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Fandom: Original (Der Irrgarten)
Charaktere/Pairings: Alvah, Laurence, Ben, Bray
Wörter: ~3800
Prompt: "Traumatisches Erlebnis" aus dem H/C-Bingo letztes Jahr
Warnungen: Kitsch und ganz viele Gefühle, Bray ist außerdem eine furchtbare Dramaqueen
Inhalt: Alle haben Gefühle und reden auch noch darüber *gasp*
Vorwort: Direkte Fortsetzung von dieser Geschichte.




Es fühlte sich an als ob der Boden unter seinen Füßen schwankte, so scharf brannte die Enttäuschung in seiner Kehle. Alvah starrte Ben hinterher bis seine Augen tränten, unfähig zu blinzeln oder sich auch nur von der Stelle zu rühren. Es war nicht die Jagd oder der Verzicht auf die selbige, es war nicht einmal die Ungerechtigkeit, die sein gesamtes Weltbild erschütterte. Es war der Verrat, der am meisten schmerzte.
Er fühlte sich nicht erwachsen in diesem Augenblick. Er fühlte sich als sei er wieder neun Jahre alt, stehen gelassen, abgefertigt, und als starrte er den verschwindenden Rücken seiner Brüder hinterher, die für immer unerreichbar bleiben würden.

„Darf ich mich zurückziehen?“ brachte er hervor. Seine Stimme brach in der zweiten Hälfte des Satzes.

„Nicht gestattet“, war die umgehende Erwiderung. Und dann, sanfter, leiser: „Alvah, sieh mich an.“

Es gab nichts auf der Welt, was Alvah in diesem Moment weniger wollte als sich die Blöße zu geben vor seinem Vater in Tränen auszubrechen, und er war beinah sicher, dass genau das passieren würde sobald er sich umdrehte. Aber es war niemals eine Option gewesen der Stimme seines Vaters nicht zu gehorchen.

Langsam wandte er sich um. Er atmete tief durch und hob den Kopf und er blickte haarscharf am Gesicht seines Vaters vorbei, nicht in der Lage ihm in die Augen zu sehen.

„Ich behandele dich nicht anders als deine Brüder, um dich zu ärgern“, sagte der Vicomte ernst.

„Ich weiß“, flüsterte Alvah beschämt.

„Ich behandele nicht einmal Arthur und Aubray gleich, obwohl sie Zwillinge sind. Denkst du, das ist ungerecht?“

Alvah schüttelte stumm den Kopf.
Seine Brüder waren ihm in der Vergangenheit oft wie eine einzige, untrennbar miteinander verbundene Einheit erschienen, wie ein Geist nur zufällig verteilt in zwei Körpern, aber er wusste inzwischen, dass sie das nicht waren. Nichts weniger als das. Zwei Menschen hätten kaum verschiedener sein können als Ben und Bray es waren.

„Gerechtigkeit bedeutet nicht immer alle blindlings gleich zu behandeln“, fuhr der Vicomte fort. „Eine Jagdgesellschaft ist wild und es gibt nicht selten Unfälle. Deine Brüder waren sehr robust und sehr sportlich in diesem Alter. Und du bist…“

„…zu klein?“ fragte Alvah bitter. „Zu schwächlich?“

„Nichts davon.“

„Aber… ich verstehe es nicht, Sir. Hab ich etwas falsch gemacht? Bin ich nicht…“
… nicht gut genug, lag auf seiner Zunge, aber er brachte es nicht über sich es auszusprechen, zu angstvoll, dass es wahr sein könnte. Ungenügend zu sein in den Augen seiner Eltern war schlimmer als jede Vorstellung vom Fegefeuer.

Einen Augenblick war es still und Alvah spürte wie ein eindringlicher Blick auf seinem Gesicht ruhte.
„Du bist mir über die Maßen ähnlich“, sagte sein Vater leise, und Alvah hob jäh den Kopf und vergaß schlagartig, dass er dem Vicomte nicht in die Augen sehen konnte.
Es war ein Satz, der mit solcher Zärtlichkeit gesagt worden war, dass Alvah die Wärme darin spüren konnte wie eine körperliche Berührung, und es war ein Satz, der auch nicht die geringste Möglichkeit zuließ, dass etwas an Alvahs Person in irgendeiner Art und Weise ungenügend sein könnte.
„Du wirst es vielleicht nicht glauben, aber mit fünfzehn hatte ich ein ganz ähnliches Gespräch mit meinem Bruder. Und genau wie du war ich über den Ausgang sehr enttäuscht.“

„Onkel Victor hat es nicht gestattet“, erinnerte sich Alvah mit gerunzelter Stirn. Es waren nur die losesten Fetzen einer Erinnerung, ein grauweißer Wintertag, ein Waldspaziergang, seine Hand in der seines Vaters.

Der Vicomte nickte.
„Ich war sehr anfällig als Kind und häufig krank. Ich war kleiner als die anderen Jungen, viel kleiner als mein Bruder. Und ich war... sehr entschlossen das in jeder Hinsicht durch besonderen Wagemut wettzumachen. Ich wäre lieber gestorben als jemals zuzugeben, dass ich nicht mithalten kann. Kommt dir das in irgendeiner Weise bekannt vor?“

Alvah errötete unwillkürlich.

Der Victomte strich ihm behutsam ein paar Haarsträhnen aus der Stirn, sein Gesicht sanft und ernst. „Mein Bruder hat es nicht untersagt, weil ich klein und anfällig war“, sagte er eindringlich. „Er hat es untersagt, weil ich entschlossen gewesen wäre, genau so lange durchzuhalten wie alle anderen, auch wenn es mich umgebracht hätte. Verstehst du das?“

Alvah nickte zögernd.

„Es ist nichts Verkehrtes daran willensstark und couragiert zu sein. Es sind bewundernswerte Qualitäten. Aber sie haben immer einen Preis. Und wenigstens für eine Weile noch wirst du es mir überlassen zu entscheiden ob der Preis zu hoch ist. Denkst du, du kannst es über dich bringen mir in dieser Sache zu vertrauen?“

„Natürlich“, rief Alvah aufgelöst.
Es gab auf der ganzen Welt niemandem, dem er so vertraute wie seinem Vater. Diese Tatsache in Frage gestellt zu sehen war schlimmer als alles andere, und mit einem Mal kam ihm seine ganze Entschlossenheit sich um jeden Preis durchzusetzen albern und kindisch vor.
„Ich wollte nicht ungezogen sein“, sagte er leise. Seine Stimme wackelte verräterisch und er biss sich hastig auf die Unterlippe. „Seid Ihr böse auf mich?“ fragte er kläglich.

Sein Vater schüttelte den Kopf und nahm sein Gesicht in beide Hände. „Nein. Nein, ich bin nicht böse, Aimé. Es gibt nur einen einzigen Grund, wieso ich nicht möchte, dass du teilnimmst, und es ist derselbe Grund wieso Arthur und Aubray es nicht möchten.“Er neigte sich vor und küsste ihn auf die Stirn, so behutsam als sei Alvah aus Porzellan.

Das Gesicht seines Vaters verschwamm vor seinen Augen, gleichermaßen wegen dem Vornamen, der nur in intimsten Momenten ausgesprochen wurde und mehr Kosename war als alles andere, so wie der Erwähnung seiner Brüder.

Verzeih mir, Bruderherz…

Ich mache es wieder gut …

Das nächste Mal…

Lass es uns zusammen machen…

Der Verrat war umso bitterer als das er so unerwartet kam.

„Bray ist mir in den Rücken gefallen...“ Es kam ihm über die Lippen bevor er es aufhalten konnte, ein tonloses Schluchzen. „Er hat gesagt… er hat es versprochen…“

„Bray hat zwei Stunden lang gedacht, du wärst erschossen worden.“

Es kam schärfer als erwartet und alles in Alvah erstarrte. „Was…?“

Ich habe zwei Stunden lang gedacht, du seist erschossen worden“, fuhr sein Vater fort, sein Blick so eindringlich, dass er Alvah durch Mark und Bein ging.

„Ich verstehe nicht…“, flüsterte er hilflos.

Der Vicomte seufzte. „Nein. Natürlich nicht.“ Er zögerte und Alvah konnte in seinem Gesicht sehen wie sehr es ihm widerstrebte weiterzusprechen. „Ich meine das lange Wochenende vor zwei Jahren, als wir auf dem Land bei Lord und Lady Ruthland waren. Du wirst dich nicht mehr erinnern. Du bist… sehr krank gewesen.“

Eine verschwommene Erinnerung tauchte vor Alvahs innerem Auge auf.
Das riesige Anwesen im Wald. Die Jagdgesellschaft. Sein alberner Wettstreit mit Bray darüber wer Lady Helen mehr Waldhyazinthen bringen können würde. Ein Meer von blauen Blumen hinter dem Haus.

„Ich wollte… in den Wald reiten“, sagte Alvah zögernd, die Erinnerungen unscharf und wie durch Milchglas. „Ich habe es nicht geschafft. Ich war so müde…“

Der Vicomte nickte. „Du hattest Fieber. Du bist nicht weit gekommen. Aber in gewisser Weise hat es dir vielleicht das Leben gerettet. Denn im Wald... waren wir auf Jagd.“ Er klang als bereite es ihm körperliche Schmerzen es nur auszusprechen, und jede Faser in Alvah verlangte danach es wieder gut zu machen, was auch immer es war, was er seinem Vater angetan hatte. „Dir war nichts geschehen. Aber zwei Stunden lang... war ich mir deiner körperlichen Unversehrtheit nicht gewiss.“

„Ich habe Euch Sorgen bereitet“, murmelte Alvah, zu gleichen Teilen bestürzt und schuldbewusst.

„Sorgen.“ Sein Gesicht war unlesbar. „Über diesen Punkt keine Gewissheit zu haben, ist..." Der Vicomte zögerte, so als gäbe es kein einziges Wort auf der Welt was diesem Zustand hinreichend Ausdruck verleihen konnte. Er schloss die Augen und atmete tief durch. Als er sie wieder öffnete, sah er seltsam gefasst aus. „...in jeder Hinsicht inakzeptabel“, sagte er schließlich leise.

Alvah nickte stumm und schmiegte sich unwillkürlich gegen die Hand auf seiner Wange.

„Dein Bruder hat sich dir gegenüber in der Vergangenheit… nicht immer so verhalten, wie ich es mir gewünscht hätte“, fuhr sein Vater fort. „Aber glaube mir, wenn ich dir sage, dass seine heftige Ablehnung heute allein von Sorge um dein Wohlergehen getrieben war.“ Seine Stimme war leise und ernst. „Ich habe ihn selten so aufgelöst erlebt wie an diesem Wochenende. Auch Arthur nicht. Und ich würde gerne darauf verzichten sie jemals wieder so zu erleben. Auch das war...“

„... inakzeptabel“, flüsterte Alvah.

„Ja.“ Der Vicomte schenkte ihm eine Lächeln, das wie ein Geheimnis war, welches nur sie beide teilten, und seltsamerweise bewirkte es, dass Alvah schlagartig leichter zumute war, so als ob sich ein Felsen von seiner Brust gelöst hätte und zu Boden gesunken wäre.

„Frag mich in zwei Jahren nochmal“, sagte der Vicomte und ließ die Hände sinken. „Dann werden wir erneut darüber sprechen. Ich verspreche es.“

Alvah nickte gehorsam. „Ich sollte nun wohl mit Ben und Bray reden“, erwiderte er zögernd. Es war zur Hälfte eine Frage, denn mit einem Mal fühlte er sich befangen und unsicher seinen Brüdern unter die Augen zu treten, war ihm doch sein aufgelöster Auftritt inzwischen mehr als unangenehm.

Ein aufmunterndes Nicken war seine Antwort. „Ich bin sicher, das werden sie begrüßen.“

-

Alvah fand seine Brüder, so wie er es erwartet hatte, zusammen, und im Pavillon. Der große, gläserne Glasanbau war schon immer Brays bevorzugter Rückzugsort gewesen, genauso wie es die Bibliothek für Alvah, und das Musikzimmer für Anne war.
Ihre großen, schlanken Silhouetten zeichneten sich scharf vor dem zartgrauen Herbsthimmel ab. Sie standen sehr dicht voreinander, ihre Köpfe zusammengesteckt und ihre Stimmen waren ein leises, eindringliches Flüstern, von dem nur einzelne Satzfetzen zu Alvah drangen.
„…kann nicht…“

„… ihm wenigstens erklären…“

„… du weißt nicht...“

„… war nicht deine Schuld…“

Bray schüttelte hartnäckig den Kopf und Ben redete leise auf ihn.

Zögernd blieb Alvah einige Meter entfernt von ihnen am Eingang stehen. Er hatte sich nicht zurecht gelegt was er sagen wollte und er fühlte sich seltsam unbewaffnet. Seine Erinnerung an das besagte Wochenende blieb verschwommen und bruchstückhaft, in unwirklichen Sepiatönen gehalten, als ob es die Erinnerung eines anderen war, und die heftige Reaktion aller Beteiligten auf die bloße Erwähnung desselben bewirkte, dass er sich seekrank und aus dem Konzept gebracht fühlte.
Er hatte nur Blumen pflücken wollen. Weniger als das, er hatte nur Brays selbstsicheres Grinsen aus seinem Gewicht wischen wollen. Nie hätte er sich träumen lassen, dass es solche Auswirkungen auf die anderen gehabt hatte.

Ben war der Erste, der seine Anwesenheit bemerkte. Sein Blick fiel auf Alvah und er stoppte abrupt, bevor er ihm wortlos zunickte. Er legte eine Hand in Brays Nacken, zog ihn zu sich und küsste ihn zärtlich auf die Schläfe, bevor er einen Schritt zurücktrat. „Reiß dich zusammen“, befahl er leise. „Und sag sowas nicht.“

Bray zog die Schultern hoch und senkte den Kopf, was man mit einiger Mühe als Einverständnis interpretieren konnte. Er blieb direkt vor der Glasfront stehen und starrt nach draußen in den Garten, während Ben die Entfernung zwischen sich und Alvah in wenigen Schritten überbrückte.

Er warf einen einzigen Blick auf Alvahs Gesicht und seine Augen wurden sanft. „Vater hat es dir erzählt.“ Es war eine Feststellung, keine Frage.

Alvah nickte. „Es tut mir leid“, brachte er hervor.

„Es muss dir nicht leid tun.“ Ben legte eine Hand auf seine Schulter und eine flüchtige Emotion glitt über sein Gesicht, scharfe, beinah schmerzhaft intensive Erleichterung, bevor er sich wieder fasste. „Du warst nur... zur falschen Zeit am falschen Ort.“

Alvah fand keine Antwort, die hätte ausdrücken können wie sehr ihn alles dauerte, was Ben je aus der Fassung gebracht hatte, deswegen schwieg er hilflos.

„Hör zu, Bray und ich haben über die Jagd geredet“, fuhr sein Bruder fort. „Da wir beide gegen deine Teilnahme gestimmt haben, denke ich, es ist nur fair, wenn wir dieses Jahr auch nicht mit reiten.“

„Das müsst ihr nicht!“ widersprach Alvah sofort. „Ich bin nicht böse. Ich… verstehe es ja.“ Es war ein widerwilliges Eingeständnis, aber alles andere wäre eine Lüge gewesen.
Er mochte sich ein umgekehrtes Szenario nicht einmal ausmalen, erinnerte er sich doch nur zu gut an die paar Gelegenheiten wo Ben oder Bray sich mit Pistolen duelliert hatten, anstelle eines Degens. Und einen seiner Brüder am falschen Ende einer geladenen Schusswaffe zu wissen, war in jeder Hinsicht... inakzeptabel.
Ihm war jedes Mal aufs Neue flau vor lauter Angst gewesen, konnte doch so leicht etwas schief gehen und jeder noch so zufällige Treffer konnte im Schlimmsten Fall tödlich enden. Er war selten erleichterter gewesen als ob der Tatsache, dass Vater letzten Winter ein Machtwort gesprochen und diese Torheit endgültig untersagt hatte.

Ben lächelte. „Und doch ist es in jeder Hinsicht schändlich und ehrlos gegen den eigenen Bruder zu stimmen, ganz gleich was der Grund sein mag. Also werden wir gemeinsam mit dir aussitzen.“

„Aber ich dachte, du freust dich auf die Jagd?“

„Ich schätze die Herausforderung. Aber… ich schätze es noch mehr keinen meiner Brüder in der Nähe eines Gewehres zu wissen.“

Alvah blinzelte überrascht. „Auch Bray?“

„Besonders Bray“, war die spröde Erwiderung. „Eines Tags wird ihn jemand mit einem Pfau verwechseln und auf ihn zielen, wenn er weiterhin darauf besteht zur Jagd so auffällige Hüte zu tragen.“

„Ich kann euch hören“, grummelte Bray aus dem Pavillon.

„Gut“, erwiderte Ben ohne sich umzudrehen.

Alvah tarnte sein Lachen als Räuspern und biss sich hastig auf die Unterlippe.

Ben betrachtete ihn nachdenklich. „Ich werde nach dem Mittagessen ausreiten und würde mich über Gesellschaft freuen. Würdest du mich begleiten?“

„Wirklich?“ Aufgeregt hob Alvah den Kopf.
Es gelang ihm viel zu selten Zeit mit seinem ältesten Bruder alleine zu verbringen und er zehrte von jeder einzelnen Minute, die ihm vergönnt war und hortete sie wie einen Schatz. „Kommt Bray nicht mit?“

„Bray“, erwiderte Ben unnachgiebig und mit erhobener Stimme, „wird sich nach dem Essen hinlegen und seinen Kater auskurieren.“

Bray seufzte inbrünstig, und Ben und Alvah tauschten ein kleines, privates Lächeln.

„Ich würde gerne mit dir ausreiten“, sagte Alvah.

Ben fuhr ihm mit der Hand durch die Haare. „Dann freue ich mich auf später.“ Er machte Anstalten zu gehen und stoppte noch ein letztes Mal. „Wenn du es in dir fändest nachsichtig mit ihm zu sein...“, sagte er leise und zögerte. Er sah aus als ob er mit sich rang, hin und hergerissen zwischen zwei gleichermaßen übermächtigen Impulsen. „Ein großer Bruder zu sein ist in vielerlei Hinsicht Terra Incognita für ihn“, endete er schließlich.

„Ich weiß“, erwiderte Alvah.

Bens Blick wurde sanft, seine Augen mehr braun als grau in diesem Moment. „Aber du bist in jeder Hinsicht ein absolut tadelloser kleiner Bruder, und von daher bin ich voll Zuversicht, dass er es zustande bringen wird.“

Überrascht und mit heißen Wangen ob des unerwarteten Lobes, blickte Alvah ihm hinterher.
Ein Teil von ihm wünschte sich, Ben würde da bleiben und den Weg ebnen, so wie er es immer versuchte, wenn es darum ging aufgewühlte Wogen innerhalb der Familie zu glätten. Aber ein anderer, größerer Teil von ihm war froh, dass niemand dabei sein würde, wenn er mit Bray sprach. War doch jedes Gefühl was er für seinen zweitältesten Bruder hegte, sowohl im Guten wie auch im Schlechten, viel zu tief und zu heftig in seiner Intensität, als dass es vor Publikum ausgesprochen oder auch nur angedeutet hätte werden können.
Langsam betrat er den Pavillon.

Bray hatte sich in der Zwischenzeit auf eine der Liegen gesetzt und starrte angespannt nach draußen. Seine langen, schlanken Fingern waren damit beschäftigt sich heftig zu ver- und wieder entknoten und er betrachtete die Blumenbeete draußen mit mehr Heftigkeit als sie vermutlich verdient hatten.
Langsam ließ Alvah sich in dem Sessel neben ihm nieder und sah ihm eine Weile dabei zu.

„Ich bin nicht so verkatert“, stellte Bray fest ohne ihn anzusehen.

Alvah erwiderte nichts. Sein Bruder sah bleich und erschöpft aus und unter seinen Augen waren dunkle Schatten, aber Alvah hatte die dumpfe Ahnung, dass vielleicht er selbst, mehr als jede durchgemachte Nacht, dafür verantwortlich war und das war ein seltsames Gefühl. Es war schwer - noch immer - sich an den Gedanken zu gewöhnen irgendein Gefühl in Bray auslösen zu können, das nicht Ablehnung war.

Danach waren sie lange still, Bray in verbissenem Grüben versunken und Alvah so wortlos wie er sich nur selten fühlte. Draußen hatte es zu regnen begonnen.

„Du musst nicht verzichten“, sagte er schließlich, als Bray keine Anstalten machte, das Gespräch zu beginnen. „Auf die Jagd, meine ich. Nicht meinetwegen.“

Bray seufzte tief. „Nein, Ben hat recht. Es ist schändlich und ehrlos gegen den eigenen Bruder zu stimmen.“

„Aber...“

Er winkte ab. „Glaub mir, es ist kein allzu großes Opfer. Ich mag Jagen nicht einmal besonders.“

Überrascht wandte Alvah den Kopf. „Wirklich nicht?“

Bray zuckte mit den Schultern. „Ich hasse den Lärm wenn sie schießen, und ich hasse es noch mehr wenn sie etwas treffen. Das ganze Blut. Und die armen Tiere.“ Er verzog das Gesicht. „Ich mag nur die Reitkleidung gerne.“

Alvah schnaubte unwillkürlich. „Wieso wundert mich das nicht.“

„Lach nicht. Es bricht jedes Jahr einem Dutzend Damen das Herz wie fabelhaft ich in engen schwarzen Hosen aussehe.“

„Sicher.“ Alvah rollte mit den Augen, mit einem Mal beinah gelöst durch das inzwischen vertraute und lieb gewordene Geplänkel.

Brays Lächeln verschwand so schlagartig wie es gekommen war. Seine Lippen waren seltsam blutleer. „Aber abgesehen davon verpasst du gar nichts. Wirklich nicht.“

Alvah zögerte. „Die Sache bei den Ruthlands“, sagte er langsam.

Bray erstarrte, als ob diese eine einzelne Wort ausreiche, um die ganze Welt anzuhalten. Es dauerte einen Moment bis er antwortete. „Mach das... mach das nicht nochmal, in Ordnung? Das kannst du Vater nicht antun“, sagte er schließlich. „Und Onkel Victor.“

„Onkel Victor?“

„Erinnerst du dich noch als wir klein waren und immer gesagt haben, dass es nichts gibt was Onkel Victor aus der Fassung bringen kann? Wir hatten unrecht.“

„Das weiß ich schon lange.“

„Ja? Mag sein. Nun, ich weiß es seit diesem Wochenende. Mach es... mach es einfach nicht noch einmal.“ Seine Stimme wurde leise.

„Es tut mir leid“, sagte Alvah behutsam, ein Satz von dem er nie gedachte hatte, dass er ihn irgendwann einmal zu Bray sagen würde. „Ich wollte nie, dass so etwas passiert.“

Die Reaktion,die er bekam war nicht die erwartete. Bray zuckte so heftig zusammen, als hätte man ihn geohrfeigt. „Entschuldige dich nicht bei mir“, befahl er erstickt. „Nicht du. Nicht deswegen.“

„Aber ich war…“

„Großer Gott“, stöhnte Bray. Gequält schlug er die Hände vors Gesicht. „Ich flehe dich an. Ich habe dich beinah umgebracht! Bitte entschuldige dich nicht.“

Perplex hob Alvah die Augenbrauen. „Was? Entschuldige, aber diese wesentliche Information muss man mir vorenthalten haben.“

„Wenn wir nicht gewettet hätten....“

„... was mindestens genauso meine Idee war wie deine“, widersprach Alvah. „Wenn nicht ganz und gar meine.“

„Aber ich habe dich geärgert vorher. Mit Absicht! Ich habe dich provoziert. Obwohl du krank warst. Ich wusste nicht...“ Bray fuhr sich mit der Hand durch die Haare und zerzauste seine schwarzen Locken noch ein bisschen mehr. „Ich hätte es wissen müssen“, sagte er düster. „Ich hätte wissen müssen, dass dich das nur bestärkt. Du bist... einfach nicht klein zu kriegen.“

„Du sagst das, als sei es was Schlechtes.“

Abrupt griff Bray nach seiner Hand und schüttelte heftig den Kopf. „Nein“, sagte er heiser. „Nein, ist es nicht. Du bist wie Unkraut. Egal wie oft man versucht dich zu vernichten, du wächst immer wieder nach.“

„Ist das deine Art mir was Nettes zu sagen, weil augenblicklich kann ich es nicht sicher...“

„Oh, du weißt nicht, was ich getan habe...“, flüsterte Bray und Alvah verstummte abrupt, jede Art von Sarkasmus blieb in seiner Kehle stecken. In das Gesicht seines Bruders war ein Ausdruck solcher Qual getreten, dass er ihn kaum erkannte. „Du weißt nicht, was ich gedacht habe. Und Gott steh mir bei, ich wünsche mir, dass du es nie erfährst. Ich könnte es nicht ertragen.“

Mit weiten Augen starrte Alvah ihn an. „Es kann so schlimm nicht gewesen sein“, sagte er leise. „Nicht schlimmer als die Dinge, die ich dir schon dutzend Mal an den Kopf geworfen habe.“

„Oh doch. Doch.“ Heftig schüttelte Bray den Kopf. „So es denn eine Hölle gibt, ist sie mir dafür sicher. Du weißt ja nicht...“
Er öffnete den Mund und presste ihn gleich darauf wieder zusammen. Sein Kehlkopf hüpfte, als er schluckte und schluckte, und es war als ob er an den ungesagten Worten erstickte.

„Nun sag es doch“, bat Alvah angstvoll. „Was immer es ist, es kann kaum so schlimm gewesen sein.“

Zitternd atmete Bray aus und schloss die Augen.
„Als ich klein war“, sagte er und sogar seine Stimme klang fremd, „hat Mutter einmal zu mir gesagt: 'Manchmal fährt ein Dämon in die Devereux'. Ein habgieriger, eitler, selbstsüchtiger Dämon. Und sie hat gesagt, dass man ihn niemals von sich niemals Besitz ergreifen lassen darf, denn sonst... 'nimmt er dir alles was du liebst und du kannst niemandem dafür die Schuld geben außer dir selbst'.“ Er zitierte es mit traumwandlerischer Sicherheit, wie etwas, was er schon ungezählte Male vor sich aufgesagt hatte, allein, in den dunkelsten Stunden der Nacht. „Ich habe damals nicht verstanden was sie meint... aber jetzt...“
Er drückte Alvahs Finger und hob den Kopf. „An dem Wochenende bei Ruthlands da war ich ganz sicher... jetzt ist es soweit. Jetzt kommt er und holt sich alles und... es ist allein meine Schuld.“

Alvah schüttelte den Kopf, seine Finger kalt und taub. Er klammerte sich an Brays Hand wie an eine Rettungsleine, als ob sie allein wären auf hoher See, und er wusste instinktiv sein Bruder würde abtreiben und ertrinken, wenn er los ließe. Oder vielleicht auch er selbst. Es war eine bodenlose, tiefe Angst, die er nicht verstand. „Ich verstehe dich nicht“, flüsterte er. „Was meinst du denn?“

Bray starrte ihn lange an. Schließlich seufzte er und sein fester Griff um Alvahs Hand gab nach. Er ließ die Hand sinken, aber Alvah packte sie entschlossen und hielt sie fest.
Bray schenkte ihm ein bleiches Lächeln. Er verschränkte ihre Finger und Alvah ließ es geschehen, mehr erleichtert als er in Worte fassen konnte, dass Bray ihn nicht ertrinken lassen würde.
„Es ist besser, wenn du es nicht verstehst“, sagte er leise. Er rieb sich mit den Fingern über die Augen und ein sichtbarer Ruck ging durch seinen Körper. Als er die Augen erneut öffnete war das Düstere darin verschwunden und nur ein vager Schatten blieb davon zurück. „Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist bei den Ruthlands“, sagte er leise. „Das wollte ich dir schon lange sagen.“

„Ich bin auch froh“, erwiderte Alvah.

Danach schwiegen sie und sahen dem Regen zu, der draußen langsam über die Scheibe rann. Alvah blieb noch lange neben ihm sitzen und Bray ließ seine Hand nicht los, auch dann nicht als seine Augenlider irgendwann nach unten sanken und er in einen unruhigen Schlaf fiel.

Date: 2017-05-14 10:51 am (UTC)
From: [identity profile] keksdiebin.livejournal.com
Die Szene zwischen Alvah und seinem Vater ist so wunderschön und ergreifend, ich muss danach jedes Mal eine Pause machen... (wie jetzt auch gerade). Gott. Ich kann sie beide so gut verstehen. Alvah ist gedemütigt und möchte nur noch weg, damit sein Vater nicht sieht, wie sehr es ihn trifft und Laurence... Laurence will Alvah erklären, warum sie alle drei Nein gesagt haben. Es ist so angstig, dass Alvah sich nicht an dieses Wochenende erinnert (ich denke, er hat es verdrängt... weil es einfach zuviel war, aber unter der Oberfläche steckt die Erinnerung noch irgendwo). Es ist so schön, dass Laurence ihm von früher erzählt. Als er klein war und als Victor nicht wollte, dass er so jung an der Jagd teilnimmt. Es ist so tragisch, weil Verständnis zwischen den beiden zu einem Teil, der enorm wichtig ist, so einseitig verläuft. Laurence versteht Alvah so gut, aber es ist so schwer ihm das verständlich zu machen, weil Alvah dieses unantastare Bild seines Vaters hat. Und als er ihn Aimé nennt... *liegt schwach zuckend und wimmernd am Boden*

Und dann die Szene mit Ben und Bray! Ihre Dynamik ist so toll, man merkt total, dass sie Zwillinge und doch sehr sehr unterschiedlich sind. Und es killt mich, dass Ben so zärtlich mit Bray ist. Das ist auch der Verdienst von Laurence! Victor stelle ich mir viel verschlossener vor, Victor wurde nicht so gezielt dazu ermutigt, seinen Gefühlen (und Gott hat er viele davon) Ausdruck zu verleihen. Und Alvah und Ben <3 Ich freu mich so sehr für sie, dass sie später miteinander Zeit verbringen werden. Alvah betet ihn doch an... und würde so gerne mehr mit ihm unternehmen ;___; Es ist auch SO nobel und SO Ben, dass sie beide auch nicht an der Jagd teilnehmen aus Solidarität <333

Oh Gott und dann Alvah und Bray... Ich liebe es, wie du Bray leiden und büßen lässt *hust* Das formt wirklich den Charakter... war ja auch schon bei seiner Mutter so ;___; Gott, wie gequält er darüber spricht und wie er von diesem Dämon erzählt... das ist so eine geniale Idee und ich nehme sie hiermit mit Fanfarenklängen und Trompeten in das Canon und werde sie sowas von selbst verwenden <3333

Er drückte Alvahs Finger und hob den Kopf. „An dem Wochenende bei Ruthlands da war ich ganz sicher... jetzt ist es soweit. Jetzt kommt er und holt sich alles und... es ist allein meine Schuld.“
Oh Gott. Ich will so nicht mit Bray tauschen und bin doch so froh, dass er diesen Erkenntnismoment in Bezug auf Alvah hatte...

Gah und das Ende ist so schön und bittersüß und... ich will mehr davon! Bitte schreib mehr zu ihnen <3 *-*! Bitte bitte.

Date: 2017-06-24 12:22 pm (UTC)
From: [identity profile] rolly-chan.livejournal.com
Ich hab natürlich weitergelesen... natürlich *hust*
und AAAAAAahhhhhhhhhh wie machst du dassssss es sind so viele Gefühle

D: ich will sie alle knuddeln omg, warum sind sie so angstig. Warum mag ich angst so lol
Und man kann sich in jeden von ihnen hineinversetzen und asdfghjkl *flail* Alvah ist so niedlich und Ben ist so schnuffig und Brayyyyyy aaaaaaaah Charaktere, die sich die Schuld für solche Sachen geben, geben mir immer den Rest ;A; das Ende ist so toll mit den beiden <3 *seufz* *dahinschmelz*

Ich werde definitiv Der Turm lesen, aber jetzt muss ich erstmal meine Pflichten erledigen lol (falls ich es denn schaffen sollte, die ganze Zeit dranzubleiben und nicht zwischendurch einfach mal zu lesen *husthust*)

Oh und btw, so als klitzekleine Anmerkung: DANKE dass ihr einen Charakter Victor genannt habt, der nicht ein eviler Overlord ist oder so? Sonst sind Victors immer die Bösen und es ist echt toll, mal einen Victor zu haben, der es nicht ist <3 (nehme ich jetzt zumindest an?)

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