[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Gryffindor
Challenge: Reverse Tabelle: Erster Kuss - Für mich
Fandom: Tumbling (Dystopie...irgendwie)
Wörter: ~ 1500
Personen/Pairing: Ryôsuke/Wataru, Ryôsuke/Mizusawa
Warnung: dark... like... extrem dark, character death, Folter, Demütigungen, Erwähnung von rape, generelle Hoffnungslosigkeit. Das ist hurt ohne comfort und ohne jegliches Safeword. Just so you know.
Anmerkung: Ich setze das mal als AU zur AU an. In der "wirklichen" Geschichte darf es natürlich nie so enden.
Das hier ist quasi Hunger Games, aber vom Pöbel gemacht statt von der Obrigkeit.

Alle Textstellen des beschriebenen Liedes stammen von "Lange lebe der Tod" von Casper, zu finden hier:
https://www.youtube.com/watch?v=Ls-U01un_Bk


Er hört so etwas wie Trompeten in der Ferne, als es losgeht.
Fanfaren, königliche.

Dann plärrt aus den paar übrigen Lautsprechern der Straße, aus denen in früheren Zeiten bei Erdbeben Durchsagen kamen, die theatralische Melodie eines Enka-Songs, begleitet von Trommeln. Es ist eine halbtote Musikchimäre, die ihm durch Mark und Bein dringt.

Ryôsuke weiß nicht mehr, ob er auch noch ausatmet oder ob er einfach nur versucht, so viel Luft in seine Lungen zu pressen wie möglich; versucht, das Leben in seinem Brustkorb einzusperren. Er streicht sich blutgetränkte Haare aus der Stirn.

Von irgendwo grölen tiefe Männerstimmen.

Dann sieht er den Mob.

Grau, muskulös, kahl geschoren, mit kurzen Haaren, kräftig, schnell, tödlich.

Ryôsuke rennt los.

Er ignoriert den Schmerz in seinem rechten Bein, an dem Hautfetzen herunterhängen, den womöglich gebrochenen Zeh in seinem zerschlissenen Schuh.

Er denkt nicht daran, wie seine Freunde aussehen.

Mit rasselndem Atem springt er über Gerümpel auf der Straße, schlägt einen Haken nach rechts und biegt in eine winzige Gasse ein.

Es ist nur eine Frage der Zeit. Die ganze Stadt ist eine Gladiatorenarena. Er wird sterben. Er wird sterben.
Aber seine brennenden Nerven, das kochende Adrenalin in seinen Adern treiben ihn voran.

„Lasst ihn bluten!“ brüllt es aus einer Baracke, an der er vorbeihetzt.

„Schlagt ihm den Schädel ein! Lasst ihn ausbluten!“

Er stellt sie sich vor – die Starken und Männlichen, die dieses Spiel erfunden haben. Sie steuern vernetzte Sicherheitskameras von links nach rechts, bellen Befehle in die Walkie-Talkies und in Knöpfe in den Ohren des grauen Mobs. Sie filmen Letsplays und laden die Videos auf Youtube hoch, anstatt gescheite Dinge mit dem neu gewonnen Strom anzustellen.
Das halbe Land ist ein einziger elektrischer Stuhl.

„Da ist er!“

Ryôsuke zuckt zusammen. Auf dem Dach des Hauses, an dem er gerade vorbeirast, sitzt ein Mädchen und zeigt mit dem Finger auf ihn.
„Ich hab ihn, ich hab ihn, ich hab ihn!“ Sie wirft etwas auf ihn – einen dunkelroten Dachziegel.

Sie trifft, wenn auch nicht damit. Ihr Blick erdolcht Ryôsuke.

Die Musik aus den Lautsprechern betäubt seine Ohren.

In seinen Lungen brennt es.


Die ersten, die sie verloren haben, waren Nippori und seine Geschwister.
Irgendwer hatte ihren Unterschlupf in Brand gesteckt, sie geradezu ausgeräuchert wie Ratten.

Keiner der vier hat die Rauchvergiftung überlebt.

Hino ist weggelaufen. Die streunende Katze, die er war, hat womöglich immer die meisten geheimen Gänge und Schlupflöcher gewusst.
Ryôsuke hat seinen leblosen Körper vor zwei Tagen auf einer Müllhalde gefunden; die Augen noch geöffnet.

Kaneko ist der einzige, den Ryôsuke wirklich hat sterben sehen.
Er denkt an den Berg aus Haut und Knochen, an alles noch Übriggebliebene des Jungen; diesen chaotischen Haufen an durcheinandergewirbelten Molekülen.

Er denkt an Kiyama, der neben seiner Leiche gehockt und die Männer, die ihn aus dem riesigen Käfig gezerrt haben, noch angeschrien hat, der Mund schief vom mehrfach gebrochenen Kiefer.
Er denkt an Satoshi, den sie nur mehrere Kilometer durch die Innenstadt hetzen mussten.
Mit seinem Herzfehler war er wie eine Maus für junge Katzen.
Sie haben ihn ein Stück laufen lassen, dann wieder eingeholt, dann wieder laufenlassen.
Bis er von selbst umgefallen ist.

Ryôsuke hat es auf dem riesigen Monitor vor dem Käfig gesehen.

Er hustet, spuckt Auswurf gegen eine Hauswand und taumelt weiter. In verschiedenen Ecken des Stadtlabyrinthes brüllt es, kreischt es. Man kann nicht unterscheiden, ob da jemand tötet oder stirbt.

Weiße Flecken flackern durch sein Sichtfeld.

Er könnte einfach aufgeben.

Fünf von ihnen sind auf jeden Fall tot. Womöglich sechs. Yûta wurde nie gefunden.
Selbst wenn er sich verstecken konnte, selbst wenn er irgendwo im Keller gelegen hat, verborgen von Wataru zwischen den Wasserreserven, mit seinem kaputten Bein ist er nicht weit gekommen.

Wataru hat kein Wort darüber verloren.

Ryôsuke möchte aufgeben, seit sie ihm Taku weggenommen haben.

Nachts, mitten in der Finsternis, unter Gebrüll und Gezerre. Taku hat nicht einmal geschrien. Wie ein Kaninchen, das wusste, was ihn ereilt, hat er Ryôsuke mit großen, großen, dunklen Augen angestarrt.

Bis sie ihn um die Ecke schleppten.

Womöglich soll Ryôsuke ihnen noch dankbar dafür sein, dass sie seinen Geliebten nicht vor seinen Augen umgebracht haben.

Warum gibst du nicht einfach auf, fragt er sich, und dann stolpert er über einen schwarzen Schatten, fällt und taumelt über seine zerstörten, müden Beine.

„Ryôsuke!“

Er erkennt Wataru kaum wieder.

Staub hat dessen Haare grau gemacht, seine Frisur komplett zerstört. Er ist mit blauschwarzen Flecken übersät, seine Hosenbeine sind am Ende der Oberschenkel abgeschnitten und entblößen blutig gescheuerte Kniescheiben. Als Wataru versucht, sich aufzustützen, bemerkt Ryôsuke, dass die Handflächen seines Freundes ebenso aufgeschrammt sind.

Er weiß, woher solche Verletzungen herrühren.

Watarus Shirt ist so zerfetzt, dass man finstere Striemen auf seiner Haut durchscheinen sieht.


Ryôsuke zögert nicht. Er rappelt sich auf und greift nach Watarus Arm, reißt ihn zu sich auf die Beine. Der Schmerz an seinem Fuß ist heiß und dunkel.
Hastig zieht er Wataru hinter sich her.

Er hat die Meute an den Fersen. Er muss Wataru von hier wegbringen.

Er muss Wataru vor ihnen beschützen.

Die Erinnerungen blitzen vor seinen Augen auf.

Wataru, den sie ganz besonders hassen, weil er sie ihn nicht verstehen. Wataru, der Kranke und Schwache beschützt hat, obwohl er einer von ihnen sein könnte.

Wataru, der keinen Stolz kennt, wenn es um geliebte Menschen geht.

Wataru, der auf allen Vieren durch einen Reifen gesprungen ist, weil sie ein Messer an Ryôsukes Kehle gehalten haben.

Wataru, der sein Gesicht in Exkremente gedrückt hat, weil jemand kurz davor war, Taku alle Kleider vom Leib zu reißen.

Wataru, der nicht geweint hat, als man ihn aus dem Käfig zerrte.


„Bist du auch so verliebt?“, plärrt es aus den Lautsprechern. Irgendwo auf der Straße liegen pinke Kinderkleidchen, verstreut und staubig.

Ryôsuke zerrt Wataru hinter sich her, schaut sich um, und bemerkt erst, dass sie in einer Sackgasse sind, als es längst zu spät ist.

Irgendwo bellt es.

Sie haben die Hunde wieder losgelassen.

„Bist du auch so vergnügt“, winselt der Song.

„Und wie mein Herz vor Liebe fast verglüht – schau, wie der Frühling heute blüht!“

Dann Rauschen.


Sie haben den Ton abgedreht.

Mit einem Mal liegt gespenstische Stille über dem Viertel.

„Du musst abhauen“, wispert Wataru, als Ryôsuke ihn mit einem Arm um die Hüfte stützt. Er kann kaum noch stehen.

„Die wollen doch mich.“


„Die hatten dich schon“, entgegnet Ryôsuke. Er linst nervös durch die Gasse voll mit Gerümpel. Da sind ein Stuhl und ein Stück Leiter. Wenn er beides übereinander stapelt, könnte man über die Wand klettern, die ihnen die Weg versperrt.


„Ich geb dich nicht nochmal her!“

„Ryôsuke..“

„Nein!“

Und jetzt weiß er, warum er noch nicht aufgegeben hat.

„Ich hab all die anderen verloren!“
Seine Beine zittern, als er den Stuhl aufstellt.

„Wir haben Yûta verloren. Wir haben Taku verloren. Ich geb' dich nicht her, Wataru! Ich geb dich genauso wenig her wie du mich damals!“

Sein Herz bleibt vor Angst eine Sekunde stehen, als Wataru mit einem kranken Geräusch an der Hauswand herabrutscht.

„Hör auf damit“, wispert Wataru.
„Das ist doch keine Schuld, die du mir zurückzahlen musst.“

„Ist es auch nicht.“

Ryôsuke sieht ihn an und seine blutdurchtränkten Haare hängen ihm schon wieder ins Gesicht. Seine Lunge pfeift, sein Bein brennt, er spürt die Zehen seines rechten Fußes nicht mehr. Sein Herz schlägt ihm bis in den Hals er möchte sich übergeben bei dem Gedanken, dass diese Menschen Wataru zu so etwas gemacht haben was er selbst auch ist.

„Komm her“, sagt Wataru leise.

„Wir haben keine Zeit, wir müssen-“

„Komm her.“

Ryôsuke beugt sich zu ihm herunter.

Wataru riecht nach Schweiß und Blut und Tod.

Seine Hände sind kalt, obwohl die Hitze sengend ist. Sie kühlen Ryôsukes Wange.

Watarus Lippen schmecken nach Leben, die Spitze seiner Zunge nach Sehnsucht.

Es ist ihr erster Kuss und er ist...schön. Weich wie Watte, süß wie Sonne, tausend Herzschläge tief.

Es sollte Ryôsuke nicht in Panik versetzen. Es sollte nicht ihm nicht die plötzliche Erkenntnis geben, dass das Leben aus Wataru ausläuft wie aus einem beschädigten Gefäß.



Dann kommen die Hunde um die Ecke.

Deutsche Schäferhunde, abgerichtete Terrier mit spitzen Ohren, Pitpulls mit zerfledderten Lefzen. Keine Tiere, sondern Monster.


In irgendeiner Ecke richtet sich eine Kamera auf die beiden Jungen.


Mit zitternden Händen tastet Ryôsuke nach einer Eisenstange.


„Kommt schon“, flüstert er.

Wataru versucht, sich an der Wand abzustützen, aufzustehen. Er rutscht immer wieder ab.

Sie werden sterben.

Ryôsuke weiß das.

Doch er steht hier und hat zum ersten Mal seit langem keine Angst. Er trägt Watarus Leben auf der Zunge. In seinen Adern ist die Mordlust erwacht. Mit Gewalt schaltet er den Menschen ab und das Raubtier an.

Es wird sich zeigen, wie fähig es ist.

Er donnert das Ende der Eisenstange auf den Asphalt. Der Knall lässt die Hunde für den Bruchteil einer Sekunde zurückzucken.
Dann senken sie knurrend die Köpfe.

„Kommt schon“, knurrt Ryôsuke zurück.

Er wirft den Kopf zurück und faucht, schreit, brüllt.

Dann greift er an.


ENDE

Date: 2016-07-14 04:40 pm (UTC)
From: [identity profile] cricri-72.livejournal.com
Ich setze das mal als AU zur AU an. In der "wirklichen" Geschichte darf es natürlich nie so enden.
Bitte nicht! Das wäre zu schrecklich ...

Obwohl es schrecklich ist, ist es schrecklich schön geschrieben. <3

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