Ein Hoffnungsloser Fall
Jun. 15th, 2017 12:06 amChallenge: Hitzefrei
Original: Uhrwerkträume
Wörter: 1096
Charaktere: Uhrmachermeister Sidean Feder, Vinzent Schlüssel
Zeit: Sommer 1902 (anm: Die Uhrwerkträume spielen in einer fiktiven Welt, die Jahreszahlen sind geliehen, um eine besser Orientierung zu ermöglichen)
Inhalt: "Und wenn, es gäbe weit verwerflichere Gründe als Mitleid, [Schlüssel] aufzunehmen. Man könnte glauben, du willst der Zunft den Krieg erklären. Was sie gewiss verdient hat. Aber sieh zu, dass du ihn nicht auf dem Rücken von dem armen Jungen austrägst!" (Emmit Feder, in einem Brief an ihren Mann)
Kommentar: Mehr aus Vinzents Selbstfindungphase
Bevor Uhrmachermeister Sidean Feder sich dazu entschloss den Sohn von Uhrmachermeister Konstantin Schlüssel eine Lehrstelle in seinem Labor anzubieten, schrieb er an seine Frau:
"Der Junge hat ohne Frage jenen Feinsinn, der den meisten in der Chronomie fehlt; und doch bin ich mir unsicher. Will ich ihn nicht doch nur aus Mitleid hier her bitten? Du hättest ihn sehen sollen, so eine unbeholfene Gestalt eines siebzehnjährigen (nein, wirklich, im Gegensatz zu ihm war ich damals noch souverän), wie er vor dem Zunftrat stand und auf ihre dummen Fragen nichts vorzuweisen hatte, außer ein mehr als dürftiges Reifezeugnis der Mittelschule und ein paar unsicher dahergestotterte Antworten. Selbst der UM Schlüssel hatte für ihn nur ein Kopfschütteln übrig, bevor er sich vor dem Zunftrat für seinen hoffnungslosen Sohn entschuldigte."
Von seiner Frau bekam Uhrmachermeister Sidean Feder darauf folgende Antwort:
"Und wenn, es gäbe weit verwerflichere Gründe als Mitleid, ihn aufzunehmen. Man könnte glauben, du willst der Zunft den Krieg erklären. Was sie gewiss verdient hat. Aber sieh zu, dass du ihn nicht auf dem Rücken von dem armen Jungen austrägst!"
Zu Anfang hatte Feder noch über die Worte seiner Frau gelacht, seine konservativen Kollegen würden schon mit der Zeit lernen, ihre Scheuklappen abzulegen, da bräuchte er gar nicht in den Krieg ziehen. Seit Schlüssel allerdings nun bei ihm lebt, fühlt Feder sich immer wieder an die Worte seiner Frau erinnert.
So zum Beispiel an diesem Tag im Juli. Schon am Vormittag hatte sich eine unerträgliche Hitze in dem Labor des Uhrmachermeisters ausgebreitet, eine drückende Schwüle, die jeden Gedanken wie Wachs zäh zerfließen ließ.
Nach ihrem Mittagessen erklärt Feder, er werde keinen Finger rühren, bis es endlich gewittert.
Er versucht seine Lehrlinge zu einer Partie Karten zu überreden, aber da Schlüssel fortwährend Blatt mit Eichel und Ober mit Unter verwechselt, wird dieses Unterfangen bald aufgegeben.
Die folgende Stunde verbringt Feder bei seinem Kollegen UM Zahn, der die Hitze ebenfalls zum Anlass genommen hat seine Arbeit ruhen zu lassen. Gemeinsam mit Zahns Frau Lisbeth sitzen sie im Institutsgarten und bewundern die Trägheit der Natur.
Als er in seine Wohnung zurückkehrt findet er Kasimir am Klavier. Mit trotziger Miene starrt er die Tasten an, seine Hände liegen zu Fäusten geballt auf dem Notenbrett. Kaum hat er seinen Onkel bemerkt, löst er sich von dem Instrument. Er werde spazieren gehen, erklärt er und rauscht zur Tür hinaus.
Feder sieht ihm verdutzt hinterher. Erst jetzt entdeckt er Schlüssel, der mit verschränkten Armen hinter dem Esstisch sitzt. Vor ihm liegt ein Buch ("Die Grundlagen der Chronomie", von den Altmeistern Pendel, Unruh, Schlag und Schlüssel zur Zeit der Zunftgründung verfasst, gilt der Band seither als die Bibel der Uhrmacher).
Uhrmachermeister Feder schließt die Wohnungstür hinter sich. Er setzt ein amüsiertes Lächeln auf.
"Habt ihr euch gestritten?", fragt er. Obwohl keinerlei Anschuldigung in seiner Stimme liegt hebt Schlüssel sofort defensiv seine Hände.
Er habe nicht den Anfang gemacht, erklärt er, er habe nur in Ruhe lesen wollen.
"Und da haben Sie keine vergnüglichere Lektüre gefunden?", fragt Feder.
Sofort färben Schlüssels Wangen sich purpurrot.
Er senkt den Blick. Seine Leistungen würden wohl kaum einen solchen Müßiggang erlauben, murmelt er.
Feder hebt verdutzt die Augenbrauen.
"Und Sie glauben sich diesen Backstein aufzuzwingen hilft da?", fragt er.
Schlüssel öffnet seinen Mund und schließt ihn wieder. Er versieht Feder mit einem Blick als habe der Uhrmachermeister seinen Verstand verloren.
Mehr als irgendeinem Geklimper zu lauschen alle mal, bringt er endlich stotternd hervor.
Ein Seufzer entweicht den Lippen des Uhrmachermeisters Feder. Er fährt sich mit der Hand über die Brauen. Vinzent Schlüssel sinkt indes noch tiefer in die Eckbank.
"Ich sollte zwei Dinge klarstellen", sagt Feder, nach längerem überlegen, "vielleicht hätte ich das schon viel früher tun sollen."
Schlüssel zieht den Kopf zwischen die Schultern. Seine Augen wandern von den "Grundlagen der Chrononomie", zur Tischkante, zu seinen Knien.
"Erstens", beginnt Feder, "habe ich sie nicht in mein Labor geholt, damit sie Leistungen erbringen."
Für eine knappe Sekunde hebt Schlüssel seinen Blick.
"Es interessiert mich nicht, ob sie sich mit besonders ordentlichem Gläserputzen hervor tun, oder ob sie ihre ganze Freizeit dem Studium der Zunftgeschichte widmen."
Schlüssel blickt noch einmal auf, und da Feder zumindest vorerst nichts weiter zu sagen hat, traut er sich nun zu fragen: "Was interessiert Sie denn dann?"
"Ob Sie eigenständig arbeiten", gibt Feder zurück, "ob Sie für sich selbst denken können. Eigene Ideen haben. Ob Sie bereit sind Fehler zu machen. Einer der nur brav machet was die Altmeister diktiert haben, hat in der Forschung nichts zu suchen."
Ganz heimlich finden Schlüssels Fingernägel ihren Weg zwischen seine Zähne.
Da hätte Feder sich eben einen besseren Lehrling aussuchen müssen, murmelt er.
"Ich habe mir die besten Lehrlinge ausgesucht, die ich finden konnte", erwidert Feder.
Da lacht Schlüssel, ein Lachen das gleichermaßen ungläubig wie abschätzig klingt.
"Sicherlich", fährt Feder darum fort, "liegen die Vorstellungen Ihres Vaters in dieser Frage weit von den meinen entfernt", er hält kurz inne, sein Blick schweift zum offenen Fenster hinaus. Er atmet ein tief ein, ehe er weiter spricht.
"Ich habe Ihnen diese Lehrstelle angeboten, weil ich den Eindruck hatte dass Sie der Chronomie mit einem neuen Blick begegnen können."
"Es tut mir leid, wenn ich Sie da enttäuscht habe."
Es läge Uhrmachermeister Feder fern, den jungen Schlüssel auszulachen, dennoch kann er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
"Bis jetzt haben Sie das noch nicht geschafft."
Danach sagt er eine ganze Weile lang nichts. Schlüssel beißt weiter auf seinen Fingernägeln herum, während Feder aufsteht und, der Hitze zum Trotz, eine Gasflamme unter dem Wasserkessel entzündet.
"Was ist das zweite Ding?", fragt Schlüssel endlich.
Feder hält mit der Kaffeekanne in der einen und dem Kaffelöffel in der anderen Hand inne.
"Was?", fragt er.
"Sie sagten, Sie wollten zwei Dinge klar stellen."
"Achso, ja."
Feder wendet sich wieder ab. Er zählt fünf Löffel Getreidekaffee in die Kanne hinein, hebt den Wasserkessel vom Herd, kurz bevor der sein leises Wimmern zu einem kräftigen Pfeifen anheben kann, und gießt das kochende Wasser in die Kanne hinein.
Dann wendet er sich wieder Schlüssel zu.
"Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, ein Musikinstrument zu lernen?", fragt er.
Schlüssels Augen werden groß, sein Gesicht blass. Er zögert.
"Nein", sagt er dann rasch. Das sei doch nichts als sinnlose Ablenkung.
"Glauben Sie?"
"Was soll es sonst sein?"
Feder zuckt mit den Schultern. Darüber könne Schlüssel ja nachdenken.
"Wenn Sie wollen, können Sie mir auch einen Aufsatz schreiben", sagt er und gießt dabei Kaffee durch ein Sieb in seine Tasse.
"Und wenn Sie doch neugierig sind, fragen Sie mich. Wir haben hier ein paar Instrumente am Institut, die im Moment nicht gespielt werden."