[identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/ posting in [community profile] 120_minuten
Team: Aschenputtel
Prompt: Sich Verstecken (Joker H/C - für mich)
Wörter: 920
Charaktere: Luzie Feder, Kasimir Ennart
Kommentar: Ein Ruhepunkt für diesen Handlungsbogen. (Und ein Weltherrschaft \o/)


Regen, März 1907

Luzie Feder steht in Unterwäsche vor ihrem geöffneten Kleiderschrank, als es an der Tür läutet.
Sie wirft einen Blick auf die Kaminuhr.
„Der Herr ist früh dran“, stellt sie fest. Sie nimmt zwei Kleider aus dem Schrank heraus und breitet sie auf ihrem Bett aus. Der Herr kann ruhig warten, findet sie, wenn er sich nicht an verabredete Uhrzeiten hält. Prüfend legt sie eine Perlenkette über den einen, dann über den anderen Kragen. In mancherlei Hinsicht war das Leben einfacher, als sie noch weniger Kleider hatte.
„Fräulein Feder?“
Karlotta steht in der Schlafzimmertür, die Schultern ein wenig hochgezogen, die Augen hat sie weit aufgerissen.
„Sie haben Besuch“, sagt sie.
Luzie winkt ab, ohne ein zweites Mal von ihren Kleidern aufzusehen.
„Sag dem Herrn, dass er im Salon warten soll.“
„Es ist ihr Neffe.“
Karlotta hat den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da rauscht Luzie schon an ihr vorbei, im Hemd und Barfuß wie sie ist, läuft sie die Treppe hinunter.
Kasimir steht neben dem Kamin, im kleinen Salon, wie ein Schuljunge, mit gefalteten Händen und gesenktem Blick. Seine Kleider sind schmutzig, abgerissen, seine Schuhe sehen aus als hätte ihr Leder längst vergessen, wie Wachs schmeckt. Seine Haare fallen über seine Ohren, und auf seiner Oberlippe und um sein Kinn hat sich das bisschen Bartwuchs, das er mit seinen zwanzig Jahren hat, ganz selbstverwirklicht.
Zum ersten Mal bemerkt Luzie, wie ähnlich err seinem Vater sieht. Ein kalter Schauer läuft ihr über den Rücken, aber vielleicht sind das auch nur die kalten Fliesen unter ihren Füßen. Ein tiefer Atemzug, dann tritt sie in den Salon hinein.
Sie schließt Kasimir in ihre Arme, ehe der merkt wie ihm geschieht, drückt ihn an sich und hält ihn so lange fest, bis er sich selbst aus der Umarmung befreit.
Luzie wischt sich die Tränen aus den Augen. Sie fasst Kasimir noch einmal bei den Schultern und betrachtet ihn, vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen. Schließlich sieht sie ihm ins Gesicht.
„Wo warst du?“, fragt sie. Ihre Stimme ist kaum mehr als ein Hauchen.
Kasimir zuckt mit den Schultern, er weicht Luzies Blick aus.
„Hier und da“, murmelt er.
Ein Schluchzen entweicht Luzies Lippen, und sie zieht ihren Neffen noch einmal an sich heran.
Aber jetzt sei er wieder da, sagt sie, und streicht ihm über das Haar. Ganz allmählich lässt Kasimir seine Stirn gegen Luzies Schulter sinken, ganz allmählich legt auch er seine Arme um ihren Körper. Ein Beben geht durch seinen Körper, ein Zittern, seine Tränen saugen sich in den Träger vor Luzies Unterhemd.

Als sie sich endlich wieder aus der Umarmung lösen steht Karlotta neben ihnen.
„Der Herr Graf von Lahberg wartet mit seiner Kutsche vor dem Haus“, teilt sie Luzie mit.
Die überlegt nicht lange.
„Sag ihm, ich habe keine Zeit, es ist etwas dazwischen gekommen“, antwortet sie.
Karlotta nickt, und macht sich auf den Weg.
Kasimir blickt ihr hinterher, dann wandern seine Augen durch das Zimmer, die Tapete hinauf zu dem Leuchter an der Stuckverzierten Decke, und endlich durch die offenen Türen in den großen Salon hinüber, wo ein weißer Flügel auf einem Teppich steht.
„Das Regener Opernhaus bezahlt ihre Musiker ganz gut“, stellt er trocken fest.
Luzie verzieht die Lippen zu einem spitzbübigen Lächeln.
„Keineswegs“, meint sie, „Aber der Herr Graf von Lahberg hat einiges für gute Musik übrig.“

Eine Stunde später sitzen sie im Esszimmer bei einem eilig improvisierten Abendessen zusammen. Luzie hat inzwischen einen Morgenmantel übergeworfen. Kasimir ist frisch gebadet und in einen Schlafanzug des so großzügigen Grafen von Lahberg gekleidet.
Schweigend schaufelt er Suppe in sich hinein, als hätte er seit Tagen nichts ordentliches zu essen gehabt.
Luzie beobachtet ihn mit einer Mischung aus Sorge und Erleichterung.
In ihrem Kopf schwirren die Fragen. Wo er war, was er gemacht hat, weshalb er überhaupt weggelaufen sei und ob er sich vorstellen könne, in welche Sorgen er sie alle, Sidean und Emmit, Wendora und nicht zuletzt den jungen Schlüssel, versetzt habe.
Sie stellt keine einzige davon.
„Wie lange willst du bleiben?“, ist die einzige Frage, die sie sich auszusprechen gestattet.
Kasimir schaut sie ratlos an.
„Du kannst bleiben solange du willst. Ein paar Tage, ein paar Wochen, ein ganzes Jahr, wenn du möchtest.“
„Und was wird dein Graf dazu sagen?“
Luzie zuckt mit den Schultern.
„Der wird sich damit arrangieren müssen.“
Kasimir öffnet den Mund um etwas zu erwidern, doch Luzie hebt abwehrend einen Finger.
„Du wirst immer einen Platz bei mir haben. Und wenn es wieder eine Einzimmerwohnung wird, dann wird es wieder eine Einzimmerwohnung, aber selbst da hast du einen Platz, wenn du ihn brauchst.“
Sie greift über den Tisch hinweg nach Kasimirs Hand.
„Du musst mir nur eines Versprechen“, sagt sie, und ist selbst fasziniert davon, dass ihre Stimme die Strenge findet, die dieser Satz haben sollte, „morgen Früh gehst du ins Regener Zunfthaus, und meldest dich hier, dass niemand mehr auf die Idee kommen kann, du wolltest mit der Zunft brechen. Einverstanden?“
Kasimir schluckt.
„Denken sie das nicht sowieso schon?“
„Wieso sollten sie? Warst du nicht die letzten zwei Monate bei Emmit in Blenstett?“
Kasimir zieht seine Hand unter der von Luzie weg. Er streicht sich die Haare aus der Stirn.
„Muss ich Uhrmachermeister Feder sagen, dass ich hier bin?“, fragt er.
Der förmliche Gebrauch von dem Namen ihres Bruders versetzt Luzie einen Stich. Ja, möchte sie sagen, er kommt ja auch um, vor Sorge.
Sie sagt es nicht.
„Nicht, wenn du nicht willst“, sagt sie.
„Aber er muss wissen, dass ich weiß wo du bist. Allein, damit wir dich nicht in zwei Städten gemeldet haben.“

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