(no subject)
Oct. 18th, 2007 09:11 pmUnd endlich mal wieder was von meiner Seite aus...
Fandom: Naruto (AU)
Challenge: #2 "Oh Gott,ich er wird sterben..." - So verfehlt habe ich noch nie... Aber die Grundidee hat mal gepasst.
Kommentar: Ja, heute ging es irgendwie so gar nicht mit meiner Entscheidungsfreudigkeit. Zuerst sollte es ein Original werden, dann habe ich mich doch für Naruto entschieden, aber Namen gibt es trotzdem keine. <3
Irgendwie merkt man, dass ich gerade Berlin Alexanderplatz lese.
Regungslos verweilte er noch einige Sekunden, ehe er in eine beliebige Richtung ging, ohne sich umzusehen, wohin sein Weg führen würde. Er hatte kein Ziel, warum also lange die Richtung überlegen?
Fandom: Naruto (AU)
Challenge: #2 "Oh Gott,
Kommentar: Ja, heute ging es irgendwie so gar nicht mit meiner Entscheidungsfreudigkeit. Zuerst sollte es ein Original werden, dann habe ich mich doch für Naruto entschieden, aber Namen gibt es trotzdem keine. <3
Irgendwie merkt man, dass ich gerade Berlin Alexanderplatz lese.
Es hätte regnen sollen.
So unpassend erschien es, dass es ein sonniger Tag war, nicht Nacht. Das er die Vögel wenige Minuten zuvor noch hatte hören können, voller Lebensenergie. Und er selbst sich so gar nicht danach fühlte.
Mit einem unwilligen Geräusch durchwühlte er seine Jacke nach Zigaretten, doch als er die Packung öffnete, zitterte seine Hand. Der schmale gegenstand entglitt ihm und er starrte dumpf auf die Erde, unfähig sich zu rühren, ohne Anstalten zu machen, nach einer weiteren zu greifen. Seine Hand zitterte noch immer. Aber seine Konzentration galt einzig und allein dem weißen Fleck auf schwarzem Untergrund, nichts sonst.
Es war vollbracht.
Nach all den Jahren.
Er war allein.
Die Reporter loszuwerden war weniger ein Problem, als er vermutet hätte. Der Fall hatte jede Menge Aufmerksamkeit auf sich gezogen, aber das galt hauptsächlich, solange er lief. Das Urteil war gefällt worden und obwohl er viele Fragen gestellt bekommen hatte „Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?“ „Wie fühlen Sie sich, jetzt, da Sie ihren Bruder endlich hinter Gitter gebracht haben?“ „Was werden Sie jetzt tun?“ galt die allgemeine Aufmerksamkeit eher dem Wort des Richters und dem der Geschworenen.
Zu entkommen war nach dem ersten Ansturm ganz leicht. Und es war ihm egal gewesen, wohin er ging, solange er hatte gehen können. Vielleicht könnte man vermuten, dass auf seinem Gesicht nur nicht das Zeichen von Schwäche hätte gesehen werden sollen, doch das wäre eine trügerische Annahme gewesen, die ihn höchstens ein bitteres Lächeln gekostet hätte.
Er hatte nichts zu verbergen, absolut nichts. Er war absolut offen – und absolut leer.
Noch nie in seinem Leben hatte er sich so absolut Nichts gefühlt.
Den Moment an sich hatte er sich schon so lange ausgemalt. Er hatte überlegt, ob er weinen würde, ob er lachen würde, ob er einfach nur unberührt wäre – ein weiterer Punkt auf seiner Liste abgehakt, Frau Yamanushi, den nächsten Termin bitte. Nie war er davon ausgegangen, dass er sich so fühlen würde. Das er sich nicht fühlen würde.
Immer noch starrte er auf die Zigarette, ehe ihn ein lautes Knallen einer Autotür wieder in die Gegenwart zurückholte. Nach einer weiteren Sekunde der Orientierung stopfte er die Schachtel zurück in seine Jackentasche und richtete seinen Anzug.
Es war bereits beginnender Winter und die Temperaturen ließen einen das auch spüren, selbst wenn noch kein Schnee gefallen war. Aber in Tokio fiel ohnehin selten Schnee. Er hatte auch nicht damit gerechnet.
Unentschlossen trat er ein wenig nach vorne, wusste dann aber nicht, wohin er sich wenden sollte und blieb wieder stehen. Hatte er einen Platz, an dem er nun sein wollte?
Er stellte fest, dass er es nicht wusste.
Er stellte fest, dass er es nicht wusste.
Nie würde er das Gesicht seines Bruders vergessen.
Sie hatten ihn nicht gefesselt zu der Verhandlung gebracht, das war nicht nötig gewesen. Er hatte keinerlei Widerstand geleistet. Wie auch – wo doch längst alles zu spät gewesen war? Obwohl ein großes Spektakel, war der Prozess nichts weiter als Formsache und sie alle hatten es gewusst. Der Ankläger, der Angeklagte, der Richter. Die Geschworen. Sogar die Reporter. Es hatte niemanden davon abgehalten, seine Rolle zu spielen.
Nur er war natürlich aus dem Raster gefallen.
Mit diesem unbewegten Gesicht, der gleichgültigen Miene, die stets auf dem Sprechenden weilte, keine Sekunde zu lange an seinem Gesicht hängen blieb… Seine Miene war ausdruckslos und ruhig gewesen, ohne ein erkennbares Zeichen von Angst, Schuld oder Reue. Ein Ruhepol inmitten von all dem hektischen Verhandeln.
Wie so oft hatte er sich nicht abwenden können.
Sein Blick bei dem Plädoyer hatte ihm gegolten. Seine Rede hatte ihm gegolten, war Anschuldigung und Versuch von Verständnis zugleich gewesen. Die Masse war unwichtig, es zählte nur er.
Aber dem Angeklagten war es nicht erlaubt, auf das Schlussplädoyer zu antworten. Der Richter hatte sein Urteil gefällt, Prozess beendet, Akte geschlossen.
Sie hatten nicht einmal mit einander geredet. Alles, was sie hatten, waren die stummen Blicke während der Vernehmung. So viel und doch so wenig.
Regungslos verweilte er noch einige Sekunden, ehe er in eine beliebige Richtung ging, ohne sich umzusehen, wohin sein Weg führen würde. Er hatte kein Ziel, warum also lange die Richtung überlegen?
Sein Verstand fieberte noch immer dem Prozess hinterher. Sie hatten – er hatte – nicht erfahren, warum sein Bruder es damals getan hatte. Warum er ihre Eltern in dieser Nacht, als sie von der Oper zurückkehrten, getötet hatte.
Damals… das war nun fast 18 Jahre her. Mehr als das Doppelte seines damaligen Lebens. 18 Jahre. Eine schöne Zahl. Man konnte in dieser Zeit erwachsen werden. So lange.
Aber Mord verjährte nie.
Er wusste noch immer, wie er sich damals gefühlt hatte. Von einem Freund nach Hause zu kommen und nicht von lächelnden Gesichtern, sondern von leblosen gebrochenen Augen begrüßt zu werden. Sein Bruder hatte auf dem Balkon gesessen und geraucht, die erste Zigarette seines Lebens, die dunklen Augen in weite Ferne gerichtet. Unnahbar. Unansprechbar.
Automatisch tastete er nach der zerknüllten Schachtel in seiner Tasche, als müsste er sich davon überzeugen, dass sie noch immer dort war.
Nur ein Abbild. Nur eine weitere schlechte Angewohnheit, die er bald von seiner Liste streichen lassen würde. In seinem Büro herrschte eigentlich ohnehin Rauchverbot.
Nicht, dass sich je jemand daran gehalten hätte, natürlich.
Was nun? Die Frage tauchte in seinem Kopf auf. Sie war nicht neu und er widmete ihr deshalb nicht die Beachtung, die sie vielleicht verdient hatte. Nur Hupen im Hintergrund, als er eine Ampel bei Rot überquerte, vorbeizog an ungeduldigen Passanten, die sich wenig um menschengemachte Regeln scherten. Sie würden keine Strafe erhalten.
Taten sie es deshalb? Weil sie das wussten?
Der heutige Tag war sein einziges Lebensziel gewesen. Sein Bruder war damals geflohen und erst heute – nach 18 Jahren, in denen sie ihn vergeblich gesucht hatten – verurteilt worden. Manche Dinge verjährten eben nie.
Das sie ihn gefunden hatten, war nur Zufall gewesen und das wusste niemand besser als er selbst. Vielleicht hatte sein Bruder genug gehabt von diesem Versteckspiel. Vielleicht bereute er. Vielleicht hatte er auf ihn gewartet.
Es war zu einfach gewesen.
Er hatte Jura studiert, hatte sich abgerieben, war angeeckt, gefallen, wieder aufgestanden, hatte gekämpft. 18 verdammte Jahre lang. Für einen Tag.
Heute.
Es war vorbei.
Die Frage war nutzlos ohne Antwort. Man würde schon sehen.
Leben war einfach, ungeachtet dessen, was manche Leute glaubten.
Er merkte, wie ihm warm wurde. Es war noch immer sehr kalt draußen, aber die Sonne, welche direkt auf ihn schien, spendete genug Wärme. Fast war er versucht, das Jackett auszuziehen. Es fühlte sich falsch sein. Ende Oktober sollte es nicht mehr warm sein.
Ob er wohl Berufung einlegen würde? Er könnte, ohne Zweifel. Sein eigener Bruder hatte die Anklage geführt, eine Tatsache, die lange und ausgiebig diskutiert worden war, in der Kanzlei, in den Medien, vor Gericht.
Es würde keine Objektivität bestehen, hatte man ihm gesagt.
Objektivität. Beinahe hätte er dem schmierigen kleinen Mann von der Verteidigung ins Gesicht gelacht. Objektivität. Das Wort hatte einen bitteren Nachgeschmack. Was war schon objektiv auf dieser Welt? Rationalität? Eine Illusion.
Real war das jetzt. Real war der Richterspruch. Todesstrafe. Zu vollstrecken in zwei Monaten.
Real war die lang anhaltende Stille im Saal, das Toben der Reporter außerhalb dieser grabesstillen Zone.
Er war nun frei. Frei sein hatte er sich angenehmer vorgestellt.
Warum verließen Vögel ihren Käfig nicht, selbst wenn man die Türe offen stehen ließ?
Als sich sein Blick schließlich nach oben wandte, als er ein Hindernis vor sich wahrnahm, musste er feststellen, dass er zum Gefängnis gegangen war. Beinahe automatisch legte sich seine bleiche Hand auf den kalten Stein der Mauer vor ihm. Irgendwo dahinter… irgendwo dort war er.
Und es fühlte sich nicht an wie eine kalte Mauer, es fühlte sich an wie eine Verbindung.
Als könnte er es wissen… wissen, dass er hier stand und alles an ihm danach strebte, diese Mauer zu überwinden. Sie hatten während der Verhandlung nicht miteinander geredet. Weil sie sich nichts mehr zu sagen hatten?
Nein, genau deshalb nicht.
Nein, genau deshalb nicht.
Sie durften einander nichts mehr sagen. Er war nun 30 Jahre alt. Es war vorbei.
Wieder ein zwitschernder Vogel. Seine Hand löste sich von der Mauer, Taubheit hatte sich bereits in ihr ausgebreitet. Er legte den Kopf in den Nacken, blinzelte gegen das blendende Blau an. Sekundenlang schloss er die Augen.
Er wandte sich um und ging, entfernte sich von dem Gefängnis, das ihn stumm von sich ziehen ließ. Es fühlte sich an wie sein stechender Blick, mitten in seinem Rücken. Mit einer Hand kramte er die zerknüllte Packung hervor und zündete sich eine Zigarette an. Sie schmeckte ihm nicht. Zeit, mit ein paar Angewohnheiten zu brechen.
„Wirklich“, murmelte er, „es hätte regnen sollen.“
Seine Hand zitterte nicht mehr.