Team: Gryffindor
Fandom: Tumbling (Dystopie!AU)
Challenge: AU - Dystopie (für mich)
Personen: Cool and the Gang..äh, Wataru und seine Krüppeltruppe, vor allem Ryôsuke, Mizusawa, Kiyama und Yûta
Wörter: ~2100
Warnung: Erwähnung von rape/non-con
Anmerkung: Das ist eine kleine Ergänzung zu der Dystopie von letztem Jahr. Und ja, ich wurde mehr oder weniger inspiriert vom Song von K.I.Z. mit dem selben Titel wie dieser hier.
Die Lautsprecher sehen gelb von Sand und Staub aus, doch sie funktionieren.
Sie plärren in schiefen Tönen, fallen Millisekunden lang aus und kommen dröhnend zurück. Hinter der Bühne pumpen Dieselmotoren Strom in sie hinein, vorbei am wackeligen Mischpult der Tonleute.
Um Wataru und seine Freunde herum strömen Massen an Menschen auf das Festivalgelände. Manche tragen Schwarz, andere sind in bunte Lumpen gehüllt, viele sind barfuß unterwegs. Münder mit Zahnlücken lachen in das Treiben hinein, halb durchsichtige Schleier werden über halb kahle Frauenköpfe gelegt, es klacken Bierflaschen aneinander.
„Ende=Anfang“, heißt das Festival und es ist der unkreativste Titel der Menschheitsgeschichte. Man könnte meinen, dass nach dem Untergang der Welt, wie alle sie kennen, zu dramatischeren Worten gegriffen würde. Zu Botschaften, die von Herzen kommen. Zu...Revolutionen, hervorgebracht durch Demut und Liebe, weil man einfach verflucht noch einmal überlebt hat.
Er reicht sein Bier weiter an Kiyama und schaut sich um.
Am Rand des Geländes erkennt man die orangenen Westen des Sicherheitspersonals. Sämtliche Gangs aus der Umgebung sind offiziell ausgeladen und alle ignorieren, dass die Hälfte des Personals selber Schläger sind, die nur für das kostenlose Abendessen gekommen sind, welches vom Veranstalter gestellt wird. Wataru weiß das, weil er selbst auch dafür vorgesprochen hat.
Er hat die Lage mit Kiyama geprüft und erst dann den Rest der Bande geholt.
Nippori hält seine beiden kleinen Brüder an den Händen, damit sie im Gemenge der Menschen nicht untergehen. Hino ist schon verschwunden, kaum dass sie hier angekommen sind. Niemand weiß wohin, und wie man Hino kennt, wartet man am besten darauf, dass er irgendwann wieder ankommt und sich wortlos dazusetzt. Hino ist eben seit jeher die zugelaufene, widerspenstige Katze. Wataru hat sich dran gewöhnt und nimmt diese Ausflüge hin. Inzwischen hat er dabei auch fast keine Bauchschmerzen mehr.
Sie sitzen auf Schrotteilen, die man zu Möchtegernstühlen umfunktioniert hat. Außer Yûta und Kaneko. Yûta, weil sie ihn in einem Rollstuhl mitgenommen haben und Kaneko, weil dieser nervös von einem Fuß auf den anderen tritt, den Hals reckt und versucht, zu den Essensständen herüberzusehen.
Kiyama nimmt einen tiefen Schluck und reicht die Flasche an Ryôsuke weiter.
„Die sind alle sicherlich nicht wegen der Musik hier“, stellt er zynisch fest.
Wataru nickt.
In der sich senkenden Nachmittagssonne tigern die Menschen unruhig hin und her, lauernd und schreckhaft. Alle betrachten die freiwilligen Helfer des Festivals, die Kisten an Essen ausladen und Kinder wie lästige Fliegen wegwedeln, weil die Ausgabe offiziell noch nicht angefangen hat.
Die Veranstaltung ist von der Übergangsregierung organisiert, die sich nur langsam und, wenn man dem Buschfunk glaubt, chaotisch formiert. Es geht darum, Essen und Hoffnung an die Überlebenden in der Umgebung zu verteilen und die Kriminalität zu bekämpfen. Beides zwei ehrenwerte Ziele.
Deswegen hat Wataru die anderen mitgebracht. Deswegen sitzen sie vor einer behelfsmäßig zusammengezimmerten Bühne im Dreck, auf einem leeren, großen Platz, an dem früher Einfamilienhäuser gestanden haben und werden von den Ruinen eben dieser angestarrt.
Ryôsuke nimmt einen Zug aus der Flasche und reicht sie an Mizusawa weiter.
Er sitzt, aber er sieht aus, als wollte er jeden Augenblick aufstehen und davonrennen. Seine Knie wippen. Seine frisch blondierten Haarspitzen zittern.
Mizusawa und Kiyama flankieren ihn und betrachten wachsam die Umgebung. Man muss kein Übermensch sein um zu spüren, wie die Stimmung unter der geschäftigen Oberfläche brodelt.
Die Menschen wollen essen. Andere wollen sich prügeln.
Die Musik setzt ein, als die Dieselmotoren warm gelaufen sind. Auf der Bühne schrammelt eine Band Gitarrenriffs mit den immer selben vier Akkorden herunter. Es ist ewig her, dass Wataru Live-Musik gehört hat, das Glücksgefühl möchte sich aber nicht einstellen.
Es wird langsam dunkel, als ein Ruck durch die Situation geht. Die Sicherheitsleute zünden Fackeln an und befestigen sie im Boden. Der Strom reicht nur für die Musik. Die Essensstände geben Nahrung aus: Brot und Reis, gebratenes Fleisch und Kuchen als Nachtisch. Die Panik legt sich nur langsam, nachdem die Menschen bemerken, dass es tatsächlich für jeden reicht.
„Die Welt ist tot, es lebe die Welt!“, ruft jemand auf der Bühne von der dritten Band. Oder der vierten? Wataru hat nicht gezählt und die sehen ohnehin alle gleich aus.
Nach dem Sonnenuntergang ist die Luft nur noch schwülwarm, nicht mehr sengend heiß.
Gestalten in Kapuzenpullovern erscheinen und verteilen Dinge aus ihren schwitzigen Händen in der Menge, die Wataru nicht erkennen kann. Hino erscheint wieder und wirft dem Rest der Gruppe eine Tüte mit liederlich zusammengepacktem Essen hin.
Wataru verspürt den Impuls, ihn dafür zu loben und hinter den Ohren zu kraulen.
„Die Welt ist tot, verfickt nochmal!“, kreischt jemand in der Menge.
„Wir fangen einfach nochmal an!“
Auf dem Platz stiebt langsam aber sicher Sand auf, als die ersten Menschen anfangen zu tanzen. Es sind Frauen in verschlissenen Yukata und zerrissenen Jeans, Männer mit langen Bärten und Lumpen an den Körpern. Manchen fehlt eine Hand oder ein Ohr, wieder andere humpeln. Sie tanzen so wie Zombies in alten Filmen laufen.
Ein Mann kommt auf die kleine Gruppe zu und reicht Wataru ein Bier. Er überschaut ihn und Kiyama, Ryôsuke und Mizu, Yûta im Rollstuhl und schüttelt seine Faust.
„Seht euch an!“, ruft er und seine Stimme schwankt. So unfokussiert wie seine Augen sind, ist der Typ so hart auf irgendwelchen Drogen, dass er morgen nicht mehr wissen wird, wo hinten und vorne ist.
„Ihr habt es überstanden! Nur die Stärksten haben es geschafft und nun seht euch an! Zum Glück ist die Welt untergegangen, Jungs! Das Paradies wartet auf euch!“
„Wer hat den denn rausgelassen?“, flüstert Kiyama.
„Erzähl nicht solchen Scheiß!“
Wataru macht Anstalten, ihm das Bier zurück zu geben.
„Wo soll hier denn bitte das Paradies sein?“
„Das Paradies, mein Junge“, lallt der Typ und beugt sich zu ihm hinunter.
Jetzt, da es fast dunkel ist, kann Wataru viel zu spät sehen, dass dem Kerl fast alle Zähne fehlen.
„Ist genau hier und jetzt!“
Dann lacht er scheppernd und stapft davon.
Auf der Bühne schleppt irgendwer ein Koto an und legt ein Mikro davor. Das Rückkopplungsgeräusch fiept in den Ohren.
„Lass uns abhauen“, sagt Kiyama.
„Wir haben gegessen und sind satt. Alles, was jetzt noch passiert, wird nur noch gefährlicher, je länger wir hier rumhocken.“
Wenn nicht gefährlicher, dann aber wenigstens abgefuckter. Watarus Blick streift ein paar Leute, die den zur Tanzfläche umfunktionierten Platz anfangen als Moshpit zu benutzen. Sie tanzrempeln einander an, manche fallen hin und bleiben blöde kichernd sitzen.
Aha. Soviel zur schönen neuen Welt.
Er stellt sich gerade auf die Füße, erhascht aus dem Augenwinkel einen Blick auf Kaneko und Satoshi, die sich vor dem Gehen noch schnell ein bisschen Brot in den Mund stopfen und schultert seinen Baseballschläger (man weiß ja nie). Hino ist noch immer verschwunden und Wataru versucht gerade, sich in der Menge aus singenden, tanzenden, rempelnden, zugekoksten, betrunkenen, wasauchimmer Menschen nach ihm umzusehen, als Kiyama ihn sehr abrupt an der Schulter fasst.
Seine Finger drücken fest bis auf das Schlüsselbein.
Alarmiert wirft Wataru den Kopf herum.
Er sieht es erst jetzt.
Verfickt, warum sieht er es erst jetzt?
Das winzige Splittergrüppchen aus Ryôsuke, Mizusawa und Yûta ist von fünf großen, sehr schwarz angezogenen Typen umringt.
Wataru hat nicht gesehen, woher und wann sie aufgetaucht sind. Aber alles an ihm spannt sich zum Zerreißen an. Yûta hat sich in seinem Rollstuhl so gerade aufgesetzt wie es geht, um größer zu wirken. Seine Augenbrauen sind zusammengezogen. Mizusawa steht wie eine Wand vor Ryôsuke. Wie eine kleine, sehr zittrige Wand.
Ryôsuke sieht mit einem Mal sehr klein und gebückt aus.
„Das ist er doch, oder?“, hört Wataru die Typen sich unterhalten.
„Nee, keine Chance. Kann gar nicht sein.“
„Doch, doch, wenn ich es euch sage. Guck dir den Mund an. Ich erkenne doch 'nen Mund wieder, in den ich mal abgespritzt habe.“
„Ach, du Angeber.“
„Ey Kleiner, warst du mal in Katôs Gang? Doch, Mann, ich sage dir, er ist es.“
Wataru stürzt auf die Gruppe zu. Er kann sehen, wie Ryôsuke auf den Boden zu seinen Füßen starrt, um jeden Preis jeglichen Blickkontakt vermeidet und zaghaft den Kopf schüttelt.
„Ihr seht doch, dass er euch nicht kennt“, sagt Mizusawa betont ruhig. Seine Finger zittern, doch er bewegt sich nicht von der Stelle.
„Doch, doch, das ist er doch! Katôs kleine Hure. Denkst du, nur weil du jetzt blonde Haare hast, dass wir dich nicht mehr erkennen?“
Es wird bärbeißig gelacht. Dann beugt sich einer der Kerle vor zu Ryôsuke. Wataru ist inzwischen nah genug um zu hören, was der Mann raunt.
„Bist du noch im Geschäft? Ich hab grade Druck in den Eiern!“
Das ist der Augenblick, in dem Wataru ihn von hinten am Kragen packt und zu sich heranreißt.
Niemand hat ihn kommen sehen und er nutzt den Überraschungsmoment aus. Sicherlich müsste er nicht so brutal sein.
Aber er will.
Sein Baseballschläger macht ein dumpfes Geräusch an der Hüfte des Typen. Schreiend knickt der ein wie ein Klappmesser, geht zu Boden. Wataru kann sich nur mit Müh und Not daran hindern, nicht mit dem Stiefel nachzutreten.
„Bist du irre?!“, brüllt ihn ein anderer an.
Die vier restlichen Knilche schauen geschockt. Am schwimmenden Blick in ihren Augen erkennt Wataru, dass die allesamt high sein müssen. Umso besser. Allein mit Kiyama hätte er womöglich keine Chance gegen sie.
„Lasst meine Leute in Ruhe!“, knurrt Wataru zornig.
„Oder ich brech' euch sämtliche Knochen!“
„Wataru“, warnt Kiyama leise.
„Wir haben uns doch nur mit deinem Freund hier unterhalten“, wirft ein Dritter ein. Sein Kopf ist kahl geschoren und mit Narben übersät.
„Er will aber nicht mit Abschaum wie euch reden!“, spuckt Wataru.
„Also verpisst euch gefälligst!“
„Pff.“ Der vierte Typ packt seinen Kumpel am Boden und zerrt ihn in quälender Langsamkeit wieder auf die Füße. Ihre Bewegungen sind so träge, dass es zwischendurch so aussieht, als würden sie gleich zusammen wieder hinfallen.
„Du musst nicht gleich scheiße sein, nur weil du ihn nicht rausrücken willst. Katô hat wenigstens geteilt.“
Wataru holt mit dem Schläger aus.
„Wataru.“
Er gefriert in der Bewegung, sieht, wie Kiyamas Arme über seiner Schulter schweben.
Yûta, der eben seinen Namen gesagt hat, ist kurz davor, aus dem Rollstuhl aufzustehen. Seine Arme sind gestreckt, sein Gesicht schmerzverzerrt.
Mizusawa, der seinen Arm beschützend um Ryôsuke gelegt hat, sieht aus, als würde er jeden Augenblick aus reiner Verzweiflung irgendwen der gegnerischen Gang anspringen.
Wataru schließt die Augen und atmet tief durch.
„Zieht einfach Leine, ihr Wichser“, knurrt er und schultert den Schläger.
Zu seiner eigenen Bande wispert er;
„Los kommt. Wir haben hier nix mehr verloren.“
Sie ziehen die einsamen, finsteren Straßen wie geprügelte Hunde entlang. Satoshi hat eine Fackel mitgenommen und leuchtet ihnen den Weg. Kaneko trägt Essen in staubigen Plastiktüten. Nippori zieht seine müden Brüder hinter sich her. Kiyama schiebt Yûtas Rollstuhl. Hino trottet hinter ihnen mit einem Abstand von zehn Metern, als wolle er so tun, als würde er nicht zu ihnen gehören.
Ryôsuke presst tapfer die Lippen zusammen, seine Schultern so angespannt wie schon lange nicht mehr. Mizu geht neben ihm, hält seine Hand und sieht aus, als würde er gleich explodieren.
Das sind sie.
Das ist, was nach dem Ende der Welt passiert ist.
Wie kann man da Hurra schreien? Wie kann man sowas feiern?
„Es tut mir leid“, sagt Ryôsuke irgendwann plötzlich. Er richtet sich auf und seine Augen sind groß und rot.
„Dass ich dir Schande bereite.“
Wataru bleibt stehen. Der gesamte Trupp tut es ihm nach und er spürt die Blicke aller der Jungen auf sich.
„Blödsinn“, sagt er und versucht, seine Stimme unter Kontrolle zu halten.
„Die Typen sind eine Schande. All diese Idioten sind eine Schande. Du bist unser Freund.“
Mizu nickt heftig.
Kaneko raschelt mit der Tüte. Kiyama macht den Mund auf und schließt ihn dann wieder ohne etwas zu sagen.
„Mach dir keine Sorgen“, sagt Wataru, diesmal etwas leiser.
„Wir passen auf dich auf. Das von damals...“ Er spürt seinen Mund trocken werden, er denkt an Ryôsuke in der Gewitternacht, in der er ihn gefunden und gedacht hat, er sei tot. Er denkt an das Bündel Mensch, in dem er Ryôsuke entdeckt hat.
„Das von damals wird nie wieder passieren. Keinem von euch.“
Er schaut hoch und trifft Mizusawas Blick, Kiyamas, Kanekos, Satoshis, Nipporis, Yûtas.
„Dafür sorge ich, und wenn es das letzte ist, was ich tu.“
Die Jungen schweigen ihn an. Einige nicken bedrippt.
Dann setzen sie sich wieder in Bewegung.
Das ist, was sie sind. Eine Horde an kaputten Überlebenden, und vielleicht eben doch noch so viel realer als all diese Entmenschlichten, die das Ende der Welt feiern.
Fandom: Tumbling (Dystopie!AU)
Challenge: AU - Dystopie (für mich)
Personen: Cool and the Gang..äh, Wataru und seine Krüppeltruppe, vor allem Ryôsuke, Mizusawa, Kiyama und Yûta
Wörter: ~2100
Warnung: Erwähnung von rape/non-con
Anmerkung: Das ist eine kleine Ergänzung zu der Dystopie von letztem Jahr. Und ja, ich wurde mehr oder weniger inspiriert vom Song von K.I.Z. mit dem selben Titel wie dieser hier.
Die Lautsprecher sehen gelb von Sand und Staub aus, doch sie funktionieren.
Sie plärren in schiefen Tönen, fallen Millisekunden lang aus und kommen dröhnend zurück. Hinter der Bühne pumpen Dieselmotoren Strom in sie hinein, vorbei am wackeligen Mischpult der Tonleute.
Um Wataru und seine Freunde herum strömen Massen an Menschen auf das Festivalgelände. Manche tragen Schwarz, andere sind in bunte Lumpen gehüllt, viele sind barfuß unterwegs. Münder mit Zahnlücken lachen in das Treiben hinein, halb durchsichtige Schleier werden über halb kahle Frauenköpfe gelegt, es klacken Bierflaschen aneinander.
„Ende=Anfang“, heißt das Festival und es ist der unkreativste Titel der Menschheitsgeschichte. Man könnte meinen, dass nach dem Untergang der Welt, wie alle sie kennen, zu dramatischeren Worten gegriffen würde. Zu Botschaften, die von Herzen kommen. Zu...Revolutionen, hervorgebracht durch Demut und Liebe, weil man einfach verflucht noch einmal überlebt hat.
Er reicht sein Bier weiter an Kiyama und schaut sich um.
Am Rand des Geländes erkennt man die orangenen Westen des Sicherheitspersonals. Sämtliche Gangs aus der Umgebung sind offiziell ausgeladen und alle ignorieren, dass die Hälfte des Personals selber Schläger sind, die nur für das kostenlose Abendessen gekommen sind, welches vom Veranstalter gestellt wird. Wataru weiß das, weil er selbst auch dafür vorgesprochen hat.
Er hat die Lage mit Kiyama geprüft und erst dann den Rest der Bande geholt.
Nippori hält seine beiden kleinen Brüder an den Händen, damit sie im Gemenge der Menschen nicht untergehen. Hino ist schon verschwunden, kaum dass sie hier angekommen sind. Niemand weiß wohin, und wie man Hino kennt, wartet man am besten darauf, dass er irgendwann wieder ankommt und sich wortlos dazusetzt. Hino ist eben seit jeher die zugelaufene, widerspenstige Katze. Wataru hat sich dran gewöhnt und nimmt diese Ausflüge hin. Inzwischen hat er dabei auch fast keine Bauchschmerzen mehr.
Sie sitzen auf Schrotteilen, die man zu Möchtegernstühlen umfunktioniert hat. Außer Yûta und Kaneko. Yûta, weil sie ihn in einem Rollstuhl mitgenommen haben und Kaneko, weil dieser nervös von einem Fuß auf den anderen tritt, den Hals reckt und versucht, zu den Essensständen herüberzusehen.
Kiyama nimmt einen tiefen Schluck und reicht die Flasche an Ryôsuke weiter.
„Die sind alle sicherlich nicht wegen der Musik hier“, stellt er zynisch fest.
Wataru nickt.
In der sich senkenden Nachmittagssonne tigern die Menschen unruhig hin und her, lauernd und schreckhaft. Alle betrachten die freiwilligen Helfer des Festivals, die Kisten an Essen ausladen und Kinder wie lästige Fliegen wegwedeln, weil die Ausgabe offiziell noch nicht angefangen hat.
Die Veranstaltung ist von der Übergangsregierung organisiert, die sich nur langsam und, wenn man dem Buschfunk glaubt, chaotisch formiert. Es geht darum, Essen und Hoffnung an die Überlebenden in der Umgebung zu verteilen und die Kriminalität zu bekämpfen. Beides zwei ehrenwerte Ziele.
Deswegen hat Wataru die anderen mitgebracht. Deswegen sitzen sie vor einer behelfsmäßig zusammengezimmerten Bühne im Dreck, auf einem leeren, großen Platz, an dem früher Einfamilienhäuser gestanden haben und werden von den Ruinen eben dieser angestarrt.
Ryôsuke nimmt einen Zug aus der Flasche und reicht sie an Mizusawa weiter.
Er sitzt, aber er sieht aus, als wollte er jeden Augenblick aufstehen und davonrennen. Seine Knie wippen. Seine frisch blondierten Haarspitzen zittern.
Mizusawa und Kiyama flankieren ihn und betrachten wachsam die Umgebung. Man muss kein Übermensch sein um zu spüren, wie die Stimmung unter der geschäftigen Oberfläche brodelt.
Die Menschen wollen essen. Andere wollen sich prügeln.
Die Musik setzt ein, als die Dieselmotoren warm gelaufen sind. Auf der Bühne schrammelt eine Band Gitarrenriffs mit den immer selben vier Akkorden herunter. Es ist ewig her, dass Wataru Live-Musik gehört hat, das Glücksgefühl möchte sich aber nicht einstellen.
Es wird langsam dunkel, als ein Ruck durch die Situation geht. Die Sicherheitsleute zünden Fackeln an und befestigen sie im Boden. Der Strom reicht nur für die Musik. Die Essensstände geben Nahrung aus: Brot und Reis, gebratenes Fleisch und Kuchen als Nachtisch. Die Panik legt sich nur langsam, nachdem die Menschen bemerken, dass es tatsächlich für jeden reicht.
„Die Welt ist tot, es lebe die Welt!“, ruft jemand auf der Bühne von der dritten Band. Oder der vierten? Wataru hat nicht gezählt und die sehen ohnehin alle gleich aus.
Nach dem Sonnenuntergang ist die Luft nur noch schwülwarm, nicht mehr sengend heiß.
Gestalten in Kapuzenpullovern erscheinen und verteilen Dinge aus ihren schwitzigen Händen in der Menge, die Wataru nicht erkennen kann. Hino erscheint wieder und wirft dem Rest der Gruppe eine Tüte mit liederlich zusammengepacktem Essen hin.
Wataru verspürt den Impuls, ihn dafür zu loben und hinter den Ohren zu kraulen.
„Die Welt ist tot, verfickt nochmal!“, kreischt jemand in der Menge.
„Wir fangen einfach nochmal an!“
Auf dem Platz stiebt langsam aber sicher Sand auf, als die ersten Menschen anfangen zu tanzen. Es sind Frauen in verschlissenen Yukata und zerrissenen Jeans, Männer mit langen Bärten und Lumpen an den Körpern. Manchen fehlt eine Hand oder ein Ohr, wieder andere humpeln. Sie tanzen so wie Zombies in alten Filmen laufen.
Ein Mann kommt auf die kleine Gruppe zu und reicht Wataru ein Bier. Er überschaut ihn und Kiyama, Ryôsuke und Mizu, Yûta im Rollstuhl und schüttelt seine Faust.
„Seht euch an!“, ruft er und seine Stimme schwankt. So unfokussiert wie seine Augen sind, ist der Typ so hart auf irgendwelchen Drogen, dass er morgen nicht mehr wissen wird, wo hinten und vorne ist.
„Ihr habt es überstanden! Nur die Stärksten haben es geschafft und nun seht euch an! Zum Glück ist die Welt untergegangen, Jungs! Das Paradies wartet auf euch!“
„Wer hat den denn rausgelassen?“, flüstert Kiyama.
„Erzähl nicht solchen Scheiß!“
Wataru macht Anstalten, ihm das Bier zurück zu geben.
„Wo soll hier denn bitte das Paradies sein?“
„Das Paradies, mein Junge“, lallt der Typ und beugt sich zu ihm hinunter.
Jetzt, da es fast dunkel ist, kann Wataru viel zu spät sehen, dass dem Kerl fast alle Zähne fehlen.
„Ist genau hier und jetzt!“
Dann lacht er scheppernd und stapft davon.
Auf der Bühne schleppt irgendwer ein Koto an und legt ein Mikro davor. Das Rückkopplungsgeräusch fiept in den Ohren.
„Lass uns abhauen“, sagt Kiyama.
„Wir haben gegessen und sind satt. Alles, was jetzt noch passiert, wird nur noch gefährlicher, je länger wir hier rumhocken.“
Wenn nicht gefährlicher, dann aber wenigstens abgefuckter. Watarus Blick streift ein paar Leute, die den zur Tanzfläche umfunktionierten Platz anfangen als Moshpit zu benutzen. Sie tanzrempeln einander an, manche fallen hin und bleiben blöde kichernd sitzen.
Aha. Soviel zur schönen neuen Welt.
Er stellt sich gerade auf die Füße, erhascht aus dem Augenwinkel einen Blick auf Kaneko und Satoshi, die sich vor dem Gehen noch schnell ein bisschen Brot in den Mund stopfen und schultert seinen Baseballschläger (man weiß ja nie). Hino ist noch immer verschwunden und Wataru versucht gerade, sich in der Menge aus singenden, tanzenden, rempelnden, zugekoksten, betrunkenen, wasauchimmer Menschen nach ihm umzusehen, als Kiyama ihn sehr abrupt an der Schulter fasst.
Seine Finger drücken fest bis auf das Schlüsselbein.
Alarmiert wirft Wataru den Kopf herum.
Er sieht es erst jetzt.
Verfickt, warum sieht er es erst jetzt?
Das winzige Splittergrüppchen aus Ryôsuke, Mizusawa und Yûta ist von fünf großen, sehr schwarz angezogenen Typen umringt.
Wataru hat nicht gesehen, woher und wann sie aufgetaucht sind. Aber alles an ihm spannt sich zum Zerreißen an. Yûta hat sich in seinem Rollstuhl so gerade aufgesetzt wie es geht, um größer zu wirken. Seine Augenbrauen sind zusammengezogen. Mizusawa steht wie eine Wand vor Ryôsuke. Wie eine kleine, sehr zittrige Wand.
Ryôsuke sieht mit einem Mal sehr klein und gebückt aus.
„Das ist er doch, oder?“, hört Wataru die Typen sich unterhalten.
„Nee, keine Chance. Kann gar nicht sein.“
„Doch, doch, wenn ich es euch sage. Guck dir den Mund an. Ich erkenne doch 'nen Mund wieder, in den ich mal abgespritzt habe.“
„Ach, du Angeber.“
„Ey Kleiner, warst du mal in Katôs Gang? Doch, Mann, ich sage dir, er ist es.“
Wataru stürzt auf die Gruppe zu. Er kann sehen, wie Ryôsuke auf den Boden zu seinen Füßen starrt, um jeden Preis jeglichen Blickkontakt vermeidet und zaghaft den Kopf schüttelt.
„Ihr seht doch, dass er euch nicht kennt“, sagt Mizusawa betont ruhig. Seine Finger zittern, doch er bewegt sich nicht von der Stelle.
„Doch, doch, das ist er doch! Katôs kleine Hure. Denkst du, nur weil du jetzt blonde Haare hast, dass wir dich nicht mehr erkennen?“
Es wird bärbeißig gelacht. Dann beugt sich einer der Kerle vor zu Ryôsuke. Wataru ist inzwischen nah genug um zu hören, was der Mann raunt.
„Bist du noch im Geschäft? Ich hab grade Druck in den Eiern!“
Das ist der Augenblick, in dem Wataru ihn von hinten am Kragen packt und zu sich heranreißt.
Niemand hat ihn kommen sehen und er nutzt den Überraschungsmoment aus. Sicherlich müsste er nicht so brutal sein.
Aber er will.
Sein Baseballschläger macht ein dumpfes Geräusch an der Hüfte des Typen. Schreiend knickt der ein wie ein Klappmesser, geht zu Boden. Wataru kann sich nur mit Müh und Not daran hindern, nicht mit dem Stiefel nachzutreten.
„Bist du irre?!“, brüllt ihn ein anderer an.
Die vier restlichen Knilche schauen geschockt. Am schwimmenden Blick in ihren Augen erkennt Wataru, dass die allesamt high sein müssen. Umso besser. Allein mit Kiyama hätte er womöglich keine Chance gegen sie.
„Lasst meine Leute in Ruhe!“, knurrt Wataru zornig.
„Oder ich brech' euch sämtliche Knochen!“
„Wataru“, warnt Kiyama leise.
„Wir haben uns doch nur mit deinem Freund hier unterhalten“, wirft ein Dritter ein. Sein Kopf ist kahl geschoren und mit Narben übersät.
„Er will aber nicht mit Abschaum wie euch reden!“, spuckt Wataru.
„Also verpisst euch gefälligst!“
„Pff.“ Der vierte Typ packt seinen Kumpel am Boden und zerrt ihn in quälender Langsamkeit wieder auf die Füße. Ihre Bewegungen sind so träge, dass es zwischendurch so aussieht, als würden sie gleich zusammen wieder hinfallen.
„Du musst nicht gleich scheiße sein, nur weil du ihn nicht rausrücken willst. Katô hat wenigstens geteilt.“
Wataru holt mit dem Schläger aus.
„Wataru.“
Er gefriert in der Bewegung, sieht, wie Kiyamas Arme über seiner Schulter schweben.
Yûta, der eben seinen Namen gesagt hat, ist kurz davor, aus dem Rollstuhl aufzustehen. Seine Arme sind gestreckt, sein Gesicht schmerzverzerrt.
Mizusawa, der seinen Arm beschützend um Ryôsuke gelegt hat, sieht aus, als würde er jeden Augenblick aus reiner Verzweiflung irgendwen der gegnerischen Gang anspringen.
Wataru schließt die Augen und atmet tief durch.
„Zieht einfach Leine, ihr Wichser“, knurrt er und schultert den Schläger.
Zu seiner eigenen Bande wispert er;
„Los kommt. Wir haben hier nix mehr verloren.“
Sie ziehen die einsamen, finsteren Straßen wie geprügelte Hunde entlang. Satoshi hat eine Fackel mitgenommen und leuchtet ihnen den Weg. Kaneko trägt Essen in staubigen Plastiktüten. Nippori zieht seine müden Brüder hinter sich her. Kiyama schiebt Yûtas Rollstuhl. Hino trottet hinter ihnen mit einem Abstand von zehn Metern, als wolle er so tun, als würde er nicht zu ihnen gehören.
Ryôsuke presst tapfer die Lippen zusammen, seine Schultern so angespannt wie schon lange nicht mehr. Mizu geht neben ihm, hält seine Hand und sieht aus, als würde er gleich explodieren.
Das sind sie.
Das ist, was nach dem Ende der Welt passiert ist.
Wie kann man da Hurra schreien? Wie kann man sowas feiern?
„Es tut mir leid“, sagt Ryôsuke irgendwann plötzlich. Er richtet sich auf und seine Augen sind groß und rot.
„Dass ich dir Schande bereite.“
Wataru bleibt stehen. Der gesamte Trupp tut es ihm nach und er spürt die Blicke aller der Jungen auf sich.
„Blödsinn“, sagt er und versucht, seine Stimme unter Kontrolle zu halten.
„Die Typen sind eine Schande. All diese Idioten sind eine Schande. Du bist unser Freund.“
Mizu nickt heftig.
Kaneko raschelt mit der Tüte. Kiyama macht den Mund auf und schließt ihn dann wieder ohne etwas zu sagen.
„Mach dir keine Sorgen“, sagt Wataru, diesmal etwas leiser.
„Wir passen auf dich auf. Das von damals...“ Er spürt seinen Mund trocken werden, er denkt an Ryôsuke in der Gewitternacht, in der er ihn gefunden und gedacht hat, er sei tot. Er denkt an das Bündel Mensch, in dem er Ryôsuke entdeckt hat.
„Das von damals wird nie wieder passieren. Keinem von euch.“
Er schaut hoch und trifft Mizusawas Blick, Kiyamas, Kanekos, Satoshis, Nipporis, Yûtas.
„Dafür sorge ich, und wenn es das letzte ist, was ich tu.“
Die Jungen schweigen ihn an. Einige nicken bedrippt.
Dann setzen sie sich wieder in Bewegung.
Das ist, was sie sind. Eine Horde an kaputten Überlebenden, und vielleicht eben doch noch so viel realer als all diese Entmenschlichten, die das Ende der Welt feiern.
no subject
Date: 2016-07-03 07:43 pm (UTC)Ach Wataru .... ;____;
*in Tränen ausbrech*
Ich glaube ich erwähne gar nicht oft genug wie sehr ich Wataru liebe. Aber ich LIEBE Wataru. ;_;
Ich liebe es wie wachsam er die ganze Zeit ist, wie er von Anfang an, skeptisch ist ob das eine gute Idee ist hierher zu kommen und wie er konstant überlegt ob er und Kiyama in der Lage sind die anderen zu beschützen.
Und wie er sich sofort vor Ryousuke stellt (so wie Mizu und Yuuta) und bereit ist sich mit der ganzen Bande auf einmal anzulegen, wenn sie nicht sofort wieder verschwinden und ihn in Ruhe lassen ... ;_;
Ach Wataru ...
Das ganze ist so unendlich traurig, die ganze Stimmung, diese Parodie auf ein Open Air Konzert. Weil das sind Leute die da sind um was zu Essen zu kriegen und die ganze Zeit Angst haben, dass es nicht reicht. Und diese paar armen Seelen, die was von wegen "neue Welt" faseln, aber wo man merkt, die sind eigentlich auch nur total kaputt und vermutlich 24/7 auf Drogen oder total besoffen um das irgendwie auszuhalten. ._.
Und dann diese ganz bedrohliche Situation wo Ryousukes alte Gang auftaucht und ihn prompt wiedererkennt... ugh ....
Gah.
Alles daran ist einfach nur furchtbar.
Armer Ryousuke. ;_; Ach Herzchen. Lass dich von Mizu puscheln und kuschel dich nachher in seine Arme.
Das war sehr eindringlich geschrieben und Bauchschmerzen verursachend.
Und hach.... ich hab so viel Liebe für Wataru grade. ;_;
no subject
Date: 2016-07-05 06:41 pm (UTC)Ich habe so viel Liebe für Wataru! Er ist immer so besorgt um alle anderen und man merkt richtig, wie es ihm eiskalt durchläuft, als er merkt, was bei Ryôsuke, Yûta und Mizusawa los ist. Aber dann legt er sich natürlich direkt mit diesen Idioten an und gewinnt auch noch! Bless him ♥
Mizusawa ist auch ein Geschenk des Himmels, er ist doch selbst so schmal! Und dann stellt er sich vor Ryôsuke, obwohl er selbst auch solche Angst haben muss. .___.
Und wie fertig Ryôsuke ist, als sie die Typen wieder los sind. Hach, Wataru... wie macht er das nur, immer so unglaublich toll zu sein? Wie machst DU das nur? Es war wirklich eine bittersüße, schmerzhafte Freude, es zu lesen.
(und die Festivalstimmung erinnerte mich ein bisschen an Mad Max... irgendwie... XD Fand ich gut!)