Fandom: Original
Rating: PG
Challenge: #1 Rückkehr und #2 Höhere Mathematik
Summary: Tim ist ein gescheites Kerlchen, doch kann er sich an diesem Tag nicht besonders gut konzentrieren. Wie sollte er auch, schließlich ist es ein ungemein wichtiger Tag ...
A/N: Darf’s ein bisschen omg!puberty!het sein?
a²+b²=c²
„Ich sage es nur noch einmal: Ich weiß nicht, wie der Satz des Pythagoras geht, was der überhaupt ist, und das ist mir egal.“
Der Mathelehrer verdrehte die Augen. Sein wie üblich darauf folgender Seufzer verteilte seinen schlechten Mundgeruch im ganzen Klassenzimmer, besonders aber in Tims Gesicht. Er hielt sich zurück damit, die Nase zu rümpfen. Die Strafarbeit, die er wegen unflätigen Bemerkungen von Frau Strollwelle, der Deutsch- und Klassenlehrerin, bekommen hatte, war genug für heute; er hatte schließlich noch was vor. Gut, sein Mathelehrer würde ihm da wohl widersprechen. In dessen Augen war es kaum ein wichtiger Termin. Aber wenn man sich die meiste Zeit seines Lebens mit Unbekannten beschäftigte, konnte man wohl kaum noch in reellen Bahnen denken, ohne dass einem der Kopf explodierte.
Also stellte sich Tim gerade hin (normalerweise machte er einen Buckel) und nickte dem aus dem Mund stinkenden Lehrer zu. „Es tut mir Leid, Herr Wühler. Bis zur nächsten Klassenarbeit werde ich mich sicher gebessert haben.“
„Dass ich nicht lache!“ Die Klasse fing an zu kichern. „Unser Tim hier, habt ihr das gehört, Jungs und Mädels? Der will sich tatsächlich mal bemühen! In deinen Träumen vielleicht.“ Der Lehrer hob eine struppige Augenbraue. Seine Stirn legte sich in so viele Falten, dass Tim sie nicht zählen mochte und als X² betitelte.
Tim zuckte die Achseln – wenn man bloßgestellt wurde, war es keine gute Idee, noch etwas darauf zu erwidern. Zumindest dann nicht, wenn man etwas zu tun hatte. Es würde sich bestimmt in den nächsten paar Tagen noch eine Gelegenheit ergeben, um es dem Lehrer heimzuzahlen. Schließlich hatte die Woche gerade erst angefangen, und Mathe stand fast täglich auf dem Stundenplan. Tim fielen schon jetzt genug intelligente Sprüche ein, um den Lehrer in eine tiefe Depression zu stürzen. Oder ihm wenigstens das Burn-Out-Syndrom anzuhängen, das der Lehrer bisher immer als Spinnerei abtat. Die letzte Mathelehrerin hatte Tim dank des von ihm ausgelösten Syndroms ausgesprochen einfach aus der Klasse und dann von der Schule ekeln können. Ohne dass er sich wie ein Ekel aufgeführt hätte. Wenn man die Wahrheit sagte und dabei darauf achtete, nicht zu offen zu sein, aber nicht so subtil, dass es keiner mehr verstand, dann konnte man so eklig sein, wie man wollte: Als Ekel wurde man nicht angesehen.
Wieder zurück auf seinem Platz zwickte ihn gleich sein Nachbar in den Oberarm. Sein Name war Patrick. Der Junge hatte eine Schweinchennase, das war Tim am ersten Schultag gleich aufgefallen – zu der hageren Gestalt mit den dicken schwarzen, oft strubblig-lockigen Haaren wollte sie nämlich überhaupt nicht passen. Er sah aus wie ein fehlgeschlagener Genversuch. „Ich kann dir Nachhilfe geben, wenn’de magst!“
Tim wusste schon, warum er sich nie mit Patrick angefreundet hatte. „Ne, lass mal.“ Er zwinkerte ihm überdeutlich zu und machte ein schnitzendes Geräusch mit der Zunge. Patrick erwiderte die Geste mit einem Grinsen, zog den Stuhl näher an den Tisch und starrte wieder gespannt nach vorne. Tim betrachtete noch ein paar Sekunden sein Profil, wandte sich dann aber seinem aufgeschlagenen Mäppchen zu. Hätte er nicht in die Netztasche gestarrt, wo er die Karte hineingesteckt hatte (sie war schon seit drei Jahren dort verstaut), hätte er die Fragen des Lehrers vielleicht sogar beantworten können. Aber die Karte zog seine Augen einfach immer wieder an, obwohl sie falsch herum lag. Er musste sie nicht umdrehen, das darauf abgebildete Foto war fest in seinem Gedächtnis verankert; er mochte es dennoch zu wissen, dass sie immer bei ihm war. Die Postkarte von vor fünf Jahren. Auf der ein bunter Ball, das Meer, ein unechter Rasen, und er ohne Badehose zu sehen waren. Und Kathi.
***
Tim umrundete die Couch und hielt abrupt an, als seine Mutter sich mit verschränkten Armen vor ihn hinstellte. Er fuhr mit den nackten Zehen zwischen die Bändel des alten Teppichs, auf den er vor einigen Jahren gepinkelt hatte – wirklich, einige viele Jahre – und schob die Unterlippe vor.
„Mein Liebes, hör bitte auf damit. Du läufst mir noch Löcher in den Boden. Das wird der Vermieter gar nicht gerne sehen.“
„Ja, Mama.“ Dass er mit seinen 42 Kilogramm unmöglich ein Loch in den stabilen Holzboden laufen konnte, sagte er ihr nicht, obwohl ihm die Zunge danach juckte. Wenn er jetzt anfing zu widersprechen, dann würden sie streiten, und laut werden, und dann würde man die Klingel nicht schellen hören.
Seine Mutter seufzte. Allerdings roch sie gut aus dem Mund, nicht wie der Mathelehrer. Noch dazu war sie nicht bekannt dafür, Strafarbeiten aufzugeben. „Setz dich doch einfach hin“, sie klopfte auf die Lehne des Sofas, „und iss einen Keks. Du hast mir extra beim Backen geholfen, jetzt kannst du auch welche davon essen.“
„Die sind aber nicht für mich, sondern für Kathi, und Kathi ist noch nicht da!“ Er spürte, wie irgendetwas seinen Hals und seine Wangen, aber vor allem seine Ohren aufwärmte. In Biologie hatte er letztens eine vier geschrieben, dennoch war er sich ziemlich sicher, dass sein Blut schuld daran sein musste.
„Na schön. Setzen tust du dich jetzt bitte trotzdem. Aber pronto“, fügte sie hinzu, als er sich noch immer nicht bewegt hatte. Sie machte einen Schritt auf ihn zu und er lehnte sich nach hinten, machte einen halben Schritt zurück, drehte sich dann um, ging um die Couch herum und ließ sich auf sie fallen. Er zog die Beine an und die Nase hoch. Sie juckte. Darin herumbohren kam nicht in Frage. Dann müsste er sich erst die Hände waschen, und das kostete zuviel Zeit.
Es klingelte. Einmal, zweimal, dreimal, und es hätte bestimmt noch einmal geklingelt, aber da hatte Tim schon die Tür aufgerissen. Vor ihm stand ein Mädchen, ungefähr so groß wie er, vielleicht ein paar Zentimeter größer. Sie hatte braune Haut und schwarze Locken, die fast so strubblig waren wie die von Patrick. Was sie von Patrick aber sehr Unterschied war, dass ihr Top nur Spaghettiträger hatte und sich kurz nachdem die Träger aufhörten etwas aus ihrer Brust erhob.
Tim hatte Mühe, den Blick wieder zu heben. Die Mädchen in seiner Klasse hatten inzwischen auch schon ... Ansätze. Aber die hatte er ja nicht schon vor fünf Jahren gekannt.
Kathis dunkle Augen, die fast so dunkel waren, dass man die Pupille nicht entdecken konnte, waren aber mindestens genauso interessant wie ihr veränderter Körper. Ohne dass er es wollte merkte Tim, dass seine Mundwinkel sich weit auseinander zogen. „Hallo, Kathi.“
„Hi“, sagte sie, und Tim war froh, dass sie ihre klare Stimme nicht verloren hatte. Sie legte den Kopf zur Seite und ihre Haare schwangen mit. „Kann ich reinkommen?“
Normalerweise waren Mütter dazu nicht zu gebrauchen, aber in diesem Fall war Tim ihr dankbar, dass sie ihn vor einer noch peinlicheren Situation rettete. Er hätte die nächsten fünf Minuten nichts rausgebracht. Dankenswerterweise stand seine Mutter aber nun hinter ihm und half ihm auf die Sprünge. „Geh doch mal zur Seite und lass die Kleine durch.“
Brav trat er zur Seite. Seine Mutter drückte Kathi fest an sich, als diese den Flur betrat. Kathi atmete halb ein, halb kreischte sie vor Schreck. „Ach, Kathi-Schatz, was freut mich das. Und dir geht’s gut, ja? Komm mal mit, mein Liebes, du musst mir alles erzählen!“
Kathi warf Tim noch einen eindeutigen Blick zu. Etwas eindeutigeres als einen sperrangelweit offenstehenden Mund und hochgezogene Augenbrauen kannte er zumindest nicht für einen Gesichtsausdruck der ungefähr für „was ist denn in die gefahren!?“ stehen sollte. Er folgte den beiden Frauen ins Wohnzimmer, die Hände in den Hosentaschen. Unschlüssig blieb er im Rahmen der Tür stehen, während seine Mutter Kathi dazu zwang, sich auf die Couch zu setzen und sich von den Keksen zu nehmen.
Als seine Mutter endlich in der Küche verschwunden war, um etwas zu trinken zu besorgen, stieß er sich vom Rahmen ab und lief ein paar Schritte in den Raum herein. Die Couch war nicht besonders lang. Wenn er sich hinsetzte, würde er neben Kathi sitzen. So nahe, dass, wenn sie ihre Hand denn auch nicht bewegte, sich ihre kleinen Finger berühren würden. Stur blieb er stehen. „Gehst du auf meine Schule?“, war die erste Frage, die ihm einfiel. Sie war irgendwie blöd, kam ihm kurz nachdem er sie ausgesprochen hatte, aber da war es schon zu spät für solche Einsichten.
Kathi nickte. „Ich weiß allerdings noch nicht in welche Klasse ich komme.“
Wenn sie gut war, und mit Sicherheit war sie das, immerhin hatte sie auch dann im Wettrechnen gegen ihn gewonnen, wenn er sie nicht hatte gewinnen lassen wollen, dann würde sie in seine Klasse kommen. Das Grinsen von der Eingangstür kam zu ihm zurückgeflogen wie es sein Wellensittich Pips zu tun pflegte. Vor dem kleinen Vorfall mit der Halogenlampe.
„Ähm. Setz dich doch. Dein Gezappel macht mich ganz kirre.“ Sie klopfte auf den Platz neben sich.
In Tims Kopf zankten sich einige Nerven darum, ob sie ihn jetzt gleich kollabieren lassen sollten, oder erst, wenn Haut auf Haut traf, was bei so einem kleinen Möbel unvermeidlich war. Zumindest hatte Tim das Gefühl, es wäre so, als er sich in Zeitlupe neben Kathi setzte.
Kathi nahm sich einen Keks, und Tim seufzte erleichtert; er hatte sich gründlich die Zähne geputzt, also war es unwahrscheinlich, dass er roch wie sein Lehrer. Sie brach den Keks in zwei Teile und steckte sich erst die Hälfte mit der Schokolade in den Mund.
Das hatte sich auch nicht geändert. Tim nahm sich selbst einen Keks, brach ihn ebenfalls in zwei Teile und tauschte den unschokoladigen Teil, den sie noch in der Hand hielt, gegen seinen schokoladigen. Es würde ein guter Sommer werden. Solange er nicht wieder ohne Badehose vor ihr stand.
Rating: PG
Challenge: #1 Rückkehr und #2 Höhere Mathematik
Summary: Tim ist ein gescheites Kerlchen, doch kann er sich an diesem Tag nicht besonders gut konzentrieren. Wie sollte er auch, schließlich ist es ein ungemein wichtiger Tag ...
A/N: Darf’s ein bisschen omg!puberty!het sein?
„Ich sage es nur noch einmal: Ich weiß nicht, wie der Satz des Pythagoras geht, was der überhaupt ist, und das ist mir egal.“
Der Mathelehrer verdrehte die Augen. Sein wie üblich darauf folgender Seufzer verteilte seinen schlechten Mundgeruch im ganzen Klassenzimmer, besonders aber in Tims Gesicht. Er hielt sich zurück damit, die Nase zu rümpfen. Die Strafarbeit, die er wegen unflätigen Bemerkungen von Frau Strollwelle, der Deutsch- und Klassenlehrerin, bekommen hatte, war genug für heute; er hatte schließlich noch was vor. Gut, sein Mathelehrer würde ihm da wohl widersprechen. In dessen Augen war es kaum ein wichtiger Termin. Aber wenn man sich die meiste Zeit seines Lebens mit Unbekannten beschäftigte, konnte man wohl kaum noch in reellen Bahnen denken, ohne dass einem der Kopf explodierte.
Also stellte sich Tim gerade hin (normalerweise machte er einen Buckel) und nickte dem aus dem Mund stinkenden Lehrer zu. „Es tut mir Leid, Herr Wühler. Bis zur nächsten Klassenarbeit werde ich mich sicher gebessert haben.“
„Dass ich nicht lache!“ Die Klasse fing an zu kichern. „Unser Tim hier, habt ihr das gehört, Jungs und Mädels? Der will sich tatsächlich mal bemühen! In deinen Träumen vielleicht.“ Der Lehrer hob eine struppige Augenbraue. Seine Stirn legte sich in so viele Falten, dass Tim sie nicht zählen mochte und als X² betitelte.
Tim zuckte die Achseln – wenn man bloßgestellt wurde, war es keine gute Idee, noch etwas darauf zu erwidern. Zumindest dann nicht, wenn man etwas zu tun hatte. Es würde sich bestimmt in den nächsten paar Tagen noch eine Gelegenheit ergeben, um es dem Lehrer heimzuzahlen. Schließlich hatte die Woche gerade erst angefangen, und Mathe stand fast täglich auf dem Stundenplan. Tim fielen schon jetzt genug intelligente Sprüche ein, um den Lehrer in eine tiefe Depression zu stürzen. Oder ihm wenigstens das Burn-Out-Syndrom anzuhängen, das der Lehrer bisher immer als Spinnerei abtat. Die letzte Mathelehrerin hatte Tim dank des von ihm ausgelösten Syndroms ausgesprochen einfach aus der Klasse und dann von der Schule ekeln können. Ohne dass er sich wie ein Ekel aufgeführt hätte. Wenn man die Wahrheit sagte und dabei darauf achtete, nicht zu offen zu sein, aber nicht so subtil, dass es keiner mehr verstand, dann konnte man so eklig sein, wie man wollte: Als Ekel wurde man nicht angesehen.
Wieder zurück auf seinem Platz zwickte ihn gleich sein Nachbar in den Oberarm. Sein Name war Patrick. Der Junge hatte eine Schweinchennase, das war Tim am ersten Schultag gleich aufgefallen – zu der hageren Gestalt mit den dicken schwarzen, oft strubblig-lockigen Haaren wollte sie nämlich überhaupt nicht passen. Er sah aus wie ein fehlgeschlagener Genversuch. „Ich kann dir Nachhilfe geben, wenn’de magst!“
Tim wusste schon, warum er sich nie mit Patrick angefreundet hatte. „Ne, lass mal.“ Er zwinkerte ihm überdeutlich zu und machte ein schnitzendes Geräusch mit der Zunge. Patrick erwiderte die Geste mit einem Grinsen, zog den Stuhl näher an den Tisch und starrte wieder gespannt nach vorne. Tim betrachtete noch ein paar Sekunden sein Profil, wandte sich dann aber seinem aufgeschlagenen Mäppchen zu. Hätte er nicht in die Netztasche gestarrt, wo er die Karte hineingesteckt hatte (sie war schon seit drei Jahren dort verstaut), hätte er die Fragen des Lehrers vielleicht sogar beantworten können. Aber die Karte zog seine Augen einfach immer wieder an, obwohl sie falsch herum lag. Er musste sie nicht umdrehen, das darauf abgebildete Foto war fest in seinem Gedächtnis verankert; er mochte es dennoch zu wissen, dass sie immer bei ihm war. Die Postkarte von vor fünf Jahren. Auf der ein bunter Ball, das Meer, ein unechter Rasen, und er ohne Badehose zu sehen waren. Und Kathi.
Tim umrundete die Couch und hielt abrupt an, als seine Mutter sich mit verschränkten Armen vor ihn hinstellte. Er fuhr mit den nackten Zehen zwischen die Bändel des alten Teppichs, auf den er vor einigen Jahren gepinkelt hatte – wirklich, einige viele Jahre – und schob die Unterlippe vor.
„Mein Liebes, hör bitte auf damit. Du läufst mir noch Löcher in den Boden. Das wird der Vermieter gar nicht gerne sehen.“
„Ja, Mama.“ Dass er mit seinen 42 Kilogramm unmöglich ein Loch in den stabilen Holzboden laufen konnte, sagte er ihr nicht, obwohl ihm die Zunge danach juckte. Wenn er jetzt anfing zu widersprechen, dann würden sie streiten, und laut werden, und dann würde man die Klingel nicht schellen hören.
Seine Mutter seufzte. Allerdings roch sie gut aus dem Mund, nicht wie der Mathelehrer. Noch dazu war sie nicht bekannt dafür, Strafarbeiten aufzugeben. „Setz dich doch einfach hin“, sie klopfte auf die Lehne des Sofas, „und iss einen Keks. Du hast mir extra beim Backen geholfen, jetzt kannst du auch welche davon essen.“
„Die sind aber nicht für mich, sondern für Kathi, und Kathi ist noch nicht da!“ Er spürte, wie irgendetwas seinen Hals und seine Wangen, aber vor allem seine Ohren aufwärmte. In Biologie hatte er letztens eine vier geschrieben, dennoch war er sich ziemlich sicher, dass sein Blut schuld daran sein musste.
„Na schön. Setzen tust du dich jetzt bitte trotzdem. Aber pronto“, fügte sie hinzu, als er sich noch immer nicht bewegt hatte. Sie machte einen Schritt auf ihn zu und er lehnte sich nach hinten, machte einen halben Schritt zurück, drehte sich dann um, ging um die Couch herum und ließ sich auf sie fallen. Er zog die Beine an und die Nase hoch. Sie juckte. Darin herumbohren kam nicht in Frage. Dann müsste er sich erst die Hände waschen, und das kostete zuviel Zeit.
Es klingelte. Einmal, zweimal, dreimal, und es hätte bestimmt noch einmal geklingelt, aber da hatte Tim schon die Tür aufgerissen. Vor ihm stand ein Mädchen, ungefähr so groß wie er, vielleicht ein paar Zentimeter größer. Sie hatte braune Haut und schwarze Locken, die fast so strubblig waren wie die von Patrick. Was sie von Patrick aber sehr Unterschied war, dass ihr Top nur Spaghettiträger hatte und sich kurz nachdem die Träger aufhörten etwas aus ihrer Brust erhob.
Tim hatte Mühe, den Blick wieder zu heben. Die Mädchen in seiner Klasse hatten inzwischen auch schon ... Ansätze. Aber die hatte er ja nicht schon vor fünf Jahren gekannt.
Kathis dunkle Augen, die fast so dunkel waren, dass man die Pupille nicht entdecken konnte, waren aber mindestens genauso interessant wie ihr veränderter Körper. Ohne dass er es wollte merkte Tim, dass seine Mundwinkel sich weit auseinander zogen. „Hallo, Kathi.“
„Hi“, sagte sie, und Tim war froh, dass sie ihre klare Stimme nicht verloren hatte. Sie legte den Kopf zur Seite und ihre Haare schwangen mit. „Kann ich reinkommen?“
Normalerweise waren Mütter dazu nicht zu gebrauchen, aber in diesem Fall war Tim ihr dankbar, dass sie ihn vor einer noch peinlicheren Situation rettete. Er hätte die nächsten fünf Minuten nichts rausgebracht. Dankenswerterweise stand seine Mutter aber nun hinter ihm und half ihm auf die Sprünge. „Geh doch mal zur Seite und lass die Kleine durch.“
Brav trat er zur Seite. Seine Mutter drückte Kathi fest an sich, als diese den Flur betrat. Kathi atmete halb ein, halb kreischte sie vor Schreck. „Ach, Kathi-Schatz, was freut mich das. Und dir geht’s gut, ja? Komm mal mit, mein Liebes, du musst mir alles erzählen!“
Kathi warf Tim noch einen eindeutigen Blick zu. Etwas eindeutigeres als einen sperrangelweit offenstehenden Mund und hochgezogene Augenbrauen kannte er zumindest nicht für einen Gesichtsausdruck der ungefähr für „was ist denn in die gefahren!?“ stehen sollte. Er folgte den beiden Frauen ins Wohnzimmer, die Hände in den Hosentaschen. Unschlüssig blieb er im Rahmen der Tür stehen, während seine Mutter Kathi dazu zwang, sich auf die Couch zu setzen und sich von den Keksen zu nehmen.
Als seine Mutter endlich in der Küche verschwunden war, um etwas zu trinken zu besorgen, stieß er sich vom Rahmen ab und lief ein paar Schritte in den Raum herein. Die Couch war nicht besonders lang. Wenn er sich hinsetzte, würde er neben Kathi sitzen. So nahe, dass, wenn sie ihre Hand denn auch nicht bewegte, sich ihre kleinen Finger berühren würden. Stur blieb er stehen. „Gehst du auf meine Schule?“, war die erste Frage, die ihm einfiel. Sie war irgendwie blöd, kam ihm kurz nachdem er sie ausgesprochen hatte, aber da war es schon zu spät für solche Einsichten.
Kathi nickte. „Ich weiß allerdings noch nicht in welche Klasse ich komme.“
Wenn sie gut war, und mit Sicherheit war sie das, immerhin hatte sie auch dann im Wettrechnen gegen ihn gewonnen, wenn er sie nicht hatte gewinnen lassen wollen, dann würde sie in seine Klasse kommen. Das Grinsen von der Eingangstür kam zu ihm zurückgeflogen wie es sein Wellensittich Pips zu tun pflegte. Vor dem kleinen Vorfall mit der Halogenlampe.
„Ähm. Setz dich doch. Dein Gezappel macht mich ganz kirre.“ Sie klopfte auf den Platz neben sich.
In Tims Kopf zankten sich einige Nerven darum, ob sie ihn jetzt gleich kollabieren lassen sollten, oder erst, wenn Haut auf Haut traf, was bei so einem kleinen Möbel unvermeidlich war. Zumindest hatte Tim das Gefühl, es wäre so, als er sich in Zeitlupe neben Kathi setzte.
Kathi nahm sich einen Keks, und Tim seufzte erleichtert; er hatte sich gründlich die Zähne geputzt, also war es unwahrscheinlich, dass er roch wie sein Lehrer. Sie brach den Keks in zwei Teile und steckte sich erst die Hälfte mit der Schokolade in den Mund.
Das hatte sich auch nicht geändert. Tim nahm sich selbst einen Keks, brach ihn ebenfalls in zwei Teile und tauschte den unschokoladigen Teil, den sie noch in der Hand hielt, gegen seinen schokoladigen. Es würde ein guter Sommer werden. Solange er nicht wieder ohne Badehose vor ihr stand.
no subject
Date: 2007-10-07 03:22 pm (UTC)RS und Grammatikfehler haben sich (wie immer) keine aufgedrängt und deine Beschreibungen sind richtig gut, man kann sich alles wunderbar bildlich vorstellen, ohne dass man sich wegen zu vieler Details langweilen würde. Und obwohl es nur eine kurze Geschichte ist, bekommt man einen guten Eindruck von den Charakteren.