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Team: Slytherin
Challenge: Fantasy – Prophezeiung (für mich)
Fandom: Original
Inhalt: Rasia sieht sich mit interkulturellen Missverständnissen und wahrsagenden Tanten konfrontiert.
Anmerkung: Teil 4 von 8


(Teil 1) - (Teil 2) - (Teil 3)




Bethany wurde an ihrem besonderen Abend von unzähligen Menschen begrüßt und bequatscht und unglücklicherweise hatte niemand der Anwesenden den Anstand, mich an ihrer Seite einfach zu übersehen und zu ignorieren.

Nein, offenbar sahen es irgendwelche dämlichen Höflichkeitsfloskeln vor, den armen Teufel mit grenzenloser Dummheit zu belästigen, als gäbe es kein Morgen.

Am Anfang der Party war ich noch mit einigen Todesblicken gut darum herumgekommen. Ein paar böse funkelnde Augen und die verunsichert-verängstigten Gäste hatten sich rasch von mir zurückgezogen. Hier und da hatte es zwar einige lebensmüde Exemplare gegeben, aber im Großen und Ganzen hatte man mich in Ruhe gelassen.

Aber irgendwann im Laufe des Abends – vermutlich begünstigt durch den steigenden Alkoholpegel – hatte die Mehrheit offenbar entschieden, dass der Hass und die Abscheu in meinen Zügen bloß ein großes Missverständnis war und dass dieser Gesichtsausdruck einfach die Art und Weise war, wie ich durchs Leben ging.

Schnell sah ich mich von zahllosen Verwandten umzingelt, die mich mit nervigen Fragen bombardierten. Wo kommst du her? Woher kennst du denn unsere kleine, süße Bethany? Bist du auch eine Hexe, so wie der Rest der Familie? Gibt es einen bestimmten Grund, dass du dem Geburtstagskind heute Abend keine Sekunde von der Seite weichst?

Gerade die letzte Frage wurde stets mit einem breiten Grinsen begleitet und mehr denn je wünschte ich, dass es möglich wäre, diese ganze Sippschaft brutal auszulöschen, ohne dabei gleichzeitig meine Mutter mit zu verärgern.

„Ignorier' sie einfach“, riet Bethany mir, nachdem mir ein weiterer Onkel zweiundzwanzigsten Grades genau dieselben, unoriginellen Fragen gestellt hatte wie alle anderen vor ihm. „Das tue ich den Großteil des Jahres auch.“

Ich zog meine Mundwinkel nach unten. „Ich verstehe sowieso nicht, was die an mir so interessiert. Hier laufen bestimmt Dutzende Menschen herum, die nicht zur Familie gehören, und keiner schert sich einen Dreck um sie.“

Bethany kicherte. „Na ja, von denen nennt mich auch keiner 'Schätzchen' oder 'Herzchen'.“

Ich hob meine Augenbraue. Irgendwie gefiel mir ihr Tonfall gar nicht. „Und?“

Bethany schüttelte ihren Kopf, offensichtlich sehr amüsiert angesichts meiner Ahnungslosigkeit. „Rasia“, sagte sie, beinahe schon bedeutungsschwanger, „die alle denken, dass du mein Date bist.“

Nun war ich mir ziemlich sicher, mich verhört zu haben. „Dein … Date?“

Bethany lachte vergnügt. „Für dich mögen diese ganzen Begriffe wie 'Liebling' ja schreckliche Beleidigungen sein, aber für uns bedeuten sie etwas anderes.“

Ich verzog mein Gesicht. „Das ist doch nicht dein Ernst?“

Bethanys Augen funkelten. „Du hast mich eben vor meiner Tratsch-liebenden Cousine 'Liebe meines Lebens' genannt“, stellte sie fest. „Vermutlich sind sich schon einige meiner Verwandten am fragen, wann wir zusammen das Hochzeitsgeschirr aussuchen.“

Ein paar dieser Worte machten zwar für mich keinen wirklichen Sinn, aber ich verstand den großen Zusammenhang durchaus. Und ich hätte es nie für möglich gehalten, dass dieser Abend noch schlimmer kommen könnte, als er begonnen hatte, aber anscheinend hatte ich falsch gelegen.

„Zwei meiner Tanten haben dich nach deinen Absichten gefragt“, erinnerte Bethany mich. „Was hast du denn geglaubt, worüber sie reden?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Das übliche eben. Ob ich die Absicht habe, alle in diesem Saal umzubringen und ihre hässlichen Seelen in die Hölle zu schleifen.“ Ich schnaubte. „Wer denkt denn bei so etwas an Dates und Hochzeiten?“

Bethany verdrehte ihre Augen. „Jeder vernünftig denkende Mensch.“

Ich bezweifelte, dass es so etwas wie einen vernünftig denkenden Mensch überhaupt gab, somit erübrigte sich das Ganze auch für mich.

„Und du hast nichts getan, um die Gerüchteküche zum abkühlen zu bringen?“, hakte ich grummelnd nach.

„Es kommt mir ganz gelegen“, erklärte Bethany. „Hier sind einige Söhne reicher Geschäftspartner, die schon seit Ewigkeiten versuchen, mich für sich zu gewinnen. So lässt mich der Großteil wenigstens in Ruhe.“ Sie lächelte. „Außerdem bist du heiß, also kann ich mit dir angeben.“

Ich runzelte irritiert die Stirn. „Ich bin ein Teufel“, erinnerte ich sie. „Natürlich bin ich heiß! Hitze ist der Inbegriff der Hölle.“

Abgesehen von den Höllenbezirken 378-465, wo schon seit Jahrtausenden eine unerträgliche Eiszeit herrschte und bisher noch niemand herausgefunden hatte, wie man das wohl abstellen könnte. Irgendwann hatte offenbar ein Idiot den falschen Knopf gedrückt, ohne vorher die Gebrauchsanweisung genau durchzulesen.

Dasselbe war auch mit den Höllenbezirken 798-814 geschehen, wo aus irgendeinem unerfindlichen Grund irgendein Narr mal auf die bescheuerte Idee gekommen war, die Schwerkraft auszuschalten.

Bethany seufzte schwer. „Da will man dir mal ein Kompliment machen und du verstehst es nicht“, beschwerte sie sich. „Was wird denn bei euch in der Hölle als nette Geste gewertet? Wenn ich dich jetzt als 'schreckliche Giftspritze, die ich auf den Tod nicht ausstehen kann' bezeichnen würde?“

Ja, ich musste zugeben, so etwas Romantisches hatte mir schon lange niemand mehr gesagt.

Schade, dass es von jemanden kam, der das nicht mal ansatzweise zu würdigen wusste.

Doch bevor ich dazu kam, ihr gebührend zu antworten, tauchte plötzlich eine kleine, runzlige Frau mit feuerroten Haaren direkt neben uns auf, ihre Lippen zu einer seltsamen Linie verzogen, das wohl irgendwie ein Lächeln darstellen sollte.

„Tante Olivia“, sagte Bethany, ihr Tonfall alles andere als begeistert. „Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass du auch hier bist.“

Olivia betrachtete mich intensiv, als sie sagte: „Ich kann doch nicht den Tag verpassen, an dem die Prophezeiung endlich Realität wird.“

Ich beäugte sie skeptisch, aber Bethanys genervte Miene machte es mehr als deutlich, dass dieses Persönchen schon öfters solch merkwürdige Dinge von sich gelassen hatte.

„Natürlich konntest du das nicht“, murmelte Bethany. „Was ist es diesmal? Stand es in den Sternen, dass mein Vater heute über seine eigenen Füße stolpert? Oder dass Onkel Ethans Deodorant versagt?“

Olivia trat näher an Bethany heran – oder eher gesagt, sie trippelte, offenbar aufgrund ihres viel zu engen Kleides außerstande, größere Schritte zu machen – und nahm die Hand des Mädchen in die ihre.

„Nein, mein Schatz“, sagte Olivia. „Heute ist der Tag, an dem du sterben wirst.“

Ihr Tonfall war derart dramatisch, es fehlte nur noch etwas passende Musik im Hintergrund. Zumindest etwas anderes als die superfröhliche Volksmusik, die gerade von dem Mann, den Bethany zuvor als 'DJ' tituliert hatte, gespielt wurde und irgendwie gerade die ganze Atmosphäre ruinierte.

Bethanys Augen waren währenddessen auf das doppelte gewachsen. „Du … du wusstest Bescheid?“, fragte sie empört nach.

„Seit dem Tag deiner Geburt“, sagte Olivia und klang dabei irgendwie deplatziert stolz. „Mir war von Anfang an klar, dass du am Tage deines achtzehnten Geburtstags einen grausamen und blutigen Tod finden würdest.“

Das klang wirklich endlich mal nach einer Party nach meinem Geschmack.

Bethany hingegen schien diese Ansicht nicht zu teilen. Ihr Gesicht war inzwischen kalkweiß geworden, während sie ihre Tante entsetzt anstarrte. In den letzten Stunden hatte sie es wohl erfolgreich geschafft, ihre grandiosen Tarotkarten irgendwie zu verdrängen (vielleicht hatte sie sich sogar auch tatsächlich selbst eingeredet, dass ich eher ein Date anstatt ihr Bodyguard war), aber nun brach wieder alles über ihr zusammen.

„Warum hast du nichts gesagt?“, zischte sie schließlich nach einer Weile des geschockten Schweigens. „Wieso hast du mich und meine Eltern nicht darauf vorbereitet?“

Olivia tätschelte ihre Wange in einer pseudo-besänftigenden Geste. „Das Schicksal ist nicht aufzuhalten, Bethany. Und wer möchte schon den Tag seines Todes weit im Voraus wissen?“

Bethany knirschte mit den Zähnen. „Und warum sagst du es mir jetzt?“

„Ich wusste nicht, ob du Bescheid weißt“, erklärte Olivia. „Ich wollte dir die Gelegenheit geben, dich von allen zu verabschieden. Und womöglich das letzte Mal einen intimen Moment mit deiner hübschen Freundin zu teilen.“

Ich verzog daraufhin angewidert mein Gesicht, hielt mich aber mit jedweden Kommentar zurück.

„Lebe einfach nochmal dein Leben ein letztes Mal in vollen Zügen, bevor es eine Minute vor Mitternacht für immer erlischt“, fuhr Olivia fort.

Bethany zuckte zusammen. „Warum eine Minute vor Mitternacht?“

Olivia öffnete den Mund, wahrscheinlich kurz davor, ihr eine Antwort zu geben, die die Worte 'Vorsehung' und 'unergründlich' enthielten, aber ich kam ihr zuvor, indem ich unbeeindruckt entgegnete: „Für den dramatischen Effekt. Es macht immerhin keinen Spaß für die Verantwortlichen, wenn alles unspektakulär über die Bühne geht.“

Ich schenkte Bethany ein aufmunterndes Lächeln, aber unverständlicherweise schien sie das nicht zu würdigen.

Stattdessen packte sie ihre Tante am Oberarm und zischelte: „Du sagst mir jetzt ganz genau, was du weißt, haben wir uns verstanden?“


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