Team: Aschenputtel
Prompt: Reue/Büße (Angst - für mich)
Wörter: 650
Charaktere: Uhrmachermeister Ferdinand Unruh, Willem Unruh, Emmit Unruh
Ort/Zeit: Blenstett, Februar 1889
Inhalt: Seine Kollegen hatten Uhrmachermeister Ferdinand Unruh dazu geraten, mit seinem Sohn zu brechen, kaum dass der sich an der Blenstetter Kunstakademie eingeschrieben hatte. Und doch Er konnte es nicht über sich bringen, seinen einzigen Sohn aus der Familie auszuschließen. Er hätte ihnen allen einen Gefallen damit getan.
Kommentar: Quasi eine Fortsetzung dieser Episode und mehr Kontext für diese. Außerdem: Mehr Angst als überhaupt mal bisher.
Blenstett, Februar 1889
Seine Kollegen hatten Uhrmachermeister Ferdinand Unruh dazu geraten, mit seinem Sohn zu brechen, kaum dass der sich an der Blenstetter Kunstakademie eingeschrieben hatte.
Selbst jene, die Unruh zu seinen Vertrauten und Freunden zählte, hatten in den vergangenen Jahren immer wieder Andeutungen dieser Art gemacht.
So zum Beispiel Uhrmachermeister Alois Anker.
„Es verlangt ja keiner, dass du ihn fallen lässt“, hatte der zu Unruh gesagt, als sie beide, spät am Abend nach der letzten Zunftversammlung, auf Unruhs Terrasse saßen.
„Unterstütz’ ihn meinetwegen wie du willst; aber du musst doch einsehen — das ganze Haus hier riecht nach deiner Arbeit“, und mit einer großen Geste zeichnete Anker einen Bogen von der Werkstatt, über den kleinen Garten zum Wohnhaus hinüber.
„Einem wie deinem Willem da freien Zugang zu lassen — du kannst nur froh sein, dass sie dich darum noch nicht für Zunftverrat dran nehmen.“
Uhrmachermeister Unruh wusste wohl, dass Anker nicht Unrecht hatte. In den falschen Händen könnten seine Arbeiten über die chronotropen Einflüsse eines Uhrwerks auf die Menschliche Gesundheit zu wahrem Sprengstoff werden. Und doch.
Er konnte es nicht über sich bringen, seinen einzigen Sohn aus der Familie auszuschließen. Ihre Familie war doch, weiß Gott, schon klein genug.
Er hätte ihnen allen einen Gefallen damit getan.
Das ist der erste Gedanke, der Unruh kommt, als er am Morgen des sechzehnten Februars in der Wohnung seiner Tochter steht.
Um fünf Uhr in der Früh hatte Emmit ihn geweckt. Auf dem Weg zu ihrer Wohnung hatte sie ihm erzählt, was in der Nacht vorgefallen war. Willem habe vor ihrer Tür gestanden, völlig verwirrt, völlig aufgelöst und mit dem bewusstlosem Körper seiner geliebten Loisa im Arm. Laut eigener Angabe habe er eines der defekten Uhrwerke aus Unruhs Werkstatt entwendet, um dessen bewusstseinsverändernde Wirkung selbst zu erproben.
„Wie geht es ihm?“, hatte Unruh seine Tochter an dieser Stelle unterbrochen.
„Vor einer Stunde hat er sich übergeben. Seit dem klagt über Schwindelanfälle-“
„Aber er ist bei Bewusstsein?“
Emmit nickte.
„Zumindest war er das, als ich mich auf den Weg gemacht habe.“
In seinen Forschungen hatte Unruh die neuen Uhrwerke von Pendel an Mäusen und Ratten ausprobiert. In der Theorie sollten sie ihren Zweck als Metronom des Alltags in perfektionierter Weise erfüllen. Nicht mit Zeiger und Zifferblatt, sondern mit einem unhörbaren Ticken, das stetig und gleichmäßig das Zeitgefühl aller Lebewesen in seiner Umgebung vereinigte.
In der Praxis, das hatte Unruh sehr schnell entdeckt, waren die neuen Uhrwerke höchst unzuverlässig. Die kleinste Veränderung im Luftdruck beinflusste ihren Lauf, und statt eines regelmäßigen Rhythmus gaben sie ein rhythmisches Durcheinander von sich, das die Mäusen in Unruhs Experimenten von Desorientierung bis hin zur Besinnungslosigkeit führte. (Es waren genau drei Mäuse gewesen, denen er dieses Schicksal zumuten musste, um sein Gutachten für Pendel verfassen zu können.)
Schon der Anblick der Mäuse hatte Unruh einen kalten Schauer über den Rücken gejagt.
Der Anblick von Loisa lässt ihn erstarren. Erst als Emmit ihn an der Schulter fast gelingt es Unruh seinen Blick wieder von dem leblos-lebendigen Körper zu lösen.
„Wo ist Willem?“, fragt er heiser.
Beim öffnen der Zimmertür schlägt ihnen ein kalter Wind entgegen. Das Gaubenfenster über Emmits Schreibtisch ist weit aufgerissen. Das Bett ist aufgewühlt. Leer.
Nur auf dem Schreibtisch liegt eine schwarze Schachtel mit dem Emblem der Uhrmacherzunft. Daneben ein Zettel, mit den hastig darauf geschmierten Worten:
„Es tut mir leid.“
Ganz langsam hebt Emmit ihren Kopf. Sie blickt über den Schreibtisch hinweg, aus dem Fenster und in den Innenhof hinab.
Ein einziger kurzer Schrei entfährt ihr. Sie taumelt, sucht Halt an der Tischkante und sinkt dann auf den Fußboden.
Gefühlte hundert Jahre dauert es, bis auch Uhrmachermeister Unruh die zwei Meter von Tür bis Schreibtisch durchschritten hat. Aus dem Hof schallen die ersten aufgeregten Stimmen empor. Lampen tanzen dort unten, rastlos und ratlos, um den schwarzen Umriss auf dem Asphalt, der einmal Unruhs Sohn Willem gewesen war.
Prompt: Reue/Büße (Angst - für mich)
Wörter: 650
Charaktere: Uhrmachermeister Ferdinand Unruh, Willem Unruh, Emmit Unruh
Ort/Zeit: Blenstett, Februar 1889
Inhalt: Seine Kollegen hatten Uhrmachermeister Ferdinand Unruh dazu geraten, mit seinem Sohn zu brechen, kaum dass der sich an der Blenstetter Kunstakademie eingeschrieben hatte. Und doch Er konnte es nicht über sich bringen, seinen einzigen Sohn aus der Familie auszuschließen. Er hätte ihnen allen einen Gefallen damit getan.
Kommentar: Quasi eine Fortsetzung dieser Episode und mehr Kontext für diese. Außerdem: Mehr Angst als überhaupt mal bisher.
Blenstett, Februar 1889
Seine Kollegen hatten Uhrmachermeister Ferdinand Unruh dazu geraten, mit seinem Sohn zu brechen, kaum dass der sich an der Blenstetter Kunstakademie eingeschrieben hatte.
Selbst jene, die Unruh zu seinen Vertrauten und Freunden zählte, hatten in den vergangenen Jahren immer wieder Andeutungen dieser Art gemacht.
So zum Beispiel Uhrmachermeister Alois Anker.
„Es verlangt ja keiner, dass du ihn fallen lässt“, hatte der zu Unruh gesagt, als sie beide, spät am Abend nach der letzten Zunftversammlung, auf Unruhs Terrasse saßen.
„Unterstütz’ ihn meinetwegen wie du willst; aber du musst doch einsehen — das ganze Haus hier riecht nach deiner Arbeit“, und mit einer großen Geste zeichnete Anker einen Bogen von der Werkstatt, über den kleinen Garten zum Wohnhaus hinüber.
„Einem wie deinem Willem da freien Zugang zu lassen — du kannst nur froh sein, dass sie dich darum noch nicht für Zunftverrat dran nehmen.“
Uhrmachermeister Unruh wusste wohl, dass Anker nicht Unrecht hatte. In den falschen Händen könnten seine Arbeiten über die chronotropen Einflüsse eines Uhrwerks auf die Menschliche Gesundheit zu wahrem Sprengstoff werden. Und doch.
Er konnte es nicht über sich bringen, seinen einzigen Sohn aus der Familie auszuschließen. Ihre Familie war doch, weiß Gott, schon klein genug.
Er hätte ihnen allen einen Gefallen damit getan.
Das ist der erste Gedanke, der Unruh kommt, als er am Morgen des sechzehnten Februars in der Wohnung seiner Tochter steht.
Um fünf Uhr in der Früh hatte Emmit ihn geweckt. Auf dem Weg zu ihrer Wohnung hatte sie ihm erzählt, was in der Nacht vorgefallen war. Willem habe vor ihrer Tür gestanden, völlig verwirrt, völlig aufgelöst und mit dem bewusstlosem Körper seiner geliebten Loisa im Arm. Laut eigener Angabe habe er eines der defekten Uhrwerke aus Unruhs Werkstatt entwendet, um dessen bewusstseinsverändernde Wirkung selbst zu erproben.
„Wie geht es ihm?“, hatte Unruh seine Tochter an dieser Stelle unterbrochen.
„Vor einer Stunde hat er sich übergeben. Seit dem klagt über Schwindelanfälle-“
„Aber er ist bei Bewusstsein?“
Emmit nickte.
„Zumindest war er das, als ich mich auf den Weg gemacht habe.“
In seinen Forschungen hatte Unruh die neuen Uhrwerke von Pendel an Mäusen und Ratten ausprobiert. In der Theorie sollten sie ihren Zweck als Metronom des Alltags in perfektionierter Weise erfüllen. Nicht mit Zeiger und Zifferblatt, sondern mit einem unhörbaren Ticken, das stetig und gleichmäßig das Zeitgefühl aller Lebewesen in seiner Umgebung vereinigte.
In der Praxis, das hatte Unruh sehr schnell entdeckt, waren die neuen Uhrwerke höchst unzuverlässig. Die kleinste Veränderung im Luftdruck beinflusste ihren Lauf, und statt eines regelmäßigen Rhythmus gaben sie ein rhythmisches Durcheinander von sich, das die Mäusen in Unruhs Experimenten von Desorientierung bis hin zur Besinnungslosigkeit führte. (Es waren genau drei Mäuse gewesen, denen er dieses Schicksal zumuten musste, um sein Gutachten für Pendel verfassen zu können.)
Schon der Anblick der Mäuse hatte Unruh einen kalten Schauer über den Rücken gejagt.
Der Anblick von Loisa lässt ihn erstarren. Erst als Emmit ihn an der Schulter fast gelingt es Unruh seinen Blick wieder von dem leblos-lebendigen Körper zu lösen.
„Wo ist Willem?“, fragt er heiser.
Beim öffnen der Zimmertür schlägt ihnen ein kalter Wind entgegen. Das Gaubenfenster über Emmits Schreibtisch ist weit aufgerissen. Das Bett ist aufgewühlt. Leer.
Nur auf dem Schreibtisch liegt eine schwarze Schachtel mit dem Emblem der Uhrmacherzunft. Daneben ein Zettel, mit den hastig darauf geschmierten Worten:
„Es tut mir leid.“
Ganz langsam hebt Emmit ihren Kopf. Sie blickt über den Schreibtisch hinweg, aus dem Fenster und in den Innenhof hinab.
Ein einziger kurzer Schrei entfährt ihr. Sie taumelt, sucht Halt an der Tischkante und sinkt dann auf den Fußboden.
Gefühlte hundert Jahre dauert es, bis auch Uhrmachermeister Unruh die zwei Meter von Tür bis Schreibtisch durchschritten hat. Aus dem Hof schallen die ersten aufgeregten Stimmen empor. Lampen tanzen dort unten, rastlos und ratlos, um den schwarzen Umriss auf dem Asphalt, der einmal Unruhs Sohn Willem gewesen war.
no subject
Date: 2017-07-10 02:42 pm (UTC)no subject
Date: 2017-07-10 10:03 pm (UTC)