Der Falsche Nachname
Jul. 8th, 2017 01:34 amTeam: Aschenputtel
Prompt: Falsche Rollenverteilung (h/c - für mich)
Wörter: 762
Original: Uhrwerkträume
Charaktere: Vinzent Schlüssel, Kasimir Ennart
Inhalt: Vinzent und Ennart werden offiziell zu Uhrmachern ernannt. Ennart ist betrunken, und Vinzent hat keine Ahnung wie sie nach Hause kommen.
Blenstett, November 1906
Kasimir Ennart sitzt auf einem Mauersims im Innenhof des Blenstetter Zunfthauses. In einer Hand hält er ein Weinglas, in der anderen eine Visitenkarte. Die Buchstaben tanzen unscharf darauf. Er blinzelt ein paar Mal, ohne dass sich irgendetwas daran ändert. Er reibt sich die Auge, auch das hilft nicht. Schließlich verstaut er die Karte, bedacht langsam, in seine Manteltasche.
Er leert sein Weinglas, stellt es neben seinen Füßen ab und beobachtet mit teilnahmsloser Faszination, wie es kurz darauf auf dem grauen Steinboden in Scherben zerspringt. Er ist noch ganz in dieser Betrachtung versunken, als die Tür zur Versammlungshalle geöffnet wird, ausgelassenes Stimmgewirr schwappt in den Hof, dann fällt die Tür wieder ins Schloss.
„En?“
Im, durch das Türglas schimmernden, Gegenlicht ist Vinzent nicht mehr als ein schwarzer Schatten. Ein schwarzer Schatten mit Hut und Mantel.
„Meinetwegen könnten wir jetzt gehen.“
Sich mit einer Hand am Mauersims festhaltend steht Ennart auf, bleibt stehen, schwankt, er schaut nach links und nach rechts, dann hebt er eine Hand zu seinem Kopf und ertastet den Hut, der da sitzt.
Auf der Treppe vom Zunfthaus zur Straße hinunter verliert Ennart das Gleichgewicht. Er stürzt nur darum nicht, weil Vinzent ihn gerade noch im richtigen Moment zu fassen bekommt und festhält.
„Meinst du, du findest den Weg noch?“, fragt er. Seine Worte klingen amüsiert, aber in seinen Augen ist ehrliche Sorge zu lesen.
Ennart nickt, murmelt ein „Ja, ja, klar“, hakt sich bei Vinzent unter und läuft los.
Vinzent ist sich relativ sicher, dass sie am Mittag aus einer anderen Richtung gekommen waren, aber er sagt nichts. Er ist schließlich zum ersten Mal in Blenstett. Ennart ist, wenigstens teilweise, hier aufgewachsen.
„Hat dein Vater dich gehen lassen?“, bringt Ennart schleppend hervor, als sie eine Brücke überqueren.
„Uhrmachermeister Schlag hat ihn abgelenkt“, antwortet Vinzent.
Er schüttelt nachdenklich den Kopf.
„Da hat er mir ein Leben lang eingeredet, ich hätte nicht das Zeug zum Uhrmachermeister und ist dann beleidigt, dass ich mir den Titel nicht in seiner Werkstatt verdienen will.“
Mit einem Ruck wird Vinzent zum stehenbleiben gezwungen. Er sieht Ennart an, der mit geschlossenen Augen neben ihm steht.
„Geht es dir gut?“
Ein mattes Kopfschütteln. Auf einmal lässt Ennart Vinzents Arm los. Er stolpert Richtung Flussufer, wo er sich, die Hände an dem Geländer des Dammwerks, übergibt.
Vinzent läuft ein paar Meter weiter. Er lehnt sich ebenfalls an den Zaun, der hier eine klare Linie zwischen Stadt und Fluss zieht, und wartet geduldig, bis Ennart wieder zur Ruhe und zu ihm zurück kommt.
„Besser?“, fragt er und reicht ihm ein Taschentuch, weil er weiß, dass Ennart selbst nie eines bei sich trägt.
„Ein wenig“, meint Ennart.
Er blickt aufs Wasser und über die Stadt und dann in Vinzents Gesicht nur um seine Aufmerksamkeit gleich wieder dem Fluss zuzuwenden.
„Ich hab dir noch gar nicht gratuliert, dass du am Institut bleiben darfst “, murmelt er.
Vinzent runzelt die Stirn.
„Bleibst du nicht?“, fragt er.
„Als ob die Zunft so viel Geld in die Forschung steckt, dass Feder zwei Assistenten haben kann.“
„Oh.“
Siebenundvierzig Sekunden stehen sie schweigend nebeneinander. Nach sechsunddreißig Sekunden lässt Ennart seine Stirn auf das Geländer sinken.
„Wo gehst du dann hin?“, traut Vinzent sich endlich zu fragen.
„Hier, zur Wartung - wär’ Feders Wunsch“, antwortet Ennart ohne aufzublicken
„Oder zu seinem Bruder.“
„Spielzeug machen?“
Dass „Hm“, das Ennart zur Antwort gibt, klingt ungefähr genau so unbegeistert wie Vinzents Frage.
Ennart bewegt seinen Kopf hin und her. Ganz langsam richtet er sich wieder auf. Die Augen fest ans gegenüberliegende Ufer geheftet.
„Windfang hat mir seine Karte gegeben“, sagt er.
Vinzent sieht ihn entgeistert an.
Windfang ist der Leitende Uhrmachermeister der Fahndung unzünftiger Angelegenheiten. Die einzigen Uhrmacher die überhaupt gar nichts mehr mit Uhren zu tun haben, außer wenn sie dem illegalen Handel mit ihnen nachgehen.
Ennart hätte eben so gut sagen können, dass er darüber nachdenkt zur Armee zu gehen, für Vinzent klingt das eine so hoffnungslos wie das andere.
„Das willst du nicht wirklich-?“
„Was ich will ist doch egal hier“, schneidet Ennart ihm das Wort ab.
„Ich will weiter bei meinem Onkel in der Werkstatt arbeiten. Aber da fehlt mir leider der richtige Nachname.“
Er lässt seinen Kopf zurück auf das Geländer sinken. Sein Hut, der bisher sehr tapfer auf seinen Haaren sitzen geblieben war, verliert endlich den Halt. Von Ennarts Mantel geschubst, segelt er ins Wasser hinunter.
Ennart hebt den Blick ein wenig. Er sieht dem Hut hinterher, wie der auf dem Wasser treibt.
Irgendetwas daran stimmt nicht, aber es dauert eine ganze Weile, bis Ennart begreift.
„Wir sind auf der falschen Seite vom Fluss.“
Prompt: Falsche Rollenverteilung (h/c - für mich)
Wörter: 762
Original: Uhrwerkträume
Charaktere: Vinzent Schlüssel, Kasimir Ennart
Inhalt: Vinzent und Ennart werden offiziell zu Uhrmachern ernannt. Ennart ist betrunken, und Vinzent hat keine Ahnung wie sie nach Hause kommen.
Blenstett, November 1906
Kasimir Ennart sitzt auf einem Mauersims im Innenhof des Blenstetter Zunfthauses. In einer Hand hält er ein Weinglas, in der anderen eine Visitenkarte. Die Buchstaben tanzen unscharf darauf. Er blinzelt ein paar Mal, ohne dass sich irgendetwas daran ändert. Er reibt sich die Auge, auch das hilft nicht. Schließlich verstaut er die Karte, bedacht langsam, in seine Manteltasche.
Er leert sein Weinglas, stellt es neben seinen Füßen ab und beobachtet mit teilnahmsloser Faszination, wie es kurz darauf auf dem grauen Steinboden in Scherben zerspringt. Er ist noch ganz in dieser Betrachtung versunken, als die Tür zur Versammlungshalle geöffnet wird, ausgelassenes Stimmgewirr schwappt in den Hof, dann fällt die Tür wieder ins Schloss.
„En?“
Im, durch das Türglas schimmernden, Gegenlicht ist Vinzent nicht mehr als ein schwarzer Schatten. Ein schwarzer Schatten mit Hut und Mantel.
„Meinetwegen könnten wir jetzt gehen.“
Sich mit einer Hand am Mauersims festhaltend steht Ennart auf, bleibt stehen, schwankt, er schaut nach links und nach rechts, dann hebt er eine Hand zu seinem Kopf und ertastet den Hut, der da sitzt.
Auf der Treppe vom Zunfthaus zur Straße hinunter verliert Ennart das Gleichgewicht. Er stürzt nur darum nicht, weil Vinzent ihn gerade noch im richtigen Moment zu fassen bekommt und festhält.
„Meinst du, du findest den Weg noch?“, fragt er. Seine Worte klingen amüsiert, aber in seinen Augen ist ehrliche Sorge zu lesen.
Ennart nickt, murmelt ein „Ja, ja, klar“, hakt sich bei Vinzent unter und läuft los.
Vinzent ist sich relativ sicher, dass sie am Mittag aus einer anderen Richtung gekommen waren, aber er sagt nichts. Er ist schließlich zum ersten Mal in Blenstett. Ennart ist, wenigstens teilweise, hier aufgewachsen.
„Hat dein Vater dich gehen lassen?“, bringt Ennart schleppend hervor, als sie eine Brücke überqueren.
„Uhrmachermeister Schlag hat ihn abgelenkt“, antwortet Vinzent.
Er schüttelt nachdenklich den Kopf.
„Da hat er mir ein Leben lang eingeredet, ich hätte nicht das Zeug zum Uhrmachermeister und ist dann beleidigt, dass ich mir den Titel nicht in seiner Werkstatt verdienen will.“
Mit einem Ruck wird Vinzent zum stehenbleiben gezwungen. Er sieht Ennart an, der mit geschlossenen Augen neben ihm steht.
„Geht es dir gut?“
Ein mattes Kopfschütteln. Auf einmal lässt Ennart Vinzents Arm los. Er stolpert Richtung Flussufer, wo er sich, die Hände an dem Geländer des Dammwerks, übergibt.
Vinzent läuft ein paar Meter weiter. Er lehnt sich ebenfalls an den Zaun, der hier eine klare Linie zwischen Stadt und Fluss zieht, und wartet geduldig, bis Ennart wieder zur Ruhe und zu ihm zurück kommt.
„Besser?“, fragt er und reicht ihm ein Taschentuch, weil er weiß, dass Ennart selbst nie eines bei sich trägt.
„Ein wenig“, meint Ennart.
Er blickt aufs Wasser und über die Stadt und dann in Vinzents Gesicht nur um seine Aufmerksamkeit gleich wieder dem Fluss zuzuwenden.
„Ich hab dir noch gar nicht gratuliert, dass du am Institut bleiben darfst “, murmelt er.
Vinzent runzelt die Stirn.
„Bleibst du nicht?“, fragt er.
„Als ob die Zunft so viel Geld in die Forschung steckt, dass Feder zwei Assistenten haben kann.“
„Oh.“
Siebenundvierzig Sekunden stehen sie schweigend nebeneinander. Nach sechsunddreißig Sekunden lässt Ennart seine Stirn auf das Geländer sinken.
„Wo gehst du dann hin?“, traut Vinzent sich endlich zu fragen.
„Hier, zur Wartung - wär’ Feders Wunsch“, antwortet Ennart ohne aufzublicken
„Oder zu seinem Bruder.“
„Spielzeug machen?“
Dass „Hm“, das Ennart zur Antwort gibt, klingt ungefähr genau so unbegeistert wie Vinzents Frage.
Ennart bewegt seinen Kopf hin und her. Ganz langsam richtet er sich wieder auf. Die Augen fest ans gegenüberliegende Ufer geheftet.
„Windfang hat mir seine Karte gegeben“, sagt er.
Vinzent sieht ihn entgeistert an.
Windfang ist der Leitende Uhrmachermeister der Fahndung unzünftiger Angelegenheiten. Die einzigen Uhrmacher die überhaupt gar nichts mehr mit Uhren zu tun haben, außer wenn sie dem illegalen Handel mit ihnen nachgehen.
Ennart hätte eben so gut sagen können, dass er darüber nachdenkt zur Armee zu gehen, für Vinzent klingt das eine so hoffnungslos wie das andere.
„Das willst du nicht wirklich-?“
„Was ich will ist doch egal hier“, schneidet Ennart ihm das Wort ab.
„Ich will weiter bei meinem Onkel in der Werkstatt arbeiten. Aber da fehlt mir leider der richtige Nachname.“
Er lässt seinen Kopf zurück auf das Geländer sinken. Sein Hut, der bisher sehr tapfer auf seinen Haaren sitzen geblieben war, verliert endlich den Halt. Von Ennarts Mantel geschubst, segelt er ins Wasser hinunter.
Ennart hebt den Blick ein wenig. Er sieht dem Hut hinterher, wie der auf dem Wasser treibt.
Irgendetwas daran stimmt nicht, aber es dauert eine ganze Weile, bis Ennart begreift.
„Wir sind auf der falschen Seite vom Fluss.“
no subject
Date: 2017-07-08 09:50 am (UTC)Mir gefällt die Beschreibung aus Sicht des Betrunkenen und auch das Ende wie der Hut, der vorher noch einigermaßen saß, schließlich doch ins Wasser fällt. Der gesamte letzte Abschnitt wirkt, wenn es foreshadowing ist (mit der falschen Flussseite und allem) total bitter :/
*edit: mit bitter meine ich natürlich: interessant auf welche (ungeplanten?) Lebenswege es die Jungs verschlägt :D
no subject
Date: 2017-07-08 11:06 am (UTC)Ich bin ehrlich gesagt auch sehr gespannt, vor allem bei Ennart. Ich weiß zwar genau, wo er am Ende landet, aber was dazwischen so passiert ist auch für mich immer noch ein graues Gewusel aus Irgendwies, das sich hoffentlich in diesem Sommer schreibend entwirrt
no subject
Date: 2017-07-10 02:57 pm (UTC)