[identity profile] nessaniel.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Hufflepuff
Challenge: Romantik – aufeinander Rücksicht nehmen – fürs Team
Fandom: Crows Zero
Titel: Jigai
Inhalt: Tokio träumt von sich selbst und seinen Freunden in einer Filmwelt.
Anmerkung: Spielt nach dem ersten Film, also… Spoiler? XD Kurze Begriffserklärung: Jigai bezeichnet eine Form des rituellen Selbstmordes, Tantou sind kleine Dolche, die dafür verwendet werden. Ich schwöre, es ist nicht so finster, wie es hier klingt!!!


Jigai

Er fühlt sich, als würde er einen Film anschauen. Nach langem Kampf und noch längerer dramatischer Redepause prallen die zwei Kriegsherren endlich aufeinander, doch statt Baldachine aus Seide und jadebestickter Gewänder ruht über Tamaos Kopf nur der blaue Himmel und seine Uniformjacke hat Risse an den Schultern, während er sich über den selbstgebauten Grill beugt und in Fleisch und Gemüse sticht.

Tokios Großmutter schaute sich früher immer solche Filme an. Sie lag im Bett, hielt Tokios Hand in ihrer und seufzte beim Anblick der Schauspieler in ihren grellfarbigen Gewändern, wenn sie altertümlicher Sprache benutzten und Kanji auf bleichen Schriftrollen zeigten, die Tokio nicht lesen konnte.

Jetzt liegt er selbst auf einer alten, durchgesessenen Couch und wartet darauf, dass die Kopfschmerzen endlich aufhören. Seine Großmutter konnte nach einer Weile auch nicht mehr alleine essen und Tokio ist gerade ganz froh, dass ihn niemand bittet, eine Schale Reis festzuhalten.

Er ist auf dem Weg hierher zusammengeklappt. Das Schuldach gehört nun Genji, also hat Tamao sein neues Lager auf dem Gelände einer ehemaligen Tankstelle aufgeschlagen. Es ist nicht weit weg von der Schule und die Couch, halb zerfressen von Motten und was auch immer sonst noch unter den Polstern rumort, ist immerhin besser als umgedrehte Pappkartons und Flaschenkisten.

Um Tokio herum herrscht aufgeregtes Gewühl. Tokaji schiebt Stühle zusammen und sortiert diejenigen aus, aus denen besonders krumme Nägel sprießen. Er murmelt dabei vor sich hin, wessen Arsch er gern auf welchem Nagel sähe, doch er trägt immer noch die Augenbinde, weil Izaki ihm fast ein Lid abgerissen und ihn fair besiegt hat und deshalb schleppt er Hocker und Kisten und tut, was Tamao sagt.

Die Zwillinge stehen etwas weiter vor ihm und zerren einen Besen über den Asphalt. Warum überhaupt den Boden fegen, denkt Tokio. Als ob Genji und seinen Kumpanen so etwas auffallen würde, als ob Makise sich hinknien und mit den Fingern durch Gras und Glassplitter fahren würde, um dann zu beschließen, dass sein Herr und Meister Genji hier nicht entlang gehen darf.

Tokio fängt an zu grinsen, breit und schmerzhaft, als hätte ihm jemand Angelhaken in die Mundwinkel geschoben und würde nun kräftig ziehen.

Die Kopfschmerzen lassen nicht nach und durch Tokios Gehirn schwimmen weitere Farbkleckse aus Filmen, die sich über die Gesichter seiner Freunde legen. Tamao trägt Gold und Grün, Tokaji stirbt auf dem Schlachtfeld, sehr heroisch, Izaki hantiert mit Schwarzpulver und Genji ist gehüllt in einen Mantel aus Chrysanthemen.

Wie erbämlich, denkt Tokio, dass er in seinem eigenen Schwächetraum nicht einmal selbst der Held ist.

Jemand berührt ihn an der Schulter. Tokio blinzelt. Er weiß nicht, wann er die Augen geschlossen hat, aber er braucht eine ganze Weile, bis er seine flatternden Lider wieder unter Kontrolle hat.

Tamao beugt sich über ihn. "Bist du wach?", fragt er, als habe Tokio bloß ein Schläfchen gehalten, als sei er nicht wie ein nasser Klumpen Udon, der einem zwischen den Stäbchen durchrutscht, auf den Boden vor dem Kombini geklatscht. Als hätten sie ihn nicht tragen müssen, weil Tokio weder Augen noch Füße bewegen konnte.

"Ich hab nicht geschlafen", antwortet Tokio und dreht den Kopf weg. Das Polster beschwert sich unter ihm, drückt jede seiner Cordstoffrillen gegen Tokios Verband und direkt in sein Hirn hinein. "Wie auch, bei dem Theater."

Er deutet mühsam auf die Zwillinge und auf Tokaji, der gerade dabei ist, die Rückenlehne von einem besonders hartnäckigen Stuhl abzureißen.

"Soll ich sie wegschicken?" Tamaos Stimme plätschert über ihn hinweg wie ein sanftes Lüftchen, ein Schauer aus frisch vom Baum gewehten Blättern, die sich zärtlich auf Tokios Schultern und sein Haar legen.

Gerade jetzt macht ihn diese Sanftheit rasend. Er schnaubt und setzt sich auf, der Schwindel schüttelt ihn voller Häme. Tamao streckt die Hand nach Tokios Körper aus, doch er überlegt es sich im letzten Moment anders und vergräbt seine Finger tief in seinen Hosentaschen. Tokio hätte ihn wahrscheinlich gebissen, wenn er ihn berührt hätte.

"Fegst du deine Tankstelle dann selbst?", hört er sich sagen, biestig und voller Schmerzen. Es tut ihm leid, eine Sekunde nachdem er den Mund wieder geschlossen hat, will er es schon wieder zurücknehmen und sich entschuldigen, aber er bekommt sowieso kaum Luft. Tamao hat es nicht verdient, dass er seinen Frust an ihm auslässt.

Ein weiteres Filmbild schwappt in ihm hoch, von ihm selbst diesmal, in teure Yukatas gehüllt, mit verkniffenem Gesicht und kränklich, bleich, hustend, näselnde Stimme, Blutgeld in beiden Fäusten - natürlich wäre er der Verräter.

Seine Kehle zieht sich zu und er wagt es nicht mehr, Tamao anzusehen. Wenn er nicht zu schwach wäre, um von diesem beschissenen Sofa aufzustehen, würde er nach Hause gehen und Tamao nicht weiter nerven. Dort könnte er auch in Ruhe heulen und niemand müsste Rücksicht auf ihn nehmen.

Tamao scharrt mit den Füßen und schnaubt schließlich.

"Soweit kommts noch. Wenns dem Prinzen Genji hier nicht hübsch genug ist, dann kann er sich gleich wieder verpissen."

"Ich kapier sowieso nicht, warum du ihn herbestellt hast."

Das ist auch neu zwischen ihnen. Dass Tokio nicht mehr durchschaut welche Pläne Tamao verfolgt. Manchmal fragt er sich, wie viel genau sie aus seinem Kopf geschnitten haben und ob er nur noch eine leere Hülle ist, angefüllt mit geklauten Dias aus Filmen, die sich an Tamao hängt, weil sie nicht weiß wohin sie sonst gehen soll.

Er wird an diesen Gedanken noch ersticken. Er richtet seinen Blick wieder auf Tamao, der ihm ausweicht und eine Zigarette aus der Tasche zerrt.

"Naja", sagt er. "Ist alles ein bisschen anders diesmal. Da kann ich den Sack auch zum Essen einladen."

"Was meinst du?"

Tamao schüttelt leicht den Kopf und streicht sich dann die Haare aus dem Gesicht. Er trägt sie offen, seit ein paar Tagen, ohne Gel und gekämmt hat er sie wahrscheinlich auch nicht. Sie sind stumpf vom Staub, der sich auf sie gelegt hat. Asche und Dreck vom Film-Schlachtfeld in Tokios Kopf.

"Das ist kein normaler Frieden", sagt Tamao. Er zuckt die Schultern und deutet mit dem Kinn auf die Zwillinge, die den Besen mittlerweile entzwei gebrochen haben und sich ein wildes Gefecht liefern. "War ja auch kein normaler Kampf."

"Hasst du ihn nicht?"

"Nee", sagt Tamao. Und dann wird sein Ausdruck plötzlich sehr viel sanfter und ein winziges bisschen spöttisch. So haben Tokio auch die Krankenschwestern angesehen wenn er mit Schmerzmitteln zugedröhnt war und nur Blödsinn erzählt hat. Es hat ihm nicht besonders gut gefallen und bei Tamao tut es das noch weniger.

"Hab was anderes im Kopf gehabt."

"Und was?"

Tamao pafft zweimal und bläst den Rauch weit in den Himmel hinauf.

"Dich zum Beispiel?", sagt er dann in die Wolke hinein.

Tokio ist froh, dass er sitzt, denn er spürt diese Antwort wie einen Schlag in die Magengrube. Sie vibriert hinter seinen Augen nach bis er Tamao so klar vor sich sieht wie noch nie zuvor. Seine Augen, seine Hände, sein Haar, seinen Mund.

Er hat ihn noch nie geküsst, schießt es Tokio durch den Kopf. Warum sollte er, schiebt er hastig hinterher und grinst sein krankes, beschädigtes Grinsen.

Tamao schaut ihn lange an, als würde er auf eine Antwort warten. Als er keine bekommt schüttelt er den Kopf und stößt Tokio mit der Faust gegen die Schulter.

"Schlaf noch ein bisschen. Wirst schon merken, wenns was zu Beißen gibt."

Er lächelt nochmal, dann dreht er sich um und schreit die Zwillinge an, dass er ihre Köpfe auf den Besenstielen aufspießen wird, wenn auch nur eins seiner Fleischstücke angebrannt ist.

Tokio bleibt auf dem Sofa sitzen und schaut zu. Sein Kopfkinofilm kommt zum Höhepunkt und diesmal spielt er selbst die Hauptrolle.

Er sieht sich eingesperrt im hintersten Zimmer einer Burg, voller Sehnsucht in den Garten starrend und ängstlich auf die Geräusche hinter der Papiertür lauschend. Ein Tantou liegt neben ihm, ein Seidenband ist um seine Knie geschlungen. Er zittert, seine Hände und sein Hals sind bereit für Gewalt und Blut – und dann geht die Tür auf und Tamao steht davor in einer blutbefleckten Rüstung und schlägt ihm den Dolch aus der Hand, schneidet das Seidenband auf und zieht ihn in seine Arme.

Tokio ist nicht der Verräter in seinem eigenen Film.

Er ist die Prinzessin.

Date: 2016-09-02 06:13 am (UTC)
From: [identity profile] cricri-72.livejournal.com
Oh, das ist wunderschön geschrieben - ich hab's gleich zweimal lesen müssen. Und das Ende ist wirklich stark! ♥

Außerdem: Weltherrschaft! :D

Date: 2016-09-05 09:42 am (UTC)
From: [identity profile] ayawinner.livejournal.com
Du kennst zwar meine GANZEN GEFÜHLE schon, aber egal. EGAL. Es ist ganz großartig, wie (your words!) "künstlerisch" es geworden ist, denn schließlich sind doch Tamao und Tokio unser Bildungsromanpärchen und das ist eine Tradition, die dringend noch zwei bis siebzig Jahre aufrecht erhalten werden sollte ♥

Tokio, der sich da auf seiner dreckigen Couch einen Kinofilm zusammenträumt, bricht mir das Herz. Ich finde die Übergänge so großartig und die Parallelen, die Tokio zieht, und dass er selbst nicht merkt, wenn er einschläft. Oder in Ohnmacht fällt. WÄHH alles ist schrecklich und alles ist wunderschön ♥ Er ist so schwach und so wütend und er hat halt auch allen Grund dazu, aber dann kommst du mit Tamaos geballter Sanftheit und Liebe und dem ganzen Chill, mit dem Tokio nicht klarkommt, und ALLES IST WUNDERSCHÖN UND TUT WEH.

wie ein nasser Klumpen Udon, der einem zwischen den Stäbchen durchrutscht, auf den Boden vor dem Kombini geklatscht
WOHER NIMMST DU DIESE VERGLEICHE ICH KOMM NICHT KLAR das ist so VIVID UND TROTZDEM SO SCHÖN ... wie soll ich sagen, man merkt, wie lächerlich Tokio sich selbst und seinen Gesundheitszustand und alles findet. WEISSTE. LIEBE!!!

um dann zu beschließen, dass sein Herr und Meister Genji hier nicht entlang gehen darf.
Tokio thinks he's joking but Makise would do that. He totally would. Absolutely.

Das ist auch neu zwischen ihnen. Dass Tokio nicht mehr durchschaut welche Pläne Tamao verfolgt. Manchmal fragt er sich, wie viel genau sie aus seinem Kopf geschnitten haben und ob er nur noch eine leere Hülle ist, angefüllt mit geklauten Dias aus Filmen, die sich an Tamao hängt, weil sie nicht weiß wohin sie sonst gehen soll.
ICH HAB DAS ALLES IN DER FALSCHEN REIHENFOLGE KOPIERT GRADE ABER ICH LIEBE DIESEN ABSATZ SO!!!!!!! ;___;

"Dich zum Beispiel?", sagt er dann in die Wolke hinein.
BURY ME WITH THIS. PLEASE.

ICH LIEBE (wie immer ABER!!! DENNOCH!!) ALLES, und ich will auch dass sie rumknutschen!!!!!!!!! BITTE ;___;!!!

Außerdem: Tokaji und die Zwillinge, die fleißigen mürrischen Aufräumhelfer, aww, ich hoffe Tokaji lässt noch ein, zwei Stühle mit fiesen Nägeln da stehen, aus Versehen natürlich. Er braucht auch ein bisschen Spaß im Leben.

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