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Prompt: Sommergewitter (Copy-Paste muss auch erst wieder gelernt werden) kalt und dunkel, und ganz alleine (vom 31. Januar 2016)
Original: Uhrwerkträume
Charaktere: Vinzent Schlüssel (17), Kasimir Ennart (16), Wendora Feder (7)
Wörter: 822
Inhalt: ​Ein kleiner Waldspaziergang am Sonntag, was kann da schon schief gehen?
Kommentar: Es gibt so Seiten von Vinzent, die wollte ich schon immer mal schreiben, aber habe es bis jetzt doch nie hinbekommen


Binnen Sekunden ist der Wald nachtschwarz und dicke, schwere Regentropfen bahnen sich ihren Weg durch die Baumkronen hernieder.

In dem einen Moment scheint Ennarts Form zwischen den Baumstämmen noch ganz klar erkennbar im nächsten Augenblick verschwimmt er, wie alles zwischen den Regentropfen verschwimmt.

Schlüssel ruft ihm hinterher, doch das Getöse über seinem Kopf verschluckt alle Worte. Er macht ein paar Schritte in die Richtung in der er Ennart zuletzt gesehen zu haben glaubt, reckt den Kopf, das Wasser läuft ihm von seiner Mütze in den Kragen.

Es war doch klar, dass so etwas passiert, denkt er und ruft noch einmal Ennarts vollen Namen.

Keine Antwort.

Er wird nie wieder aus diesem Wald hinaus finden. Selbst den Bach, an dem sie eben gesessen haben, kann er nicht mehr erkennen, nur eine braungestreifte Dunkelheit, die um ihn her schwimmt.

Schlüssel ballt seine Hände zu Fäusten. Bloß nicht den Kopf verlieren, sagt er sich. Für einen Felsvorsprung braucht es eine Felsformation, und dort vorn macht es doch den Anschein, als würde da ein größerer Schatten hinter den anderen Schatten hervortreten.

Und wenn nicht, fügt Schlüssel in Gedanken hinzu, macht es auch keinen Unterschied. Man kann nicht mehr verloren als verloren gehen.

~ ~ ~

Ennart und Wendora haben inzwischen den Felsvorsprung erreicht.

"Ich hätte auch selbst laufen können, weißt du?", sagt Wendora, als ihre nackten Füße auf dem trockenen Steinboden landen.

"Und wenn ich dich verloren hätte?", erwidert Ennart.

Wendora verschränkt die dünnen Ärmchen vor ihrer Brust. Sie würde sich ja wohl mindestens genau so gut im Wald auskennen, wie Ennart, meint sie, und lässt sich dann auf den Boden plumpsen.

"Aber den Schlüssel hast du verloren", stellt sie fest.

"So ein Quatsch, ich hab ihn ja gerade noch gesehen."

Ennart setzt sich neben seine Cousine.

"Aber dir wäre es recht, wenn wir ihn verloren hätten", fährt Wendora unbedarft fort.

Ennart sieht sie entgeistert an. Wie sie auf so eine Idee käme.

Mit einem lang gezogenen "Nun ja", das ganz so klingt wie das ihres Vaters, breitet Wendora dieHände vor sich aus.

Es sei doch schließlich nicht üblich, dass ein Uhrmachermeister zwei Lehrlinge habe.

"Stört dich das nicht?"

"Wieso sollte es?", fällt Ennart ihr ins Wort. Er blickt hinaus in den Regen, aber von Schlüssels schlaksiger Gestalt ist zwischen den Baumstämmen nichts zu sehen.

"Außerdem ist er komisch", fügt Wendora hinzu.

"Das sind alle anderen hier auch."

Im Übrigen, erklärt Ennart, und steht auf, würde er Schlüssel jetzt suchen gehen. Bevor er im Wald verschwindet, dreht er sich noch einmal um.

"Du bleibst hier sitzen!", befiehlt er. Dann verschwindet er im Regen.

~ ~ ~

Fünfzehn Minuten und siebenundzwanzig Sekunden sind vergangen, seit Schlüssel sich unter einer besonders dicken Fichte ins klamme Moos gesetzt hat.

Der Regen lässt schon wieder nach. Durch das Nadelwerk fallen frisch gewaschene Sonnenstrahlen. Auf freiem Feld gäbe es jetzt sicherlich einen Regenbogen zu sehen, hier, im Wald, gibt es nur das neu erwachende Gezwitscher der Vögel.

Es ist eine nahezu märchenhafte Stimmung, und doch fühlt Schlüssel sich nicht weniger hoffnungslos als zuvor.

Im Gegenteil. Es mischt sich eine Wut in seine Verzweiflung, die ihn aufspringen lässt.

"Tu halt nicht so scheiß freundlich", brüllt er in den Wald hinein.

Ein paar Vögel flattern erschrocken auf und das verschafft ihm, wenigstens für den Moment, etwas Genugtuung.

"Ich tu überhaupt nie freundlich", sagt da eine Stimme hinter ihm.

Schlüssel fährt herum. Ein paar Meter entfernt steht Ennart. Auf die Distanz ist es unmöglich zu erkennen, aber Schlüssel ist sich ganz sicher, dass er grinst.

"Findest du das lustig?"

Ennart hat kaum den Mund geöffnet, da stürmt Schlüssel schon auf ihn los. Er erwischt Ennart so unvorbereitet, dass der seinen Halt verliert und gemeinsam rollen sie die Böschung hinunter.

Sie landen auf einer Lichtung, für einige Sekunden bleiben sie dort nebeneinander liegen, zu benommen um etwas zu sagen, geschweige denn aufzustehen.

"Ihr hättet ruhig auf mich warten können", bringt Schlüssel schließlich hervor.

"Haben wir doch", gibt Ennart zurück. Er steht auf, betrachtet die Flecken auf seiner Kleidung, dann betastet er seinen Kopf und stellt fest, dass seine Mütze verloren gegangen ist.

"Das stimmt doch nicht! Ihr wart einfach weg", Schlüssels Stimme überschlägt sich.

"Ihr wart einfach weg!"

Ennart saugt an seiner Unterlippe und sieht zu wie Schlüssel aufgebracht im Kreis läuft.

"Ich hab mich dreimal nach dir umgesehen", versucht er sich zu rechtfertigen.

"Kann ich ja nichts für, wenn du was mit den Augen hast."

Das war zu viel, im Grunde weiß Ennart das selbst, trotzdem überrascht ihn Schlüssels Faust, ganz eigentlich bemerkt er sie erst, als sie schon wieder weg ist und ihn mit einem dumpfen Schmerz um seinen linken Wangenknochen zurück lässt.

Er will den Schlag gerade erwidern, als Wendora die Böschung zu ihnen hinab stolpert.

"Kommt ihr mit, zum Mittagessen?", ruft sie, wartet drei Sekunden, und läuft dann in Richtung des Instituts los.

Ennart blickt von ihr zu Schlüssel und wieder zurück. Dann vergräbt er die Hände in den Taschen seiner Weste, und stapft seiner Cousine hinterher.

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