Team: Hufflepuff
Challenge: Fantasy – Ich habe es in den Karten gesehen- fürs Team
Fandom: Nowhere Boys, das College-AU
Titel: Groß, dunkel, schön
Inhalt: Ellen legt Felix die Tarotkarten.
Anmerkung: Für exakte Tarotkarten-Recherche bliebt keine Zeit, seht es mir nach. Ich bin außerdem um fünf Uhr aufgestanden, um das hier zu schreiben. Ich finde, dafür habe ich einen Extrapunkt verdient, den ich dann mit dem Minuspunkt verrechnen kann, den ich für all die Prokrastination der letzten Monate bekommen sollte.
Groß, dunkel, schön
Es gibt wenige Traditionen in Felix' Leben, was wahrscheinlich daher rührt, dass er ein Kerl Anfang zwanzig ist, der zweieinhalb Nebenjobs hat und zwischendrin mit allem möglichen magischen Scheiß rumexperimentiert.
Man muss flexibel sein, sowohl beim Arbeiten als auch beim Zusammenmischen von Zaubertränken, wenn man statt "feinstem Meersalz" nur das billige von Joeys aus dem untersten Regal-Fach zur Verfügung hat.
Das einzige, wobei er nicht flexibel ist, ist sein wöchentliches Skype-Date mit Ellen und er schlägt erbost die Zimmertür zu, als Sam die Augen verdreht, mit dem Xbox-Controler winkt und sagt, dass er Ellen doch genau so gut später anrufen könne.
"Nein, kann ich nicht!", sagt Felix.
"Ich kann nicht wohnt in der Ich will nicht Straße", sagt Sam.
Jake, der sich gerade hinter ihm vorbei durch den Flur quetscht, spuckt seine Cornflakes zurück in die Schale und Felix möchte sie beide am liebsten verdreschen, doch er beschränkt sich dann auf einen hasserfüllten Blick, der wie immer total an Sam abprallt.
"Ich mein ja nur", fährt der fort. "Du hängst nur noch am PC, wenn du nicht arbeitest, du musst mal rauskommen!"
"Und da schlägst du mir vor, X-Box zu spielen?"
"Das kann man wenigstens zu zweit bis viert machen!"
Felix würde gerne sagen, dass er keine Zeit hat, er muss in drei Stunden zur Arbeit im Esoterik-Laden, aber solange wird er nicht mit Ellen skypen. Wenn er wollte, könnte er sich danach zu den anderen und Rayman Raving Rabbits gesellen.
Er will nur nicht, nicht wenn Sam es ihm befiehlt und ihm dämliche Mutti-Sprüche um die Ohren haut. Da geht es ums Prinzip.
Seufzend reibt sich Felix über die Arme, denn Sam irgendeinen Wunsch abzuschlagen, wenn er einen mit großen Welpenaugen anguckt, lässt einen sich immer fühlen, als hätte man ein echtes Hundebaby getreten.
Doch bevor er sich unbeliebt machen muss, schlingt Jake plötzlich einen Arm um Sams Schultern und zieht ihn in einem gewaltigen Cornflakes-Balance-Akt von der Tür weg.
"Komm schon, Sam, ich spiel mit dir."
"Aber...!"
"Nix aber. Felix, viel Spaß. Sag Ellen liebe Grüße."
"Mach ich", sagt er. Er würde gern dankbar lächeln, aber seine Zähne fühlen sich auf einmal zu groß für seinen Mund an und er kann nur schräg und langsam nicken. "Viel Spaß."
Dann knallt er die Tür zu, während Sam schmollt und Jake seltsam wissend grinst.
Ein paar Minuten später hat Felix die ganze Geschichte brühwarm Ellen erzählt.
"Ich bin gerührt", sagt sie und zieht mit einem lauten Schmatzgeräusch den Lolli aus ihrem Mund. "Aber du hättest X-Box spielen gehen können."
"Danke, Mutti", murmelt Felix. "Ich wollte aber nicht."
"Ich weiß. Du wolltest lieber zu mir und das ist supersüß von dir."
"Süß ist exakt das Wort, was ich im Zusammenhang mit mir nicht mag."
"Pech für dich, Süßer."
Sie lachen und Felix spürt, dass sich seine Brust zum ersten Mal seit einer Woche richtig weitet beim Luftholen. Ellen hatte schon immer diesen Effekt auf ihn, auch wenn sie sich jetzt nur noch einmal in der Woche über Skype sehen, weil er in Sydney hockt und sie in Melbourne. Felix streckt sich und setzt sich gerade hin und schaut zu, wie Ellen ihren Lolli verspeist.
Es ist ein Jahr her, dass sie beide von Bremlin weggezogen sind, aber Ellen hat sich so sehr verändert, als habe sie eine Zeitreise gemacht.
Sie trägt weniger schwarz, dafür mehr grelles Pink und Gelb, entweder in ihrem gefärbten Undercut oder auf den Fingernägeln und sie hat sich angewöhnt, ihre alten schwarzen Band-Shirts kurz unter der Brust abzuschneiden, sodass sie einen unendlichen Vorrat an crop tops hat, der ihren süßen Bauch stolz der Welt präsentiert. Sie trägt Piercings in Ohr und Lippe und unter ihrem Schlüsselbein wächst ein bunter Tattooefeu bis hinunter zum Ellbogen.
Niemand in Bremlin würde sie noch erkennen, doch sie ist immer noch die gleiche, sarkastische, liebevolle, hilfsbereite und tapferste Person (und die schönste Frau), die Felix seit Jahren liebt. Er vermisst sie manchmal so sehr, dass er seinen Handylockscreen (ein Bild von ihm und Ellen vom Abschlusstag) stundenlang anstarrt, ehe er sich durchringen kann, ihr eine Message zu schreiben.
Sie antwortet immer, fängt ihn auf und unterstützt ihn und er hofft nur, dass er ihr das irgendwie zurückzahlen kann.
"Was macht euer Roadtrip in die USA?", fragt Ellen da. Sie zieht den Lollistiel aus dem Mund und greift nach einem Deck Karten mit rotem Rücken.
"Läuft prima", seufzt Felix. Er verschränkt die Arme auf dem Schreibtisch und legt den Kopf darauf ab, sodass er nach oben in die Webcam schauen muss. "In vier Wochen sind Semesterferien, dann fliegen wir. Falls bis dahin die Löcher im Raum-Zeit-Kontinuum, von denen wir alle träumen, nicht die Weltherrschaft an sich gerissen haben. Ich werde so zickig sein, während der Apokalypse, wenn sich herausstellt, dass sich das alles hätte vermeiden lassen können, wenn nur Andy sein Referat verschoben und Jake seine Prüfung in ein anderes Semester gelegt hätte."
"Du wirst sowieso zickig sein, während der Apokalypse, weil du dann in einem Zelt schlafen muss", meint Ellen und Felix muss tatsächlich lachen.
"Hey, ich habe sogar schon mal ohne Zelt in einem Wald geschlafen, ja? Ich bin bestens gerüstet!"
"Da verbringt der einmal zwei Wochen lang in einer fremden Dimension und hält sich schon für Bear Grylls", sagt Ellen und rollt mit den Augen, doch dann muss sie selbst lachen.
Gott, er vermisst sie wirklich.
"Es kotzt dich an, oder? Dieses Rumwarten?", fragt sie nach ein paar Sekunden. Sie schaut nicht in die Kamera sondern sortiert die Karten und ordnet sie in Reihen auf ihrem Tisch an.
"Ja", sagt Felix. "Wir sind alle in Gefahr und die anderen rühren sich nicht."
"Es ist nun mal einfacher, die Gefahr zu bekämpfen, wenn sie im Bremliner Stadtpark auf einen wartet, als in den USA. Flugtickets sind teuer."
Sie hat Recht und das weiß Felix auch. Der zweite Grund – außerhalb von Jakes und Andys Verpflichtungen in der Uni – weswegen sie nicht noch am Weihnachtsabend losgeflogen sind, ist, dass keiner von ihnen in der Lage war, so viel Geld locker zu machen, um ins Flugzeug springen und vier Wochen Benzin in den USA zu bezahlen.
Felix versteht das. Wirklich. Ihm selbst geht es ja auch nicht anders, auch wenn er sich seit Ende Dezember fleißig angestrengt, alles zu verkaufen, was er vorher mühsam an magischem Schnickschnack angesammelt hat.
Es ändert nur nichts an seiner Frustration.
Ihm fällt in Sydney die Decke auf den Kopf, er kann nicht vor und nicht zurück und jeden Tag wacht er mit angespanntem Brustkorb und verkrampftem Kiefer auf und wenn er noch einmal das Wort Universität hört, wird er Andy mit seinen Cornflakes ersticken.
Natürlich will er in die USA, um rauszufinden, was ihnen allen Alpträume beschert.
Aber die Aussicht darauf, endlich hier weg zu kommen, neu anzufangen, sich mit Magie beweisen zu können, wenn er schon sonst nichts hat, ist mindestens ein genau so großer Motivator.
"Ich würde dir gern die Karten lesen", sagt Ellen da leise und Felix schreckt hoch.
"Was für Karten?"
"Rommé natürlich. Nein, du Holzkopf, Tarotkarten."
"Du lernst Tarot?"
Ellen zuckt die Schultern. "Ist zumindest besser als Biologie lernen."
Felix blinzelt ein paar Mal. "Wär es nicht besser, wenn ich persönlich da bin? Um die Karten zu mischen, das Deck abzuheben oder dreimal drauf zu pusten oder was auch immer man für Hokus Pokus machen soll?"
"Seh ich aus als würd ich auf nem Jahrmarkt arbeiten? Das ist Quatsch. Ich stell den Karten die Frage, sie antworten mir und ich teile es dir mit, wo ist das Problem?"
Felix zögert. Kartenmagie ist etwas, mit dem er sich noch nie eingehender beschäftigt hat, und er weiß, dass man damit nicht herumspielen sollte.
Aber vielleicht sind achthundert Kilometer Abstand auch für flache, magische Karten nicht zu überbrücken.
"Okay", sagt er. "Was muss ich machen?"
"Gar nichts", sagt Ellen, und grinst. "Stell mir eine Frage. Am besten keine Ja-Nein-Frage, denn ich kann dir jetzt schon sagen, dass du niemals mit dem Sänger der Unicorns of Death schlafen wirst."
"Och manno."
Ellen lacht und Felix nutzt die Zeit, um intensiv über eine Frage nachzudenken, doch er hat sie innerhalb von drei Sekunden schon gefunden.
"Was werde ich fühlen, wenn ich in den USA bin?"
Ellen verschluckt sich und starrt ihn ein paar Augenblicke lang mit großen Augen, in denen sich alles Mögliche spiegelt: Mitleid, Angst, Entsetzen und Bewunderung.
Felix muss den Blick abwenden und als er ihn wieder hebt, schaut Ellen nur auf ihren Tisch.
Felix räuspert sich. "Und?"
"Der Gehängte", antwortet Ellen.
"Oh Gott."
"Das ist nichts schlimmes", beeilt Ellen sich zu sagen und sie lächelt und hebt die Karte auf, um sie dicht vor die Kamera zu halten. Felix grinst ein sehr gelbes Männchen, das kopfüber und völlig entspannt von einem Ast baumelt, entgegen. "Es bedeutet "Durchhalten!", "Akzeptiere deine Lage!" und "Sieh die Situation aus einem anderen Blickwinkel.""
"Ich werde gar nichts akzeptieren", murmelt Felix. "Wobei genau soll ich in den USA durchhalten? Auf der Autofahrt, wenn Sam wieder keine Pinkelpause machen will?"
"Felix", sagt Ellen. Sie drückt die Karte an ihre Brust und seufzt leise und Felix tut sein flapsiger Ton sofort leid. "Der Gehängte bedeutet vieles, aber am besten lässt es sich zusammenfassen mit "Es wird schlimmer, bevor es besser wird.""
"Das ist nicht sehr tröstlich", sagt Felix. Er schluckt und merkt plötzlich, dass er einen Kloß im Hals hat und er erwischt Ellen dabei, wie sie ihn besorgt ansieht. "Kannst du mir nicht was Schönes wahrsagen?"
Einen Moment lang sieht es so aus, als würde Ellen die Augen rollen und ihm sagen wollen, dass er nicht so flapsig über die Große Arcana reden soll, doch dann zuckt sie die Schultern und greift wahllos in den Stapel, um eine Karte hervorzuziehen.
Diesmal ist es der "Tod".
"Du bist echt beschissen im Aufmuntern", keucht Felix. "Ich will nicht sterben!"
"Wirst du auch nicht", sagt Ellen. "Der Tod steht nur für plötzliche eintretende Veränderungen."
Felix stöhnt und schlägt die Hand vors Gesicht. "Willst du mir ernsthaft erzählen, dass ein großer, schwarzhaariger Fremder in mein Leben treten wird und mich für immer verändern wird?"
"Kann schon sein", sagt Ellen. Sie zuckt erneut die Schultern und fängt dann an zu grinsen. "Ich glaub nur eher, dass er blond sein wird."
"Wenn du damit auf den Typen anspielst, der zufällig mit mir hier wohnt, dann bist du auf dem Holzweg", antwortet Felix, doch er spürt, wie er dunkelrot anläuft und versteckt das Gesicht in den Händen.
Tarot ist ätzend.
Und das allerätzendste ist, dass Ellen recht behalten soll.
Der große, blonde Fremde ist nur nicht Jake.
Challenge: Fantasy – Ich habe es in den Karten gesehen- fürs Team
Fandom: Nowhere Boys, das College-AU
Titel: Groß, dunkel, schön
Inhalt: Ellen legt Felix die Tarotkarten.
Anmerkung: Für exakte Tarotkarten-Recherche bliebt keine Zeit, seht es mir nach. Ich bin außerdem um fünf Uhr aufgestanden, um das hier zu schreiben. Ich finde, dafür habe ich einen Extrapunkt verdient, den ich dann mit dem Minuspunkt verrechnen kann, den ich für all die Prokrastination der letzten Monate bekommen sollte.
Groß, dunkel, schön
Es gibt wenige Traditionen in Felix' Leben, was wahrscheinlich daher rührt, dass er ein Kerl Anfang zwanzig ist, der zweieinhalb Nebenjobs hat und zwischendrin mit allem möglichen magischen Scheiß rumexperimentiert.
Man muss flexibel sein, sowohl beim Arbeiten als auch beim Zusammenmischen von Zaubertränken, wenn man statt "feinstem Meersalz" nur das billige von Joeys aus dem untersten Regal-Fach zur Verfügung hat.
Das einzige, wobei er nicht flexibel ist, ist sein wöchentliches Skype-Date mit Ellen und er schlägt erbost die Zimmertür zu, als Sam die Augen verdreht, mit dem Xbox-Controler winkt und sagt, dass er Ellen doch genau so gut später anrufen könne.
"Nein, kann ich nicht!", sagt Felix.
"Ich kann nicht wohnt in der Ich will nicht Straße", sagt Sam.
Jake, der sich gerade hinter ihm vorbei durch den Flur quetscht, spuckt seine Cornflakes zurück in die Schale und Felix möchte sie beide am liebsten verdreschen, doch er beschränkt sich dann auf einen hasserfüllten Blick, der wie immer total an Sam abprallt.
"Ich mein ja nur", fährt der fort. "Du hängst nur noch am PC, wenn du nicht arbeitest, du musst mal rauskommen!"
"Und da schlägst du mir vor, X-Box zu spielen?"
"Das kann man wenigstens zu zweit bis viert machen!"
Felix würde gerne sagen, dass er keine Zeit hat, er muss in drei Stunden zur Arbeit im Esoterik-Laden, aber solange wird er nicht mit Ellen skypen. Wenn er wollte, könnte er sich danach zu den anderen und Rayman Raving Rabbits gesellen.
Er will nur nicht, nicht wenn Sam es ihm befiehlt und ihm dämliche Mutti-Sprüche um die Ohren haut. Da geht es ums Prinzip.
Seufzend reibt sich Felix über die Arme, denn Sam irgendeinen Wunsch abzuschlagen, wenn er einen mit großen Welpenaugen anguckt, lässt einen sich immer fühlen, als hätte man ein echtes Hundebaby getreten.
Doch bevor er sich unbeliebt machen muss, schlingt Jake plötzlich einen Arm um Sams Schultern und zieht ihn in einem gewaltigen Cornflakes-Balance-Akt von der Tür weg.
"Komm schon, Sam, ich spiel mit dir."
"Aber...!"
"Nix aber. Felix, viel Spaß. Sag Ellen liebe Grüße."
"Mach ich", sagt er. Er würde gern dankbar lächeln, aber seine Zähne fühlen sich auf einmal zu groß für seinen Mund an und er kann nur schräg und langsam nicken. "Viel Spaß."
Dann knallt er die Tür zu, während Sam schmollt und Jake seltsam wissend grinst.
Ein paar Minuten später hat Felix die ganze Geschichte brühwarm Ellen erzählt.
"Ich bin gerührt", sagt sie und zieht mit einem lauten Schmatzgeräusch den Lolli aus ihrem Mund. "Aber du hättest X-Box spielen gehen können."
"Danke, Mutti", murmelt Felix. "Ich wollte aber nicht."
"Ich weiß. Du wolltest lieber zu mir und das ist supersüß von dir."
"Süß ist exakt das Wort, was ich im Zusammenhang mit mir nicht mag."
"Pech für dich, Süßer."
Sie lachen und Felix spürt, dass sich seine Brust zum ersten Mal seit einer Woche richtig weitet beim Luftholen. Ellen hatte schon immer diesen Effekt auf ihn, auch wenn sie sich jetzt nur noch einmal in der Woche über Skype sehen, weil er in Sydney hockt und sie in Melbourne. Felix streckt sich und setzt sich gerade hin und schaut zu, wie Ellen ihren Lolli verspeist.
Es ist ein Jahr her, dass sie beide von Bremlin weggezogen sind, aber Ellen hat sich so sehr verändert, als habe sie eine Zeitreise gemacht.
Sie trägt weniger schwarz, dafür mehr grelles Pink und Gelb, entweder in ihrem gefärbten Undercut oder auf den Fingernägeln und sie hat sich angewöhnt, ihre alten schwarzen Band-Shirts kurz unter der Brust abzuschneiden, sodass sie einen unendlichen Vorrat an crop tops hat, der ihren süßen Bauch stolz der Welt präsentiert. Sie trägt Piercings in Ohr und Lippe und unter ihrem Schlüsselbein wächst ein bunter Tattooefeu bis hinunter zum Ellbogen.
Niemand in Bremlin würde sie noch erkennen, doch sie ist immer noch die gleiche, sarkastische, liebevolle, hilfsbereite und tapferste Person (und die schönste Frau), die Felix seit Jahren liebt. Er vermisst sie manchmal so sehr, dass er seinen Handylockscreen (ein Bild von ihm und Ellen vom Abschlusstag) stundenlang anstarrt, ehe er sich durchringen kann, ihr eine Message zu schreiben.
Sie antwortet immer, fängt ihn auf und unterstützt ihn und er hofft nur, dass er ihr das irgendwie zurückzahlen kann.
"Was macht euer Roadtrip in die USA?", fragt Ellen da. Sie zieht den Lollistiel aus dem Mund und greift nach einem Deck Karten mit rotem Rücken.
"Läuft prima", seufzt Felix. Er verschränkt die Arme auf dem Schreibtisch und legt den Kopf darauf ab, sodass er nach oben in die Webcam schauen muss. "In vier Wochen sind Semesterferien, dann fliegen wir. Falls bis dahin die Löcher im Raum-Zeit-Kontinuum, von denen wir alle träumen, nicht die Weltherrschaft an sich gerissen haben. Ich werde so zickig sein, während der Apokalypse, wenn sich herausstellt, dass sich das alles hätte vermeiden lassen können, wenn nur Andy sein Referat verschoben und Jake seine Prüfung in ein anderes Semester gelegt hätte."
"Du wirst sowieso zickig sein, während der Apokalypse, weil du dann in einem Zelt schlafen muss", meint Ellen und Felix muss tatsächlich lachen.
"Hey, ich habe sogar schon mal ohne Zelt in einem Wald geschlafen, ja? Ich bin bestens gerüstet!"
"Da verbringt der einmal zwei Wochen lang in einer fremden Dimension und hält sich schon für Bear Grylls", sagt Ellen und rollt mit den Augen, doch dann muss sie selbst lachen.
Gott, er vermisst sie wirklich.
"Es kotzt dich an, oder? Dieses Rumwarten?", fragt sie nach ein paar Sekunden. Sie schaut nicht in die Kamera sondern sortiert die Karten und ordnet sie in Reihen auf ihrem Tisch an.
"Ja", sagt Felix. "Wir sind alle in Gefahr und die anderen rühren sich nicht."
"Es ist nun mal einfacher, die Gefahr zu bekämpfen, wenn sie im Bremliner Stadtpark auf einen wartet, als in den USA. Flugtickets sind teuer."
Sie hat Recht und das weiß Felix auch. Der zweite Grund – außerhalb von Jakes und Andys Verpflichtungen in der Uni – weswegen sie nicht noch am Weihnachtsabend losgeflogen sind, ist, dass keiner von ihnen in der Lage war, so viel Geld locker zu machen, um ins Flugzeug springen und vier Wochen Benzin in den USA zu bezahlen.
Felix versteht das. Wirklich. Ihm selbst geht es ja auch nicht anders, auch wenn er sich seit Ende Dezember fleißig angestrengt, alles zu verkaufen, was er vorher mühsam an magischem Schnickschnack angesammelt hat.
Es ändert nur nichts an seiner Frustration.
Ihm fällt in Sydney die Decke auf den Kopf, er kann nicht vor und nicht zurück und jeden Tag wacht er mit angespanntem Brustkorb und verkrampftem Kiefer auf und wenn er noch einmal das Wort Universität hört, wird er Andy mit seinen Cornflakes ersticken.
Natürlich will er in die USA, um rauszufinden, was ihnen allen Alpträume beschert.
Aber die Aussicht darauf, endlich hier weg zu kommen, neu anzufangen, sich mit Magie beweisen zu können, wenn er schon sonst nichts hat, ist mindestens ein genau so großer Motivator.
"Ich würde dir gern die Karten lesen", sagt Ellen da leise und Felix schreckt hoch.
"Was für Karten?"
"Rommé natürlich. Nein, du Holzkopf, Tarotkarten."
"Du lernst Tarot?"
Ellen zuckt die Schultern. "Ist zumindest besser als Biologie lernen."
Felix blinzelt ein paar Mal. "Wär es nicht besser, wenn ich persönlich da bin? Um die Karten zu mischen, das Deck abzuheben oder dreimal drauf zu pusten oder was auch immer man für Hokus Pokus machen soll?"
"Seh ich aus als würd ich auf nem Jahrmarkt arbeiten? Das ist Quatsch. Ich stell den Karten die Frage, sie antworten mir und ich teile es dir mit, wo ist das Problem?"
Felix zögert. Kartenmagie ist etwas, mit dem er sich noch nie eingehender beschäftigt hat, und er weiß, dass man damit nicht herumspielen sollte.
Aber vielleicht sind achthundert Kilometer Abstand auch für flache, magische Karten nicht zu überbrücken.
"Okay", sagt er. "Was muss ich machen?"
"Gar nichts", sagt Ellen, und grinst. "Stell mir eine Frage. Am besten keine Ja-Nein-Frage, denn ich kann dir jetzt schon sagen, dass du niemals mit dem Sänger der Unicorns of Death schlafen wirst."
"Och manno."
Ellen lacht und Felix nutzt die Zeit, um intensiv über eine Frage nachzudenken, doch er hat sie innerhalb von drei Sekunden schon gefunden.
"Was werde ich fühlen, wenn ich in den USA bin?"
Ellen verschluckt sich und starrt ihn ein paar Augenblicke lang mit großen Augen, in denen sich alles Mögliche spiegelt: Mitleid, Angst, Entsetzen und Bewunderung.
Felix muss den Blick abwenden und als er ihn wieder hebt, schaut Ellen nur auf ihren Tisch.
Felix räuspert sich. "Und?"
"Der Gehängte", antwortet Ellen.
"Oh Gott."
"Das ist nichts schlimmes", beeilt Ellen sich zu sagen und sie lächelt und hebt die Karte auf, um sie dicht vor die Kamera zu halten. Felix grinst ein sehr gelbes Männchen, das kopfüber und völlig entspannt von einem Ast baumelt, entgegen. "Es bedeutet "Durchhalten!", "Akzeptiere deine Lage!" und "Sieh die Situation aus einem anderen Blickwinkel.""
"Ich werde gar nichts akzeptieren", murmelt Felix. "Wobei genau soll ich in den USA durchhalten? Auf der Autofahrt, wenn Sam wieder keine Pinkelpause machen will?"
"Felix", sagt Ellen. Sie drückt die Karte an ihre Brust und seufzt leise und Felix tut sein flapsiger Ton sofort leid. "Der Gehängte bedeutet vieles, aber am besten lässt es sich zusammenfassen mit "Es wird schlimmer, bevor es besser wird.""
"Das ist nicht sehr tröstlich", sagt Felix. Er schluckt und merkt plötzlich, dass er einen Kloß im Hals hat und er erwischt Ellen dabei, wie sie ihn besorgt ansieht. "Kannst du mir nicht was Schönes wahrsagen?"
Einen Moment lang sieht es so aus, als würde Ellen die Augen rollen und ihm sagen wollen, dass er nicht so flapsig über die Große Arcana reden soll, doch dann zuckt sie die Schultern und greift wahllos in den Stapel, um eine Karte hervorzuziehen.
Diesmal ist es der "Tod".
"Du bist echt beschissen im Aufmuntern", keucht Felix. "Ich will nicht sterben!"
"Wirst du auch nicht", sagt Ellen. "Der Tod steht nur für plötzliche eintretende Veränderungen."
Felix stöhnt und schlägt die Hand vors Gesicht. "Willst du mir ernsthaft erzählen, dass ein großer, schwarzhaariger Fremder in mein Leben treten wird und mich für immer verändern wird?"
"Kann schon sein", sagt Ellen. Sie zuckt erneut die Schultern und fängt dann an zu grinsen. "Ich glaub nur eher, dass er blond sein wird."
"Wenn du damit auf den Typen anspielst, der zufällig mit mir hier wohnt, dann bist du auf dem Holzweg", antwortet Felix, doch er spürt, wie er dunkelrot anläuft und versteckt das Gesicht in den Händen.
Tarot ist ätzend.
Und das allerätzendste ist, dass Ellen recht behalten soll.
Der große, blonde Fremde ist nur nicht Jake.
no subject
Date: 2016-09-30 01:16 pm (UTC)Du bist die Beste! ♥
Zum Glück kommt dann ja ein langes Wochenende, an dem Du Dich hoffentlich erholen kannst ...