Tausend Fragen
Oct. 11th, 2007 09:02 pmTitel: Tausend Fragen
Challenge: irgendwie nicht so wirklich, aber #2, der morgen danach
Wörter: 869
A/N: Ich hab das Gefühl, dass es viel zu viele Wörter für viel zu wenig Sinn sind. Besonders der erste Teil ist zu lang. Und die Umsetzung der Challenge ist doch recht doof…
Ich habe tausend Fragen.
Das sagt zumindest meine Mutter. Aber es stimmt nicht. Ich habe es nachgezählt. Letzte Woche hatte ich 573 Fragen. Auf ein Jahr hochgerechnet macht das 29796 Fragen.
Aber in Wahrheit sind es wahrscheinlich mehr.
Ich will alles wissen.
Auch das hat meine Mutter gesagt. Und es stimmt. Ich will wissen, wie es gerochen hat, als auf der Erde das erste Leben entstanden ist. Ich frage mich, wie die chinesische Frau hieß, die am Fließband saß, als meine Kuschelratte vorbeirollte. Ob sie wohl traurig war, als sie ihr die schwarzen Knopfaugen annähte? Erschöpft von einem langen Arbeitstag? Froh über die Schwangerschaft ihrer Schwester?
Ich werde es nie erfahren.
Aber jetzt bin ich älter.
Und vernünftiger. Ich versuche, Fragen zu stellen, auf die ich auch eine Antwort finden kann. Ich frage mich beispielsweise, welche Struktur die Proteine in meinem Frühstücksei haben. Und was mit ihnen nach dem Kochen geschieht. Ich frage mich, wie es kommt, dass manche Menschen dicke, eklige Fingernägel haben und manche so schöne, lange, schmale wie meine Mutter. Und wie das vererbt wird. Ich habe da nämlich kein Glück gehabt.
Ich bin eine kleine Naturwissenschaftlerin.
Sagt meine Biologielehrerin. Aber ich bin mir da nicht so sicher. Ich glaube insgeheim, ich will gar nicht nur wissen, wie die Welt funktioniert. Ich will auch wissen, welchen Sinn sie hat. Ich will wissen, was Glück ist. Und Liebe. Und Tod. Doch halt. Manches, so denke ich, will ich vielleicht gar nicht wissen. Wenn auch nur aus dem Grund, dass ich dann keine Fragen mehr hätte.
Ich bin verrückt.
Sagen alle. Aber das ist nicht schlimm, ich weiß es ja selbst. Luca hat es auch gesagt. Als ich in der sechsten Klasse gefragt hatte, ob denn Minuszahlen Wurzeln hätten.
Und plötzlich bin ich im Hier und Jetzt. Es ist schon seltsam, dass ich über meine Philosophie die ganze Welt um mich herum vergessen kann. Ich setze mit Luca vor dem Fernseher und schaue ein Video. Eine Aufnahme von dieser uralten Soap, die sie so gern mag.
Wir schauen oft gemeinsam Video. Dann machen wir es uns ganz gemütlich. Wir warten, bis eine von uns beiden Sturmfrei hat und wir beide bringen unsere uralten Kuscheltiere mit. Und dann gucken wir. Dokumentationen, wenn ich aussuchen darf und Soaps, wenn sie an der Reihe ist. Oder Titanic. Das ist der einzige Spielfilm, den wir mögen. Im letzten Frühling haben wir sechs mal Titanic geguckt.
Ich frage mich, was Luca wohl denkt, wenn sie hier an mich gekuschelt liegt. Und dann frage ich mich, ob sie es überhaupt angenehm findet, neben mir zu liegen. Und wie sehr sie mich eigentlich mag. Über diese Zweifel mag ich nicht gerne sprechen. Um ehrlich zu sein, tue ich es überhaupt nie. Denn das ist die negative Seite meiner Fragen und in gewissem Sinne auch die negative Seite meiner selbst.
Ich soll nicht zweifeln, denke ich dann. Und tue es doch. So lange, bis es weh tut. Ich zweifele daran, dass ich schön genug bin, um geliebt zu werden, obwohl ich genau weiß, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Ich zweifele daran, dass ich das Kind meines Vaters bin, ich zweifele, dass diese Welt existiert und frage mich, ob ich sie mir nicht nur einbilde.
Ich zweifele, bis ich verzweifle.
Ich wollte aufhören, kindische Fragen zu stellen.
Denke ich. Denn ich bin Naturwissenschaftlerin. Zumindest sollte ich das sein. Und doch stelle ich wieder fragen, die kindisch sind. Doch diesmal nur mir selbst.
Ich frage mich – Frage 574 – wie es kommt, dass ich dieses Kribbeln im Bauch habe, als Luca lächelt. Ich frage mich – Frage 575 – weshalb ihr Fuß so schön ist und weshalb – 576 – meine Stimme zitterte als ich sie frage, ob sie wisse wie Küssen ist.
Ja, sagt sie. Beim Flaschendrehen musste sie den Daniel küssen. Und der Daniel ist eklig und schleimig und bäh. Aber der Vincent, sagt sie und wird rot und sagt nichts mehr.
Das versetzt mir einen Stich. Ob dieser Vincent wirklich so gut ist? Ich frage, ob sie mir zeigt, wie es geht. Das Küssen. Denn sie hat da ja mehr Erfahrung.
Und sie lächelt und schüttelt den Kopf und lacht und wird noch einmal richtig rot. Das mit dem Vincent, das hat sie sich nur ausgedacht. Weil ich ja bestimmt schon einmal richtig geküsst habe und es da doch peinlich wäre, wenn sie nichts zu erzählen hätte.
Und da n ich richtig überrascht, denn die Jungen, die mögen mich ja überhaupt nicht!
Aber da küsse ich sie schon und ich finde es gar nicht eklig und schleimig und bäh, nur ein bisschen kitzlig im Mund und irgendwie schön.
Wir küssen uns lange und ich streichele ihre Haare und irgendwann schlafen wir beide vor dem Fernseher ein. Die Soap läuft weiter.
Ich wache auf. Luca ist schon wach. Ich frage sie, ob das gestern Abend Liebe war. Sie sagt, sie glaube es nicht und, dass ich nach Hause müsse, weil ihre Eltern bald kommen müssten. Ich packe ein und gehe.
Nichts hat sich verändert, seit gestern Nacht.
Ich bin immer noch Naturwissenschaftlerin.
Und Philosophin.
Fragenstellerin.
Verrückt.
Vielleicht verliebt. Vielleicht auch nicht.
Ich habe tausend Fragen.
Nein. Stimmt nicht.
Denn heute Morgen habe ich tausend Fragen mehr.
Challenge: irgendwie nicht so wirklich, aber #2, der morgen danach
Wörter: 869
A/N: Ich hab das Gefühl, dass es viel zu viele Wörter für viel zu wenig Sinn sind. Besonders der erste Teil ist zu lang. Und die Umsetzung der Challenge ist doch recht doof…
Ich habe tausend Fragen.
Das sagt zumindest meine Mutter. Aber es stimmt nicht. Ich habe es nachgezählt. Letzte Woche hatte ich 573 Fragen. Auf ein Jahr hochgerechnet macht das 29796 Fragen.
Aber in Wahrheit sind es wahrscheinlich mehr.
Ich will alles wissen.
Auch das hat meine Mutter gesagt. Und es stimmt. Ich will wissen, wie es gerochen hat, als auf der Erde das erste Leben entstanden ist. Ich frage mich, wie die chinesische Frau hieß, die am Fließband saß, als meine Kuschelratte vorbeirollte. Ob sie wohl traurig war, als sie ihr die schwarzen Knopfaugen annähte? Erschöpft von einem langen Arbeitstag? Froh über die Schwangerschaft ihrer Schwester?
Ich werde es nie erfahren.
Aber jetzt bin ich älter.
Und vernünftiger. Ich versuche, Fragen zu stellen, auf die ich auch eine Antwort finden kann. Ich frage mich beispielsweise, welche Struktur die Proteine in meinem Frühstücksei haben. Und was mit ihnen nach dem Kochen geschieht. Ich frage mich, wie es kommt, dass manche Menschen dicke, eklige Fingernägel haben und manche so schöne, lange, schmale wie meine Mutter. Und wie das vererbt wird. Ich habe da nämlich kein Glück gehabt.
Ich bin eine kleine Naturwissenschaftlerin.
Sagt meine Biologielehrerin. Aber ich bin mir da nicht so sicher. Ich glaube insgeheim, ich will gar nicht nur wissen, wie die Welt funktioniert. Ich will auch wissen, welchen Sinn sie hat. Ich will wissen, was Glück ist. Und Liebe. Und Tod. Doch halt. Manches, so denke ich, will ich vielleicht gar nicht wissen. Wenn auch nur aus dem Grund, dass ich dann keine Fragen mehr hätte.
Ich bin verrückt.
Sagen alle. Aber das ist nicht schlimm, ich weiß es ja selbst. Luca hat es auch gesagt. Als ich in der sechsten Klasse gefragt hatte, ob denn Minuszahlen Wurzeln hätten.
Und plötzlich bin ich im Hier und Jetzt. Es ist schon seltsam, dass ich über meine Philosophie die ganze Welt um mich herum vergessen kann. Ich setze mit Luca vor dem Fernseher und schaue ein Video. Eine Aufnahme von dieser uralten Soap, die sie so gern mag.
Wir schauen oft gemeinsam Video. Dann machen wir es uns ganz gemütlich. Wir warten, bis eine von uns beiden Sturmfrei hat und wir beide bringen unsere uralten Kuscheltiere mit. Und dann gucken wir. Dokumentationen, wenn ich aussuchen darf und Soaps, wenn sie an der Reihe ist. Oder Titanic. Das ist der einzige Spielfilm, den wir mögen. Im letzten Frühling haben wir sechs mal Titanic geguckt.
Ich frage mich, was Luca wohl denkt, wenn sie hier an mich gekuschelt liegt. Und dann frage ich mich, ob sie es überhaupt angenehm findet, neben mir zu liegen. Und wie sehr sie mich eigentlich mag. Über diese Zweifel mag ich nicht gerne sprechen. Um ehrlich zu sein, tue ich es überhaupt nie. Denn das ist die negative Seite meiner Fragen und in gewissem Sinne auch die negative Seite meiner selbst.
Ich soll nicht zweifeln, denke ich dann. Und tue es doch. So lange, bis es weh tut. Ich zweifele daran, dass ich schön genug bin, um geliebt zu werden, obwohl ich genau weiß, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Ich zweifele daran, dass ich das Kind meines Vaters bin, ich zweifele, dass diese Welt existiert und frage mich, ob ich sie mir nicht nur einbilde.
Ich zweifele, bis ich verzweifle.
Ich wollte aufhören, kindische Fragen zu stellen.
Denke ich. Denn ich bin Naturwissenschaftlerin. Zumindest sollte ich das sein. Und doch stelle ich wieder fragen, die kindisch sind. Doch diesmal nur mir selbst.
Ich frage mich – Frage 574 – wie es kommt, dass ich dieses Kribbeln im Bauch habe, als Luca lächelt. Ich frage mich – Frage 575 – weshalb ihr Fuß so schön ist und weshalb – 576 – meine Stimme zitterte als ich sie frage, ob sie wisse wie Küssen ist.
Ja, sagt sie. Beim Flaschendrehen musste sie den Daniel küssen. Und der Daniel ist eklig und schleimig und bäh. Aber der Vincent, sagt sie und wird rot und sagt nichts mehr.
Das versetzt mir einen Stich. Ob dieser Vincent wirklich so gut ist? Ich frage, ob sie mir zeigt, wie es geht. Das Küssen. Denn sie hat da ja mehr Erfahrung.
Und sie lächelt und schüttelt den Kopf und lacht und wird noch einmal richtig rot. Das mit dem Vincent, das hat sie sich nur ausgedacht. Weil ich ja bestimmt schon einmal richtig geküsst habe und es da doch peinlich wäre, wenn sie nichts zu erzählen hätte.
Und da n ich richtig überrascht, denn die Jungen, die mögen mich ja überhaupt nicht!
Aber da küsse ich sie schon und ich finde es gar nicht eklig und schleimig und bäh, nur ein bisschen kitzlig im Mund und irgendwie schön.
Wir küssen uns lange und ich streichele ihre Haare und irgendwann schlafen wir beide vor dem Fernseher ein. Die Soap läuft weiter.
Ich wache auf. Luca ist schon wach. Ich frage sie, ob das gestern Abend Liebe war. Sie sagt, sie glaube es nicht und, dass ich nach Hause müsse, weil ihre Eltern bald kommen müssten. Ich packe ein und gehe.
Nichts hat sich verändert, seit gestern Nacht.
Ich bin immer noch Naturwissenschaftlerin.
Und Philosophin.
Fragenstellerin.
Verrückt.
Vielleicht verliebt. Vielleicht auch nicht.
Ich habe tausend Fragen.
Nein. Stimmt nicht.
Denn heute Morgen habe ich tausend Fragen mehr.