[identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/ posting in [community profile] 120_minuten

Prompt: Sommergewitter
Original: Uhrwerkträume
Charaktere:Vinzent Schlüssel (17), Kasimir Ennart (16), Wendora Feder (7)
Wörter: 1505
Inhalt: ​Ein kleiner Waldspaziergang am Sonntag, was kann da schon schief gehen?
Kommentar: [livejournal.com profile] keksdiebin hat mich ermutigt, mich wieder im geprompteten schreiben zu üben, und was eignet sich da besser als ein weiter Versuch, den Hintergründen der Uhrwerkträume endlich einen konsinstente Kanonikalität zu verpassen. (Btw, liebe Mods, darf ich einen Uhrwerkträume-Tag haben? Ich tagge dann die Schriebsel aus den letzten Jahren nach, auch wenn das alles inzwischen AU-Geschichten sind) Merci!

Das Chrononomischen Institut und die kleine Stadt Grünwinter liegen nicht all zu weit von einander entfernt, vier Kilometer vielleicht, in der Luftlinie, doch trennt sie ein dichter Nadelwald, in dem sich, so sagt man, selbst der Förster schon einmal verlaufen hat.

Wenn man nun von dem einem Ort zu dem anderen gelangen möchte, bleibt einem nichts anderes übrig als dem umwegigen Lauf der Landstraße zu folgen, vorbei an diesem und jenem Bauernhof, vorbei am alten Kloster, und am Ende ist man vier Stunden gelaufen und hat drei Viertel eines Kreises beschrieben.

Es liegt darum nahe, dass ein junger Mensch, der seinen freien Tag gerne weit ab von chronomen Formeln und philosophischen Abhandlungen über den Lauf der Zeit verbringen möchte, in Erwägung zieht, sich einen Weg durch den Wald zu bahnen. Um so mehr, wenn er einen Altersgenossen an seiner Seite hat, dessen ängstliche Zweifel geradezu darum bitten, vertrieben zu werden.

Es ist ein Sonntag, und die beiden Lehrlinge des forschenden Uhrmachermeisters Feder -- sein Neffe, Kasimir Ennart, und Vinzent Schlüssel -- sitzen alleine am Frühstückstisch in der Stube der Familie Feder. (Man sollte meinen ein Chronomisches Institut würde über einen Speisesaal verfügen, aber die Uhrmacher, allen voran diejenigen, die in der Forschung arbeiten, sind ein eigenbrötlerisches Volk und so lebt ein jeder, mit seiner Familie und allem was dazu gezählt werden kann, in einer eigenen kleinen Wohnung.)

Der Uhrmachermeister selbst hat sich vor acht Minuten verabschieded. Für ihn ist die Arbeit die schönste Beschäftigung und es gibt keinen Grund warum er ihr nicht auch an einem Sonntag nachgehen sollte, allerdings weiß er wohl, dass nicht jeder so fühlt, und gönnt seinen beiden Lehrlingen darum gerne ihren freien Tag.

"Wenn wir auf dem Weg in die Stadt laufen", argumentiert Ennart, "ist längst Mittag, wenn wir unten sind. Dann können wir noch zwei Stunden über den leeren Marktplatz spazieren, und müssen schon wieder zurück."

"Wenn wir uns im Wald verlaufen-"

"Werden wir nicht", und mit diesen Worten beginnt Ennart das Geschirr vom Esstisch zur Spüle hinüber zu tragen.

"Glaubst du ich hab zehn Jahre hier gelebt und kenne den Wald nicht wie meine Westentasche?"

Siebzehn Minuten später stapfen die beiden Jungen den Hang hinter der Institutsanlage gen Wald hinunter. Es ist ein wundervoller Tag im Juli, der Himmel blau und keine Wolke zu sehen.

"Wenn wir uns doch verlaufen wird es wenigstens ein schöner Spaziergang", murmelt Schlüssel, doch Ennart winkt ab, er würde seine Krawattennadel darauf verwetten, dass sie sich nicht verlaufen. (Die Krawattennadel eines Uhrmachers ist, auch wenn Uhrmacher selten Krawatten tragen, ein ganz besonderes Kleinod, zeichnet sie ihn doch als vollwertiges Mitglied der Uhrmacherzunft aus.)

Schlüssel bleibt stehen. Er kennt Ennart noch nicht so lange, aber er hat schon beobachtet, dass er über das Wetten selten scherzt. (Eine Eigenschaft, die er im Übrigen mit seinem Onkel, dem forschenden Uhrmachermeister Feder gemeinsam hat.)

"Und was kriegst du, wenn wir uns nicht verlaufen?", fragt Schlüssel darum nicht ohne Unbehagen.

Ennart betrachtet ihn einige Sekunden länger, als es Schlüssel lieb wäre. (Dreizehn, um genau zu sein.)

"Nichts, wenn du nichts bieten willst", sagt er schließlich und läuft weiter die Böschung hinunter.

Die hohen Stämme der Fichten, der weitläufige Moosteppich dazwischen, machen einen ganz aufgeräumten Eindruck, und während sie langsam voranschreiten, fasst Schlüssel mehr und mehr Vertrauen in Ennarts Plan. So ein ordentlicher Wald. Wie sollte man sich hier überhaupt verirren können.

Doch nur zwanzig Minuten später schlägt dieses Gefühl um. Jeder Baum sieht gleich aus, weit und breit wächst kein Busch, kein Strauch, an dem man sich orientieren könnte, und das Nadelwerk über ihren Köpfen ist bald so dicht, dass man auch den Stand der Sonne nur mehr erahnen kann.

Trotzdem läuft Ennart sehr unbeirrt in eine Richtung und Schlüssel bleibt nichts anderes übrig als ihm hinterher zu stolpern. Ein paar mal dreht er sich um, doch bald kann er nichts mehr als Wald erkennen und die Angst davor, seine Orientierung ganz zu verlieren, verbietet ihm seinen Kopf weiter in der Gegend herum zu drehen.

Nach einer Stunde bleibt Ennart endlich stehen. Sie haben die erste Landmarke der Natur erreicht, einen kleinen Bach, der durch sein steiniges Bett plätschert. Hier halten sie Rast und teilen sich einen Apfel aus dem Vorjahr, den Schlüssel mit seinem Taschenmesser aufschneidet.

"Gibt es in Blenstett auch solche Wälder?", fragt Schlüssel, während sie essen.

Ennart zuckt mit den Schultern. Nicht wirklich, es gäbe sehr prächtige Parkanlagen in der Hauptstadt, und den Botanischen Garten, der an manchen Stellen wie ein Wald sei.

"Aber ich war so klein, als sie mich da weg geholt haben", sagt er und sagt dann eine ganze Weile nichts. Er zieht seine Schuhe und Strümpfe aus und streckt die Zehen ins Wasser.

"Meinetwegen können wir auch den ganzen Tag hier bleiben", sagt Schlüssel endlich und indem er sich ins Moos zurück lehnt.

"Du hast nur Angst, dass wir uns doch noch verlaufen."

"Ich habe mich längst ver-", Schlüssel hält inne. Da ist ein Geräusch.

"Was ist das?"

"Bestimmt nur ein Wildschwein."

Sofort ist Schlüssel wieder auf seinen Füßen, panisch blickt er in alle Richtungen und hört nicht auf, auch als Ennart laut zu lachen beginnt.

"Da, schau, da ist es", sagt er und deutet den Bach hinunter.

Schlüssel folgt Ennarts Finger. Da steht wirklich etwas im Wasser. Vorn über gebeugt, mit dunkler Wolle auf dem Kopf und schwarzbraunen Lappen die ihm um die Beine hängen. Ein Räuber, denkt Vinzent, aber ein sehr kleiner Räuber, für den Bruchteil einer Sekunde will er wieder an Kobolde glauben.

Er kneift seine Augen enger zusammen, in der Hoffnung so mehr zu erkennen, aber die Gestalt ist doch schon fast bei ihnen angekommen, bis er endlich ihre Arme und Beine unter dem nassen Leinenkleid sortiert bekommt und schließlich auch ihr Gesicht erkennt und damit endlich Wendora Feder, die Tochter des forschenden Uhrmachermeisters.

Mit einem großen Marmeladenglas steht sie mitten im Wasser, sprungbereit, mit ihren Augen den Bach abtastend. So entdeckt sie Ennarts Zehen.

"Was macht ihr hier?", fragt sie da.

"Ihr vertreibt mir die Kaulquappen."

Ennart lacht immer noch.

"Hast du nicht schon genug?", fragt er und zeigt auf das Glas, dessen Inhalt ganz schwarz vor Schwanzschlägen ist.

"Für einen ordentlichen Versuchsaufbau brauche ich mehr. Falls welche von ihnen sterben", erwidert Wendora trocken.

Schlüssel verzieht das Gesicht. Wenn es nach ihm ginge würde kein Versuchsaufbau überhaupt jemals ein Tier brauchen. Ennart ist da weniger zimperlich. Er erkundigt sich interessiert, was seine Cousine denn für einen Versuch aufbauen will.

"Ich will sehen, ob sie schneller zu Fröschen werden, wenn man sie zu einer Uhr setzt die zu schnell geht."

"Wie kommst du denn auf solche Ideen?"

"Papa sagt, ich darf keine Uhr in meinem Zimmer haben, weil ich sonst nicht ordentlich wachse."

Inzwischen hat Schlüssel sich auch wieder hingesetzt. Er beobachtet die kleinen Tiere in Wendoras Einmachglas.

"Weißt du denn, was du ihnen füttern musst?", fragt er.

"Wenn du sehen willst, wie sie zu Fröschen werden musst sie ja auch so lange am Leben halten."

Wendora senkt ihren Blick. Daran hatte sie nicht gedacht, gesteht sie. Sie schüttelt ihre Kaulquappen ein wenig, als ob das ihnen eine Antwort entlocken könnte. Da nimmt Ennart ihr das Glas aus den Händen.

"Was hältst du davon", schlägt er ihr vor, "Wir fragen Onkel Sid, ob er mit uns so ein Experiment aufbaut, und sagen dir dann, was wir rausgefunden haben?"

Wendoras Augen werden groß.

"Aber sagt ihm nicht, dass es meine Idee war!"

Ennart verspricht es und auch Schlüssel murmelt so etwas wie ein Versprechen, obwohl ihm der Gedanke gar nicht recht ist, selbst solch ein Experiment durchführen zu müssen. Er hofft nur, dass Uhrmachermeister Feder sofort erkennt, um was für eine unsinnige Idee es sich handelt, aber seine Hoffnung ist klein, denn Feder findet die wenigsten Ideen, ganz gleich wie abwegig sie scheinen, unsinnig.

Immerhin, tröstet Schlüssel sich, erlaubt Wendora, dass Ennart die jetzt gerade von ihr gefangenen Kaulquappen frei lässt.

Mit einem lauten Platsch landen sie in ihrer Freiheit und verschwinden alsbald im Schwarz des Wassers. Schlüssel runzelt die Stirn. So dunkel war der Bach eben noch nicht.

"Es zieht sich zu", stellt er fest, und wie aufs Stichwort rollt plötzlich ein kühler Wind durch die Bäume und lässt die Äste über ihren Köpfen quietschen.

"Wenn es nur nicht gewittert", fügt er hinzu.

Wendora klettert sofort aus dem Bach. Ihr Vater hat ihr erzählt, dass man bei einem Gewitter nicht im Teich schwimmen soll, weil man dann vom Blitz getroffen wird, und vielleicht gilt dasselbe, wenn man in einem Bach steht.

"Du musst auch aus dem Wasser!", sagt sie zu Ennart und zieht an dessen Hosenbeinen.

Ennart bleibt dabei ganz gelassen.

"Es ist überhaupt nicht schwül genug für ein Gewitter", sagt er.

"Wenn überhaupt gibt es einen Platzregen."

Trotzdem trocknet er seine Füße ab und schlüpft zurück in seine Schuhe.

"Wenn wir dort die Böschung runter laufen kommen wir zu einem Felsvorsprung, da können wir uns unterstellen", sagt er. Da fallen schon die ersten Tropfen.

Er nimmt Wendora auf den Arm und läuft los, und wieder bleibt Schlüssel nichts anderes übrig als ihm hinterher zu stolpern.

Date: 2017-06-10 07:05 am (UTC)
From: [identity profile] tsutsumi.livejournal.com
Hey, schön, dass du wieder bei uns postest. :)

Dein Cut scheint noch nicht so ganz zu formatieren, im Moment sieht man den Fließtext noch im ganzen.
Kannst du das bitte noch editieren?

Vielen Dank!

Date: 2017-06-10 07:30 pm (UTC)
From: [identity profile] keksdiebin.livejournal.com
Es ist so schön wieder in die UWT einzutauchen! Vincent... Ennart! Und Klein-Wendora natürlich <3 Es ist zwar nur ein kurzer Text/Einblick, aber ich habe das starke Gefühl, dass Wendora in diesem Paralleluniversum wirklich um einiges aktiver sein kann.

Und die Kaulquappencharakterisierung ist dir ganz fantastisch gelungen =)

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