[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Gryffindor
Challenge: H/C: Überdosis
Fandom: Digimon 02
Personen: Yamato, Taichi
Wörter: ~1300
Anmerkung: Ich habe ewig kein Taito geschrieben. Aber die liebe [livejournal.com profile] luinaldawen hat sich welches gewünscht und ach, es war schön, die beiden mal wieder aus der Fandomkiste zu kramen.

Im Baum über ihrem Tisch in dem kleinen Café sitzt ein Rabe.
Das ist ihm gar nicht aufgefallen, als er sich zu Taichi, der schon auf ihn wartete, gesetzt hat.
Aber nun… nun kann Yamato nicht anders als immer wieder verstohlen hochzuschauen und dem Vieh in die schwarzen Knopfaugen zu gucken.

Der Vogel legt den Kopf schief und schaut zu ihm hinab. Vermutlich interessiert er sich für den Käsekuchen, den Yamato bestellt hat. Oder den Keks, den Taichi zu seinem Latte Irgendwas bekommen hat (Yamato hat nichts übrig für zuckrige Kaffees und merkt sich daher die Namen nicht).
Man kann nur inständig hoffen, dass der Rabe sich nicht dazu entschließt, ihnen auf den Tisch zu kacken.

Taichi ist still, und das ist es letztlich, was Yamato von dem Tier im Baum ablenkt.
Er hat ihn lange nicht gesehen – viel zu lange. Das ist schon Monate her.
Der letzte Kontakt ist ein kurzes Gespräch über Line gewesen, in welchem Taichi ihn mit Emojis und drei-Wort-Sätzen von einem Treffen mit allen anderen geredet hat und in welchem Yamato ihm aufgezählt hat, wie das denn gehen soll mit Mimi in Amerika und den Kleinen im Abschlussstress und mit Jou an der Uni in Oxford.
Und dann kam einfach nichts mehr.

„Nimm es mir nicht übel“, möchte Yamato sagen.
„Ich habe selbst viel um die Ohren. Das mit der Band klappt nicht wie ich wollte. Das mit der Uni klappt nicht, wie meine Familie wollte.“
Und: „Ich seh‘ schon meinen Bruder nur einmal im Monat.“

Aber was würde das bewirken?
Taichi fühlt sich jetzt schon links liegen gelassen. Und das Schlimmste daran ist: Er hat damit nicht einmal Unrecht.

„Und, wie geht’s dir so?“, fragt Yamato stattdessen. Er hasst die Frage und er muss schnell den Zuckerstreuer mit der Hand auf dem Tisch herumdrehen, damit er sich nicht selbst verflucht.
Zuckerkristalle liegen einzeln auf der Platte. In der Nachmittagssonne, die schräg über die Rainbow Bridge herüberscheint, glitzern sie. Irgendwo in der Ferne dröhnt das Horn eines Schiffes. Menschen strömen geschäftig vorbei zum Einkaufszentrum, an dessen Rand sie sitzen.
Taichi nickt und zuckt gleichzeitig mit den Schultern.
„Ganz gut“, sagt er und fährt sich durch die Haare. Nicht auf die gute ‚Ich weiß, wie geil meine Haare sind und muss sie daher regelmäßig durchflauschen‘-Art. Eher verstockt. Ratlos. Verzagt.
„Ich mach viel Unisport. Die Fußballmannschaft ist echt gut. Manchmal geh ich mit Leuten weg.“
„Leuten“, wiederholt Yamato fragend.
„Hm ja. Leuten.“

Taichi rührt gedankenverloren in seinem Latte Irgendwas herum. Seine Finger streifen den Keks am Rand des kleinen Tellerchens.
„Wir haben gegen Shinagawa gespielt und gewonnen.“ Er lächelt nervös. Sein Blick flackert hoch zu Yamato, und wieder herunter.
Über ihnen gibt der Rabe einen kleinen, gurrenden Laut von sich.
„Wir waren zum Clubbing in Roppongi. Ziemlich oft sogar. Ein Kommilitone kennt da jemanden, der jemanden kennt, der uns auf die VIP-Gästeliste setzen konnte. Völlig ohne Anstehen.“
Yamato piekt in seinem Käsekuchen herum. Nicht, weil ihm langweilig ist, sondern weil er auf das Fitzelchen wartet, das die Bombe platzen lässt.

Nichts anderes kann das sein.
Warnsignale gab es genug.

Taichis Wortwahl, als er nach dem Treffen fragte („Lass mal in unserem Ex-Stammcafé treffen. Für die Nostalgie und bevor wir es nicht mehr können.“ – ohne Smiley).
Taichis Bestellung, die kein Essen enthielt, obwohl er den Kuchen hier liebt. 

„Komm schon“, sagt Yamato schließlich und legt klirrend die Gabel weg.

„Irgendwas ist doch. Spuck's aus.“

„Nix ist los.“
Taichi lächelt in seinen Kaffee.

Die Sonne scheint auf seine Wuschelhaare und beleuchten seine dunklen Augen, als hätte irgendwer darin ein Licht angeschaltet und seine Lippen sind kaffeefeucht und geschwungen und dann muss Yamato wieder daran denken, warum er Taichi in Wirklichkeit aus dem Weg geht.

„Ich wollte dich nur mal sehen. Nachdem...naja.“

„Nachdem was?“

„Nachdem ich neulich einen über den Durst getrunken habe und quasi einen Tag später im Krankenhaus mit einer Nadel im Arm aufgewacht bin, dachte ich, ich melde mich mal.“

Das sitzt. Yamato würde die Kuchengabel aus der Hand fallen, wenn er sie nicht schon längst abgelegt hätte. Sein Mund ist offen.
Im Baum sitzt der Rabe und kichert.
Auf gespenstische Art und Weise wartet Yamato darauf, dass das Vieh „Nimmermehr“ herunterkrächzt.

„Guck nicht so“, beeilt Taichi sich zu sagen.

„Es war nur Kochsalzlösung. Von wegen Dehydrierung und so. Aber sie meinten...naja, ich hätte halt nicht mehr so viel mehr trinken können.“

Yamato schluckt.
„Warum hast du das gemacht?“, will er wissen.

„Yama.“

„Nein, erzähl's mir.“
Er verschränkt die Arme.

„Wenn du mir schon eröffnest, dass du so dumm warst, dich um ein Haar umzubringen, kannst du mir auch gleich den Grund erzählen.“

Er weiß, dass er unfair und hart ist. Kantig und kalt wie ein Stein.
Den Vergleich hat Takeru einmal gebracht, ganz so, als würde er das selbst nie tun.
Es sind Ishida'ische Gene, und nur weil Takeru jetzt einen anderen Namen hat, kann er die nicht verleugnen.

„Ich wollte das ja nicht“, wehrt Taichi sich leise.

„Ich wollte nur... Es war halt 'ne Überdosis. Wie du schon sagst: Eigene Dummheit.“

„Du bist einundzwanzig Jahre alt. Ich weiß, dass du schon mal besoffen warst bevor du es offiziell durftest, also erzähl mir nicht, dass du nicht weißt, wieviel du verträgst.“
Yamato beugt sich vor.
„Sind es die Fußballtypen? Hat dich irgendwer bedrängt?“

„Was? Nein!“

Taichi sieht sich nervös um und scheint zu prüfen, ob ihm irgendwer zuhört.
Dann lässt er die Schultern hängen und rührt wieder in seinem Kaffee herum.

„Ich vermisse euch, okay.“
Und beißt sich auf die Unterlippe.

„Ihr seid in alle Himmelsrichtungen verstreut und ihr habt alle nie Zeit... Du hast nie Zeit.“

„Willst du damit etwa sagen, dass du einsam bist?“
Jetzt krächzt der Rabe, und sie zucken beide zusammen.

„Halt den Schnabel!“, ruft Yamato zu ihm herauf.
„Keiner hat dich gefragt!“

Für den Bruchteil einer Sekunde überlegt er, mit dem Zuckerstreuer zu werfen. Doch dann muss er ihn sicherlich bezahlen.

„Und wenn es so ist?“, sagt Taichi, und Yamato hätte es fast nicht gehört.

Er stellt den Zuckerspender wieder auf den Tisch und holt tief Luft.

Aber bevor er etwas sagen kann, kommt Taichi ihm zuvor.
„Hikari hat mal gesagt, dass man sich Hilfe holen soll, wenn man alleine nicht weiterkommt.“

Und hier ist er: Um Hilfe bittend.

Yamato weiß nicht, was er sagen soll.
Vielleicht so etwas wie 'Aber du bist nie jemand, der Hilfe braucht!'
Oder: 'Was ist nur mit dir passiert, dass es so weit kommen musste? Du warst doch nie so!'
Oder: 'War das Vermissen für dich genauso schlimm wie für mich?'

Weil aber nichts davon das erste ist, was man zu jemandem sagt, der sich verloren hat, lässt er es. Er fasst vorsichtig nach Taichis Hand über dem Tisch.

„Typisch du“, murmelt er, aber lächelt.
„Instinktiv tust du immer das Richtige. Komm nachher mit zu mir und dann lassen wir uns was einfallen, ja?“

Das ist der Moment, in dem zwei Tische weiter jemand sein Colaglas fallen lässt. Das Klirren ist so laut, dass der Rabe im Baum sofort Reißaus nimmt. Seine Flügel rauschen in der Luft.
Blödes Vieh.

„Danke“, flüstert Taichi.

„Gibst du mir was von deinem Käsekuchen ab?“

Ein erstes gutes Zeichen.

Date: 2016-09-30 10:25 pm (UTC)
From: [identity profile] nebel-kraehe.livejournal.com
Oohhh, Taito *___*
Die Atmosphäre in der fic ist so dicht und unangenehm und man spürt richtig wie fremd die beiden sich geworden sind, obwohl sie es nicht wollten, und wie schwierig ist für sie ist, wieder zurück zu finden.
Und ich liebe das name-dropping der anderen Digiritter, an denen sie immer noch hängen, egal wo sie gerade sind…
Sehr schöne fic <333

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