Challenge: H/C - Überdosis
Titel: Did you miss me?
Fandom: BBC Sherlock
Charaktere: Sherlock Holmes/James Moriarty (nur vage angedeutet)
Wörter: 1148
Warnung: Drogenmissbrauch, Angstzustände
Er musste ihn nicht ansehen um ihn zu erkennen, diese Stimme war zu markant und ging ihm durch Mark und Bein. Er würdigte ihn keiner Antwort. Sein Kopf fühlte sich schwer an, ebenso wie seine Zunge. Eine Antwort hätte eine unglaubliche Anstrengung bedeutet. War er die Anstrengung wert?
Nein.
Definitiv nicht.
Ja.
Vielleicht.
Nein.
Eine beinahe unwirkliche Stille hatte den Raum eingenommen. Hatte er ihn wirklich gehört? Oder war es nur das Echo der Bilder, die über den Bildschirm geflimmert waren? Die ihm auf Werbeplakaten und Zeitungen höhnisch entgegen grinsten? Er hielt seine Augen geschlossen, lauschte dem gelegentlichen Knarzen des hölzernen Dielenbodens und dem Knistern des Kaminfeuers, welches unheimliche Schatten durch den Raum tanzen ließ.
Dann, ganz plötzlich – Erneute Schritte. Langsam, getragen, und doch leicht, beinahe tänzelnd.
„Hast du mich vermisst, Sherlock?“
Die Schritte stoppten, als sie mit ihm auf Augenhöhe waren, ihm schien, als striche ihm jemand durch die dunklen Haare. Fahrig entschloss er sich, gegen die Schwere seiner Augenlider anzukämpfen und sie zu öffnen. Schemenhaft konnte er eine Gestalt über sich drohen sehen, die sich dunkel gegen das Kaminfeuer abhob.
„Deine Räume gefallen mir.“, sagte er und sein Blick wanderte langsam und gemächlich durch das Zimmer, bevor er zurück zu dem am Boden liegenden Mann glitt. „Sie riechen so...“ Er ließ sich Zeit um nach dem richtigen Wort zu suchen, reckte kurz seine Nase in die Höhe um zu schnuppern.
„... männlich.“
„Ich bin sicher, Sie sind schon seit längerem mit ihnen vertraut...“, gab Sherlock zurück.
„Du bist ja ständig unterwegs zu deinen kleinen Abenteuern!“ Er konnte das spielerische Bedauern in der Stimme hören. War es wirklich nur gespielt? Oder hoffte der andere insgeheim, dass er ihn einmal antreffen würde? Dass sie ihr Spiel in persona würden fortsetzen können?
„Es ist mir nicht entgangen, dass Sie während meiner Abwesenheit diese Räume sechsmal aufgesucht haben.“-
„Das weiß ich.“
Natürlich wusste er es. Sie wussten es beide. Er hätte es unterbinden können. Aber wozu? Wozu den Nervenkitzel nehmen? Die Spannung? Das Leben konnte so schrecklich langweilig sein, so ermüdend.
„Übrigens – du hast ein überraschend gemütliches Bett!“-
Der Gedanke daran machte Sherlock schaudern. Er löste eine Form des Unwohlseins in ihm aus, die nur Moriarty erzielen konnte. Niemand außer diesem, nicht einmal John Watson, wagte es, so tief in seine Intimsphäre einzudringen. Während ihm die Gabe fehlte, zu erkennen, wann er einem Menschen mit seiner Art zu Nahe trat, so wusste er doch genau, wann man es ihm zu persönlich wurde. Und das Innere seines Schlafzimmers war eine Tabuzone, in die niemand einzudringen hatte. Der Gedanke daran, dass Moriarty dieses Tabu gebrochen haben könnte, war erschreckend. Erregend. Spannend. Beängstigend.
Gefühle.
Eine seltsame Eigenart des Menschen.
So widerstrebend, so kontrovers, so mehrdeutig.
„Aber ich hatte mir erhofft, dass du mich doch ein wenig... warmherziger begrüßen würdest, mein lieber Sherlock. Immerhin ist es lange her....“
Seine Stimme wurde leiser, erreichte beinahe einen Flüsterton.
„Aber was muss ich sehen... Tz, tz, tz...“
Sherlock brauchte einen Moment um zu begreifen, was sein Gegenüber meinte. Erst, als er dessen Blick folgte, sah er die Spritze am Boden liegen, noch immer in griffbereiter Nähe.
„Der gute Mycroft wird wenig erfreut darüber sein, dich so zu sehen... Ein brillantes Genie wie du... am Boden... hilflos...“
Ein diabolisches Lächeln schlich sich auf seine Züge. „Wie leicht es wäre, dem Ganzen jetzt ein Ende zu setzen, nicht wahr? Der berühmte Detektiv Sherlock Holmes – gestorben an einer Überdosis... Tot ist das neue sexy!“ Moriartys Mund vollführte eine unanständige Geste. „Und es wäre ja auch nicht das erste Mal...“
Sherlock versuchte aus einem Instinkt heraus, sich aufzusetzen, aber sein Körper wollte ihm nicht zu gehorchen. Die Umgebung verschwamm für einen kurzen Moment vor seinen Augen und es schien ihm, als kämen die Wände in einem tosenden Geräusch näher. Der Boden begann zu wackeln, zu vibrieren, ihn verschlingen zu wollen. Er schloss die Augen und presste seine Finger gegen seine Schläfen, kämpfte gegen das irrationale Gefühl der Panik an, die in ihm aufstieg.
„Was wollen Sie hier, Moriarty?“, presste er hervor.
Ein diabolisches Lächeln war die Antwort. „Was willst du, Sherlock? Wir wissen beide, dass du es warst, der mich hierher bestellt hat.“ Sein Gegenüber kam gefährlich näher, so nahe, dass Sherlock beinahe den warmen Atem auf seiner Haut spüren konnte. Oder war es nur die Nähe und Hitze des Feuers, das im Kamin vor sich hin flackerte?
„Was willst du, Sherlock?“-
„Die Wahrheit!“-
Frustriertes Seufzen von Moriarty, während er sich erhob. „Die Wahrheit ist langweilig!“
Behände schritt er durch das Zimmer zum Kamin, wo er über den Staub strich, der sich dort abgesetzt hatte. In einer eleganten Geste pustete er ihn von seinem Finger.
„Es rührt dich auf, nicht wahr? Dass du es nicht weißt...“ Wieder dieses Grinsen. „ Wie hat er das nur gemacht? Du musst es wissen! Dass du es nicht weißt, bringt dich aus der Fassung!“
Sherlock blinzelte gegen das Licht, die noch immer entgegenkommenden Wände ignorierend. Eine unangenehme, aber kalkulierbare Nebenwirkung des Kokains.
„Sie versuchen mich aufzuhalten. Mich abzulenken, aus dem Konzept zu bringen.“
Summenformel C17H21NO4. Gewonnen aus den Blättern des Cocastrauches, Erythroxylum coca, einer in Peru, Bolivien und Kolumbien beheimatete Pflanze, welche zu den Rotholzgewächsen, den Erythroxylaceae, gehört. Für alles gab es eine logische Erklärung.
Ein leises Lachen von Moriarty. Er kniete erneut neben ihn, eine Hand näherte sich gefährlich, so, als sei er im Begriff, ihn zu berühren, hielt jedoch in der Bewegung inne. „Wer sagt dir, dass ich real bin? Dass ich nicht nur ein Gespinst deines Drogenkonsums bin?“
Wieder rieb sich Sherlock über die Schläfen, schloss kurz die Augen, um seinen Atem zu beruhigen. Noch immer hatte er ein Gefühl der Unruhe in sich, eine irrationale Angst, die ihm die Kehle zu schnürte, die seinen Puls rasen und sein Herz schneller schlagen ließ. Gleichzeitig schwirrten hunderte von Gedanken durch seinen Kopf, kalkulierten Wahrscheinlichkeiten, Möglichkeiten, über Moriartys Tod, sein Verschwinden, sein Besuch bei ihm.
War er tot, war er am Leben? Real oder bloß Fiktion? Er war Schröderingers Katze, tot und lebendig zugleich, bis er es bewiesen hatte. - Er musste es tun, brauchte Klarheit. - Brauchte die Wahrheit. - Gewissheit. - St. Barths. - Emilia Ricoletti. - Der Fall.
„Tick, tock, Sherlock. Tick, tock.“
Moriarty hatte den Kopf auf seinen Knien abgelegt und tippte sich leicht gegen die Schläfe. „Die Uhr läuft. Wahrheit oder Fiktion. Tot oder Lebendig. Wie hab ich es gemacht. Wahrheit oder Fiktion? Tot oder lebendig?“
Er verspottete ihn, verhöhnte ihn und es hätte Sherlock rasend machen sollen, aber endlich spürte er die wohlige Wärme, die sich von Kopf bis Fuß in ihm ausbreitete. Als er endlich in die gnädige Bewusstlosigkeit des Rausches hinüberglitt, war es eine Befreiung. Moriartys Stimme verklang in einem dicken Nebel und dann war es still.
„Tot oder lebendig?“