserer Gesellschaft nach einem einheitlichen Rhythmus, beweist dessen Existenz? Halten Sie das nicht für etwas mystisch?“

Sidean hebt eine Augenbraue. Er streicht sich eine Haarsträhne aus der Stirn.

„Bitte“, sagt er dann und lehnt sich ebenfalls nach vorn, bis seine Nase beinahe die von Emmit berührt, „erklären Sie mir, wie so eine Welt funktioniert, die mehr als einen Lauf der Zeit kennt.“


Eine Zupfen an ihrem Ärmel lockt Luzie aus der Beobachtung zurück zu den Bauklötzen.

„Warum lächelst du wenn die zwei streiten?“, fragt Kasimir.

Luzie denkt kurz darüber nach, wie sie erklären könnte, dass es kein echter Streit ist, den Emmit und Sidean da führen, kommt dann allerdings zu dem Schluss, dass Kasimir, mit seinen vier Jahren, noch ausreichend Zeit hat, das selbst heraus zu finden.

„Opa freut sich auch immer, wenn Emmit und Sian sich streiten“, fügt Kasimir hinzu.

„Ist das so?“, das Lächeln auf Luzies Lippen wird breiter.

Sie wendet ihren Blick zurück zu ihrem Bruder.

Der sitzt inzwischen wieder ganz brav und angemessen auf seiner Seite des Tisches und versteckt sein Gesicht hinter einer Teetasse.


„Sie meinen also, unsere Wirklichkeit sei eine Illusion?“, fragt er über den Rand der Tasse hinweg.

Emmit schüttelt ihren Kopf.

„Die Wirklichkeit als ein einziges Universum ist eine Illusion“, sagt sie.

„Jede Schwingung ist ihr eigenes Universum. Das was wir als Wirklichkeit erfahren ist nichts weiter als der Zusammenklang dieser Universen.“

Sidean lacht.

„Und Sie nennen das Messen von Zeit mystisch? Wenn man diesem Gedanken folgt, endet man bei Zauberei und okkulten Praktiken.“

Er stellt seine Teetasse ab und fährt mit

„Selbst wenn unser Universum, wie Sie behaupten, aus vielen kleinen Universen besteht, müsste es doch einen alles einenden Rhythmus geben. Ein Raum, in dem wir existieren. Ansonsten wäre das alles“, mit einer leichtertigen Geste beschreibt er den Raum um sie heurm, „eine Illusion. Jede Berührung nur ein anklingen. Dann müssten wir doch alle, jeder in seinem Universum, für immer alleine bleiben.“

Emmit betastet mit den Fingern ihre Lippen, eine unbewusste Geste, während ihre Aufmerksamkeit von Sidean zurück zu ihren Skizzen schwenkt.

„Aber es ist doch so“, sagt sie leise. Sie dreht eines der Papiere und betrachtet die von ihr darauf gekritzelten Kreise und Linien noch einmal sehr genau.

Mit einem halb geflüsterten „Entschuldigung“, steht sie auf, erklärt, jetzt den Abwasch zu machen, und verschwindet in der Küche.

Sidean hebt seine Hand, er öffnet den Mund um etwas zu sagen, doch ihm fehlen die Worte, und die Geste verliert sich in einem Zurechtstreichen der Haare. Verunsichert wendet er sich seiner Schwester zu. Die grinst ihn an.

„Sie mag dich“, stellt sie fest.

Sidean lässt seinen Kopf in die Hände sinken. Er begreift nicht, wie Luzie sich da so sicher sein kann.
Luzie zuckt mit ihren Schultern.

„Nenn’ es Intuition, wenn du willst“, sagt sie und dann fügt sie hinzu:

„Meine Intuition sagt übrigens, du solltest ihr abtrocknen helfen“, weil sie genau weiß, dass ihr Bruder Emmit niemals von selbst und ohne konkrete Aufgabe nachlaufen würde.

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