[identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/ posting in [community profile] 120_minuten
Team: Aschenputtel
Prompt: "Wo ist er?!" (h/c - für mich)
Wörter: 738
Original: Uhrwerkträume
Charaktere: Vinzent Schlüssel, Sidean Feder
Inhalt: Als sie, nach Schlüssels und Ennarts Ernennung zum Uhrmacher, zurück zum Institut fahren wollen ist Ennart verschwunden.



Blenn-Rienwald Express, Januar 1907

Es ist Sonntag, der vierte Januar 1907, neun Uhr und sechsunddreißig Minuten. Der Blenn-Rienwald-Express setzt sich schnaufend und pfeifend in Bewegung, schiebt sich gemächlich über seine Schienen, bis er das Blenstetter Stadtgebiet verlassen hat, ein Pfiff, und das Tempo zieht an, das Rattern der Räder verschmilzt zu einem einzigen Klang.
Vinzent Schlüssel blickt aus dem Fenster, zurück auf die Lichter der Stadt, die allmählich am Horizont verschwinden. Er ballt seine Hände zu Fäusten, so fest, dass das Leder seiner Handschuhe unter der Spannung knackt.
„Wir hätten einen Zug später nehmen können“, bringt er durch zusammengebissene Zähne hervor.
Uhrmachermeister Sidean Feder sagt nichts.
„Ein paar Stunden warten.“
Nichts.
„Ihn suchen.“
Mit der geballten Faust schlägt Schlüssel auf die leere Sitzbank zu seiner Rechten. Er legt seinen Kopf in den Nacken und atmet ein paar mal tief ein und wieder aus.
„Ich verstehe Sie nicht“, sagt er dann, etwas ruhiger als zuvor.
„Ich dachte, En sei wie ein Sohn für Sie.“
Feder blickt weiterhin aus dem Fenster, regungslos, bis auf die Muskeln um seinen Kiefer. Er fährt sich mit einer Hand durch die Haare und über den Bart.
„Wir täten Kasimir keinen Gefallen, wenn wir ihn suchen.“
Seine Stimme ist nicht mehr als ein Flüstern, die Worte kommen kaum gegen den Lärm der Lokomotive an.
Schlüssel gibt ein tonloses Lachen von sich.
„Wie können Sie das sagen?“
„Wer als Uhrmacher verschwindet macht sich des Zunftbruchs schuldig“, erklärt Feder, noch leiser als zuvor.
Er sieht Schlüssel nicht ein einziges Mal an, seine Augen fixieren sein eigenes Spiegelbild, seine Worte der Erklärung gelten ihm selbst mehr als seinem Assistenten.
„Ich habe keine andere Wahl, als davon auszugehen, dass Kasimir einfach etwas länger in der Hauptstadt bleiben wollte, wenn ich ihm nicht die Funzel auf den Hals jagen möchte.“
„Wir hätten trotzdem bleiben können, ein paar Stunden.“
Das hätte ihnen nur zusätzliche Fragen beschert, gibt Feder zurück. Es sei das eine, wenn sie zu zweit ans Institut zurück kehren, das könnte man noch erklären. Aber wenn sich zu dem einen Umstand ein zweiter, wie beispielsweise eine Verspätung gesellt-
„Warum haben Sie nicht ihn als Assistenten genommen?“, fällt Schlüssel seinem Meister ins Wort.
Uhrmachermeister Feder denkt einen Moment nach. Seine Finger wühlen durch sein Haar, als könnte er dort eine Antwort finden.
„Es war die bessere Ent-“
„Das meinen Sie doch nicht ernst.“
Vinzent Schlüssel unterdrückt das Bedürfnis sich für seine Unhöflichkeit zu entschuldigen, genauso wie er das Bedürfnis unterdrückt Feder an den Schultern zu packen und zu schütteln.
„Es war keine Frage des Mitgefühls. Kasimir ist kein Wissenschaftler. Ein Forscher, ganz bestimmt, aber kein Wissenschaftler.“
„Sie haben Zahn und Anker nicht einmal gefragt, ob sie ihn nehmen würden?“
Zum ersten Mal, seit ihrer Abfahrt in Blenstett, begegnen sich ihre Blicke.
„Selbstverständlich habe ich das“, ganz langsam schleicht sich auch in Feders Sprache ein Anklang von Schlüssels Aufregung.
„Aber Anker hat seinen Sohn, und Zahn ist zu alt um überhaupt noch wirklich zu arbeiten.“

In diesem Moment wird ihr Gespräch unterbrochen. Die Abteiltür öffnet sich und ein Schaffner fragt nach den Fahrkarten.
Durch dicke Brillengläser begutachtet er das Billet, das Feder ihm gibt.
„Wo’s’n der dritte?“, brummt er. Da er keine Antwort bekommt zuckt er mit den Schultern, lässt seinen Knipser seine Arbeit tun, und gibt Feder die Fahrkarte zurück.

„Ich hätte mir mehr Zeit nehmen sollen, mit ihm zu reden“, gesteht Feder, kaum dass sie wieder alleine sind. Er massiert sich die Schläfen, die Augen, seine rechte Hand verharrt schließlich über seinem Mund.
Einen fürchterlichen Augenblick lang glaubt Schlüssel, dass Feder anfangen könnte zu weinen. Doch der Eindruck verfliegt so rasch, wie er gekommen war. Feder faltet die Hände über seinen Knien. Er blickt wieder aus dem Fenster. Dort geht inzwischen die Sonne auf.
„Er hat Ihnen auch nichts gesagt, oder?“
Schlüssel schüttelt den Kopf.
„Kein Wort.“
Dann erinnert er sich an das Gespräch, das sie auf dem Heimweg von dem feierlichen Ausklang der Zunftversammlung geführt hatten.
„Windfang hat ihm eine Stelle angeboten.“
Gespannt beobachtet Schlüssel, wie Feder auf diese Information reagiert, doch Feder scheint nicht sonderlich überrascht.
„Natürlich…“
Nachdenklich runzelt er seine Stirn. Dann plötzlich hellt sich seine Miene auf.
Die Fahndung, denkt er laut, habe ihren Hauptsitz in der Stadt Regen. Selbst wenn Kasimir sich nicht sicher sei, ob er Windfangs Angebot annehmen wollte, würde dort doch immerhin auch seine Tante Luzie wohnen.
„Und wenn er sich bei jemandem verkriechen würde, dann bei ihr.“

Date: 2017-07-10 02:59 pm (UTC)
servena: (Default)
From: [personal profile] servena
Oh Gott, es wird ja gar nicht besser für den armen Ennart...

Date: 2017-07-10 04:39 pm (UTC)
From: [identity profile] nebel-kraehe.livejournal.com
Die angespannte Stimmung kommt super rüber!

Einen fürchterlichen Augenblick lang glaubt Schlüssel, dass Feder anfangen könnte zu weinen.
Die Befürchtung hatte ich auch ;_;

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