luinaldawen: (Default)
[personal profile] luinaldawen posting in [community profile] 120_minuten
Team: Schneewittchen
Challenge: h/c - jemanden tragen/stützen
Fandom: Tumbling
Charaktere: Tsukimori Ryôsuke, Azuma Wataru
Anmerkung: Es ist eher ein Test für eine AU, die in einem etwas dystopischen Setting angesiedelt ist. Mal sehen, was draus wird.
Wörter: 1825


„Du solltest nicht rauchen, weißt du?“
Ryôsuke tat so, als würde er Wataru nicht hören. Der hielt sich ja selbst nicht an seinen eigenen Rat. Zugegeben, für den bedeutete es auch nur ne Menge Ärger, wenn sie erwischt wurden. Und das übliche, was man immer um die Ohren geschlagen bekam. Lungenkrebs, andere eklige Krebsarten, Gliedmaßen die mies durchblutet wurden bis sie abgenommen werden mussten... undundund. Interessierte keinen von ihnen.
„Die da sollte sich nen neuen Schönheitschirurgen suchen. Die Nase ist schief. Ist sie doch, oder?“ Prüfend legte er den Kopf etwas zur Seite und reichte Wataru das uralte Fernglas, das sie vor Ewigkeiten gefunden hatten. Er war sich nicht sicher. Von hier oben war das so schwer zu erkennen. Vor allem weil die Frau die Straße entlangmarschierte als wäre sie auf dem Weg zu ihrer persönlichen Ordensverleihung. Das hob sie von den anderen ab. Von der Uniformität der Stadt. Sie alle waren nur kleine Ameisen in einem komplexen Getriebe, das keiner mehr durchschauen konnte. Nicht von unten jedenfalls. Und das war die einzige Perspektive, die jemand wie sie beide jemals einnehmen würden.
„Ach, ihre Titten sind nicht übel.“ Wataru ließ etwas Asche auf die Straße unter ihnen rieseln. Da das dort aber kaum für einen merkbaren Effekt sorgen würde, ließ er ein wenig Kies folgen, den er mitgebracht hatte und grinste, als ein zu korrekter junger Mann sich verwirrt umsah, etwas von seiner Anzugjacke klopfte und weiterging, als wäre nichts passiert. Klar. Wer durch dieses Viertel ging musste damit rechnen, dass es nicht so schön sauber und perfekt war wie der Rest der Stadt. Es war ein kleines bisschen dreckiger, ein kleines bisschen chaotischer, ein kleines bisschen gefährlicher. Schließlich lud man hier diejenigen ab, die gegen die Regeln verstoßen hatten. Nicht genug, um aussortiert zu werden, aber man trennte sie vom Rest der Gesellschaft.
Menschen wie Natsuko, die es gewagt hatte, zu ihrem Sohn zu stehen, der unfähig war, einfachste Texte zu lesen. Und dann noch ein anderes defektes Kind aufgenommen hatte. Eines, das irgendwie durch das enge Raster gerutscht war, das die Geburt solcher Kinder eigentlich verhindern sollte. Ein Kind, das von den eigenen Eltern gar nicht schnell genug hatte verstoßen werden können, als die Herzschwäche erkannt worden war.
„Naja...“, kommentierte er Watarus Beobachtung. Der beugte sich mit einem übertrieben ungläubigem Blick so weit vor, dass es Ryôsuke ganz anders wurde. “Ich glaube, du brauchst eine Brille.”
“Lass den Scheiß”, murrte Ryôsuke nur und packte Wataru an der Schulter, um ihn zurückzuziehen. Das fehlte ihm gerade noch, dass sein bester Freund als Fleck auf dem Boden endete. Der lachte nur und nahm einen letzten Zug, bevor der den Stummel einfach vom Dach warf. Dann schnappte er Ryôsuke die gerade mal halb aufgerauchte Zigarette aus den Fingern und schon hatte die ebenfalls einen Freiflug bekommen. “Ey!” Der Knuff in die Seite war nicht besonders hart, aber Wataru ließ sich theatralisch zur Seite fallen, bevor er ernst wurde. “Du solltest wirklich nicht rauchen.”
“Jaaaa, ich weiß.” Ryôsuke ließ sich rücklings auf den harten, etwas unebenen Beton fallen und beobachtete, wie die Wolken gemächlich über ihnen hinwegzogen. Hin und wieder blitzte etwas blauer Himmel auf, aber der wurde schnell wieder verdeckt. Sie hatten diese Diskussion viel zu oft in der letzten Zeit. So recht war Ryôsuke nicht klar, was der Auslöser gewesen war. Klar, mit einem schwachen Herzen war es keine gute Idee, zu rauchen. Aber er würde ohnehin nicht alt werden, warum sollte er sich also Mühe geben, gesund zu leben? Es war ja nicht so, als könnte er einfach in ein Krankenhaus gehen, damit die ihn reparierten. Das konnten die, die richtig Geld hatten. Genug Geld, um sich das Schweigen der Ärzte zu erkaufen. Davon war er weit entfernt. Er konnte ja froh sein, dass er überhaupt einen Platz hatte, wo er leben konnte.
“Es ist dir aber egal”, meinte Wataru. Ryôsuke blickte zu ihm, aber aus seiner Perspektive sah er nicht allzu viel. Einen Teil des Gesichts, ziemlich viel von dem wilden roten Haar. Die Anspannung in seiner ganzen Haltung.
“Du hast es erfasst.”
Wataru schlug auf den Boden, so fest, dass Ryôsuke mitfühlend das Gesicht verzog. “Mir ist es aber nicht egal, kapierst du das nicht?”
Darauf wusste Ryôsuke keine Antwort. Normalerweise tat er so etwas mit einem lockeren Spruch ab, aber heute konnte er es nicht. Vielleicht, weil Wataru so angespannt war. So ernst. Und weil er ihn diesmal nicht ansah, sondern… irgendwohin. Auf die Stadt, auf die Welt, die für Menschen wie sie keinen Platz hatten. Eine Welt, in der Wataru die Person war, die immer für ihn dagewesen war. Mit einem Mal konnte Ryôsuke mit der Situation nicht mehr umgehen. Also stand er auf, etwas zu schnell, aber Wataru bemerkte nichts. “Hey, ich komme klar. Mach dir keine Sorgen. Haben doch eh kaum Kohle für Zigaretten übrig.” Er ohnehin nicht.
“Du bist manchmal echt dämlich.”
“Färbst halt ab. Kommst du? Natsuko wird sonst wieder sauer.” Das war ein Argument, das immer zog. Weil es stimmte und Watarus Mutter niemand war, den man wütend machen sollte. Außerdem hatte er Hunger und es war bald Zeit fürs Abendessen.
“Ryôsuke…” Es klang halb wie ein Seufzen, halb wie ein Fluch. Fragend drehte Ryôsuke sich zu Wataru um, der aber nur den Kopf schüttelte und sich ebenfalls erhob. “Okay. Gehen wir.”
Die ersten Stockwerke mussten sie zu Fuß gehen, aus irgendeinem Grund reichte der Aufzug nicht bis nach ganz oben. Ein paar Stufen waren aber zum Glück kein Problem, Ryôsuke war ja nicht vollinvalide, auch wenn Wataru gerne so tat. Komplizierter wurde es, als sich nichts tat, als sie den Rufknopf drückten. “Vielleicht ist einfach die Lampe kaputt?”, murmelte Ryôsuke und glaubte selbst nicht daran. Vorhin hatte alles noch reibungslos funktioniert und normalerweise hörte man wenigstens aus der gedämpft, wie die Technik reagierte. Mit einem kurzen Schulterzucken sagte er: “Gehen wir halt zu Fuß. Wir müssen ja nicht runterrennen.”
“Das sind 35 Stockwerke.” Nein, Wataru war gar nicht begeistet. Das war Ryôsuke auch nicht. Aber hier oben warten, bis der Fahrstuhl irgendwann wieder zum Leben erwachte, wollte er auch nicht.
“Ich weiß.” Besonders wohl fühlte er sich bei der Aussicht auch nicht. Aber er grinste Wataru an. “Du kannst mich ja auffangen, wenn ich umkippe.” Der Kommentar war vollkommen unpassend, das wusste er selbst, aber manchmal half es, dass Wataru sich wieder etwas entspannte. Nicht heute.
“Das ist nicht lustig”, lautete die gepresste Antwort. “Wenn du merkst, dass du nicht mehr kannst, sagst du es mir sofort, klar? Dann kann ich dich auch tragen.”
Ryôsuke verdrehte die Augen. “Damit du mir das den Rest meines Lebens vorhalten kannst?”
“Ich mein das ernst.”
“Ich weiß. Komm, die Treppen werden nicht weniger, während wir hier herumstehen.” Ohne eine Antwort abzuwarten, setzte er sich in Bewegung.

Am Anfang ging alles gut. Zwar würden sie jetzt ganz sicher zu spät kommen, aber unter diesen Umständen hatte Natsuko wohl Verständnis. Oder würde zumindest nicht zu sehr schimpfen. Schließlich sollten sie eigentlich nicht auf Dächern herumhängen und rauchen. Wenn sie sich jetzt beeilten und er dann doch von Wataru nach Hause getragen werden musste, wäre sie erst Recht sauer. Immer wieder ging Wataru an den Aufzug und versuchte ihn zu rufen, aber nichts passierte. Ryôsuke war zunehmend froh über die kleine Atempause, die er so bekam. Nach siebzehn Stockwerken merkte er aber, wie er abzubauen begann. Dass sein Atem schwerer ging, hatte nun nichts mehr mit der Anstrengung zu tun, die Wataru gar nicht zu spüren schien. Und das leichte Pfeifen erst Recht nicht. Einen Treppenabsatz später blieb Ryôsuke stehen und lehnte sich gegen die Wand. “Wataru…” Mehr musste er nicht sagen, sein bester Freund reagierte sofort und war an seiner Seite. “Scheiße, du bist ganz blass… setz dich hin. Warum hast du nicht eher was gesagt?” Mit jedem Wort wurde Watarus Stimme lauter, wie immer wenn er sich Sorgen machte. Ryôsuke sparte sich die Antwort, sondern ließ sich nur auf die unterste Stufe sinken. Ihm war auch klar, dass er besser hätte aufpassen sollen. Wenn sein Herz irgendwann wirklich den Geist aufgab, würde er keine Hilfe bekommen. Er hasste es. Er hasste diese Welt, die so sehr auf Perfektion pochte. Die nicht kapierte, dass Menschen wie Wataru und Natsuko viel zu gut für sie waren, sondern sie lieber ausstieß.
Das Treppenhaus war ziemlich eng, sodass Ryôsuke Watarus Körperwärme spürte, als der sich neben ihn setzte. Der unverwechselbare Geruch nach kaltem Zigarettenrauch und Wataru, vermischt mit ein wenig japanischer Küche.
Wie lange sie schweigend nebeneinander saßen, wusste Ryôsuke nicht. Aber langsam fühlte er sich wieder besser. Sein Atem klang wieder normal und die Luft schien auch wieder zu reichen. Den Rest des Tages würde er trotzdem fertig sein. “Es geht wieder”, informierte er Wataru. Übernachten wollte er hier auch nicht.
Zum Glück begann jetzt keine Diskussion, Wataru half ihm nur auf, ließ ihn dann aber nicht los, im Gegenteil. Die nächsten Stockwerke stützte er ihn trotz Ryôsukes eher halbherzigen Protests. Nur einmal kam ihm jemand entgegen, eine Frau mittleren Alters mit ihren Einkäufen, die sie sehr demonstrativ übersah, obwohl sie sich an ihnen vorbeizwängen musste. Klar. Dass sie aus der Reihe tanzten war deutlich zu sehen, sie machten beide keinen Hehl daraus, was sie von den Regeln dieser Gesellschaft hielten.
“Ich brauch nen Moment”, murmelte Ryôsuke, als sie im zehnten Stock waren. Kinderspiel, wenn man gesund war. Aber er bezweifelte langsam, dass er das wirklich noch schaffen würde. Aber er wollte Wataru auch nicht bitten, ihn zu tragen. Wie sähe das denn bitte aus?
Entweder gingen Watarus Gedanken in dieselbe Richtung wie seine oder aber er hatte schlichtweg keine Geduld mehr. “Ich trag dich.”
“Du spinnst ja wohl!”
“Keine Diskussion. Du siehst furchtbar aus. Entweder nehme ich dich huckepack oder…”
“Okay, okay”, unterbrach Ryôsuke ihn. Leider wars ja nicht das erste Mal und bevor es noch demütigender wurde als ohnehin schon, spielte er lieber mit. Sofort hellte Watarus ernste Miene sich etwas auf. Nur um direkt misstrauisch zu werden. “Okay, wie mies gehts dir wirklich?”
“Genug um keinen Bock auf eine Diskussion zu haben, die ich sowieso verliere. Also?”
Zum Glück hatte auch Wataru keine große Lust darauf, das Thema zu vertiefen und half Ryôsuke dabei, auf seinen Rücken zu klettern. Den restlichen Weg nach unten brachten sie nun recht zügig hinter sich und erfuhren im Erdgeschoss auch endlich den Grund dafür, dass der Aufzug sie im Stich gelassen hatte. An den Türen klebte inzwischen ein Zettel. “Wartungsarbeiten. Von heute 16 Uhr bis morgen sechs Uhr. Das hätte denen auch eher einfallen können, Vollidioten.” Sie waren gegen halb vier hier angekommen und da war die Info definitiv noch nicht dagewesen! Und so langsam könnte Wataru ihn auch wieder runterlassen. Sie waren ja jetzt unten. Der dachte aber gar nicht daran. “Denen ist eben scheißegal, ob das einen von uns in Schwierigkeiten bringt. Gehen wir nach Hause.”
Ungesehen von seinem besten Freund nickte Ryôsuke und lehnte sich mehr an dessen Rücken. So ganz unangenehm war es so ja auch nicht.

Date: 2017-07-02 07:23 am (UTC)
From: [identity profile] rei17.livejournal.com
Ach, ich liebe die beiden einfach! *_*
Ich erinnere mich jetzt auch, dass wir mal im Schreibchat über diese Dystopie AU gesprochen haben! Und ich mag das ganze Konzept, dass "wertloses" Leben aussortiert fiktiv ja unheimlich gerne (nicht im realen Leben, aus offensichtlichen Gründen) und wie viel man damit machen kann und welche ethischen Fragen man aufwerfen kann.

Wataru ist auf jeden Fall der beste Freunde EVER ;__; und gah. Er ist so lieb und so fürsorglich und protective und stur und lässt sich absolut nicht von Ryousukes "I'm FINE!" Bullshit hinters Licht führen.
Weil Ryousuke .... du Depp...!
Du bist nicht okay! Lass dir doch helfen ... ;_;

Ich fand die ganze Szene wunderschön atmosphärisch und man hat ja bisher nur Glimpses in diese Welt bekommen, aber sie machen einem definitiv Lust auf mehr. :)

Date: 2017-07-02 02:12 pm (UTC)
der_jemand: (green)
From: [personal profile] der_jemand
Oh, wenn das nicht mal ein erfolgreicher Testlauf ist!
Ich kenn das Fandom nicht, aber das fällt gar nicht auf, die beiden mlchte ich trotzdem bald wiedersehen. =)
Und ich steh auf den Dystopie-Aufhänger und die Atmosphäre, die du da herauf beschworen hast. *__*
Mehr, bitte?

Date: 2017-07-02 04:10 pm (UTC)
servena: (Default)
From: [personal profile] servena
Für Dystopien bin ich auch immer zu haben, auch wenn ich das Fandom nicht kenne, und das hier klingt sehr interessant. :D Jetzt will ich noch mehr über diese Welt wissen, in der die beiden da leben...

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