[identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/ posting in [community profile] 120_minuten
Team: Aschenputtel
Prompt: Demütigung (h/c - für mich)
Wörter: 1.105
Original: Uhrwerkträume
Charaktere: Sidean Feder
Ort, Zeit: Blenstett, 1891
Inhalt: Sidean Feder spricht zum ersten Mal vor dem Zunftrat und begegnet Emmit Unruh ein zweites Mal.



Blenstett, Januar 1891

Einmal im Jahr versammeln sich die Meister der Uhrmacherzunft im Blenstetter Zunfthaus um lange und umständlich über die Entwicklungen in der Welt und ihrem Handwerk, vor allem aber über Geld und dessen Verteilung zu sprechen.
Bei jeder Versammlung beklagen die Uhrmacher der Wartung und die der Fahndung unzünftiger Angelegenheiten ihre geringe Förderung, während die Uhrmachermeister Irean Pendel und Konstantin Schlüssel (in leitender Funktion zuständig für die Herstellung und den Verkauf von Uhrwerken) ihnen erklären, dass es eben nicht mehr Geld gäbe, als jenes welches man ihnen jetzt schon zur Verfügung stellt.
Einzig die drei forschenden Uhrmachermeister (Unruh, Anker und Zahn), bleiben bei diesen, oft hitzigen, Diskussionen unbeteiligt, lehnen sich auf ihren Stühlen zurück und tauschen im Flüsterton neue Hypothesen und Theorien aus.
Die Zunftsatzung besagt, dass jedes neu entworfene Uhrwerk von einem der drei Forscher ordentlich geprüft und für ungefährlich befunden werden muss, ehe es in den Verkauf wandern kann, und so genießen die forschenden Uhrmachermeister, wenn auch nicht die größte Anerkennung im zwischenmenschlichen Sinne, doch ausreichende Förderung, dass es nicht lohnt darüber mit den Kollegen in Streit zu geraten.

In der zweiten Versammlung des Jahrs 1891 allerdings wird der Lauf der Dinge durcheinander gebracht.
Zum ersten mal seit bald zehn Jahren sitzt dieser Versammlung ein Uhrmacher der Familie Feder bei.
Zur Zeit der Zunftgründung war der Name Feder ein durchaus bedeutender Name unter den Uhrmachern, und es hätte nicht viel gefehlt, dass die Familie, die zu diesem Namen gehört, jene Position eingenommen hätte, die nun die Familie Pendel innehält. Altmeister Feder war bekannt unter seinen Kollegen für seine Genauigkeit aber auch seine Effizienz im Bau. Einzig, das Interesse an wohl organisierter Massenproduktion fehlte ihm vollständig, und so gab er das Bauen von Zeitmessenden Uhren auf, kaum dass die die Zunft gegründet worden war, und begann an ihrer Stelle Spieluhren herzustellen. Die einzigen Uhrwerke, die nach wie vor nicht unter den Zunftsatz der kontrollierten Herstellung fallen.
Die Federschen Spieluhren gelten unter seinen Kollegen wohl als kunstvoll, hinter vorgehaltener Hand wird vielleicht einmal gestanden, dass man selbst solch ein Uhrwerk niemals konstruieren könne, nach Außen jedoch wird die Familie Feder heute nur noch mit einem abschätzigen Lächeln erwähnt, wenn man sie überhaupt beim Namen nennt und nicht einfach nur von „den Spielzeugmachern“ spricht.
Es ist also nicht verwunderlich, dass Uhrmachermeister Teremin Feder (der Sohn des Altmeisters) die Besuche der Zunftversammlung bald aufgab und seine Präsenz in der Zunft auf die aller nötigsten Korrespondenzen beschränkte.

Um so verblüffter ist man nun, am siebundzwanzigsten Januar, als sich zwischen den üblichen Gesichtern am runden Tisch ein neues findet, das nämlich, des jungen Uhrmachers Sidean Feder, Uhrmachermeister Teremin Feders jüngerem Sohns.
Ein paar Kollegen fragen ihn, ob er sie auf den neusten Stand im Spielzeugverkauf bringen wolle, oder ob er einfach nur interessiert sei, wie Richtige Uhrmacher aussehen.
Bei den ersten Kommentaren versucht Feder noch unter den ruppigen Stimmen eine Freundlichkeit zu erkennen, aber mit jedem Uhrmacher dem er sich vorstellen muss wird sein Lächeln angestrengter und sein Gruß verhaltener.
Als man sich endlich zur eigentlichen Sitzung des Zunftrates zusammen setzt fehlt ein Stuhl, und Feder verbringt geschlagene vierzehn Minuten und neun Sekunden stehend, während der Hausmeister bemüht wird einen weiteren Stuhl zu organisieren.
Das Blut pocht in seinen Wangen und seine Hände sind schweißnass, als er sie endlich von dem Griff seines Koffers löst.

Die Zunftsitzung beginnt, Uhrmachermeister Pendel führt das Wort. Sie sprechen von chronotropen Anomalien im öffentlichen Raum, der Uhrwerk im Lauensmarer Rathaus musste angehalten werden um eine Verwirrung der Stadt zu verhindern. Es sei allerdings niemand zu Schaden gekommen.
Uhrmachermeister Anker schnalzt mit der Zunge, doch Pendel ignoriert ihn.
Es folgen Verkaufsreporte, ein Bericht des Leitenden Uhrmachermeisters Windfang über die Feststellung schwarz gehandelter Uhren, so wie unzünftigen Uhrenbaus in den vergangenen sechs Monaten.
Nach einer kurzen Pause spricht man über die Wünsche und Ansprüche außerhalb der Zunft.
Feder, der sich in diesen Angelegenheiten nicht im Geringsten auskennt, hört nur mit einem Ohr zu. In seinem Kopf übt er fleißig die Worte, mit denen er in wenigen Minuten den Zunftrat ansprechen will.
Aus wenigen Minuten werden dreiundvierzig. Beinah verpasst Feder es sich zu melden, als Pendel endlich fragt, ob irgend einer der Anwesenden noch etwas vorzutragen habe.
Doch dann, ehe er sich versieht, ist er bereits aufgestanden.
„Vielen Dank, dass ich-“, er räuspert sich.
„Ich möchte“, nein, das ist kein guter Anfang. Zu demütig.
„Sehr geehrte“, Feder hält inne.
„Sehr geehrte Kollegen“, bringt er den Satz dann zu Ende.
Die ersten seiner Kollegen tuscheln bereits. Aus dem Augenwinkel sieht Feder, wie Unruh sich zu seinem Kollegen Anker hinüber beugt.
Feder räuspert sich noch einmal. Er habe eine Beobachtung gemacht, erklärt er. In einer Ecke des Saals pfeift jemand, aber Feder fährt unbeirrt fort. Eine Beobachtung, die er den Herren Uhrmachermeister nicht vorenthalten wolle.
Das Tuscheln wird lauter, hier und da wird gehustet. Für einen kurzen Moment verliert Feder den Faden.
„Der Schlüssel“, bringt er endlich hervor, „ist Musik.“
Das ist zu viel. Der alte Uhrmachermeister Schlag bricht in donnerndes Gelächter aus. Seine Kollegen stimmen mit ein.
Sidean Feder sinkt auf seinen Platz zurück. In seinen Ohren rauscht das Echo seiner Aufregung.
Irgendwo in der Ferne macht Uhrmachermeister Pendel einen Kommentar über Spielzeug, Kinderei und Kasperletheater, doch Feder hört ihn gar nicht mehr, so laut rasen die Gedanken in seinem Kopf, klingen all die Worte und Phrasen, mit denen er sein Anliegen besser, oder überhaupt hätte vorbringen können.
Am Ende der Sitzung ist Feder der erste, der den Saal verlässt. Ohne einem einzigen seiner Kollegen ins Gesicht zu sehen, eilt er hinaus.

Auf dem kleinen Platz, gegenüber des Zunfthauses, sitzt Feders Schwester. Wie verabredet sitzt sie da und wartet. Nur ist sie nicht alleine. Neben ihr sitzt Emmit Unruh.
Sidean Feder bleibt mitten auf der Straße stehen. Keinen Schritt wollen seine Beine weiter gehen, erst recht keinen Schritt zurück. Wie angewurzelt steht er da und glaubt, bis ans Ende der Welt so stehen zu müssen, als ein Taxi neben ihm hält.
„Wo woll’n’s’n hin?“, fragt der Fahrer vom Kutschbock runter, und ehe Feder weiß wie ihm geschieht, ist er schon in den Wagen hinein geklettert.
„Also?“, ruft ihm der Fahrer durch seine Luke zu.
Feder überlegt nicht lange. Er kennt sich in Blenstett nicht aus. Er sagt die erste Adresse, die ihm in den Sinn kommt.
Erst als sie die Blenn überqueren dämmert es ihm, dass die genannte Adresse die Wohnung seiner Schwester und also auch deren Wohngenossin ist.

Date: 2017-07-09 08:28 am (UTC)
From: [identity profile] failte-aoife.livejournal.com
Die gefällt mir auch sehr. Und macht mich neugierig warum Musik der Schlüssel ist :D

Date: 2017-07-10 02:47 pm (UTC)
servena: (Default)
From: [personal profile] servena
"Der Schlüssel ist Musik"?? Der Schlüssel wozu? Aaah, ich bin so neugierig!

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Die Uhr läuft ... jetzt!

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